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Historischer „Ring“ : Wie Wagners Wogen wirklich walten

Kent Nagano ergründet das Original von Wagners „Ring“. Jetzt in der Elbphilharmonie, 2027 im Wiener Konzerthaus.
Ein Dirigent leitet ein großes Orchester auf einer Bühne vor einem aufmerksam zuhörenden Publikum.

Richard Wagner und historische Aufführungspraxis? Versuche in diese Richtung erweckten bisher eher unseliges Grauen. Wer zumindest einen davon schon erlebt hat (wie etwa beim „fliegenden Holländer“ 2015), sollte sich davon nicht abschrecken lassen und auf Kent Naganos „Ring“ einlassen, der 2027 im Wiener Konzerthaus zu hören sein wird.

Wie gewaltig, wie aufwühlend Wagners Musik wirklich klingt, wenn man diese so aufführt, wie es vielleicht deren Schöpfer selbst im Ohr hatte, demonstriert Nagano mit dem Dresdner Festspielorchester und dem Concerto Köln. Mit Jan Vogler, dem Cellisten und Generalintendanten der Dresdner Musikfestspiele Dresden, ersann Nagano dann „The Ring Cycles“, eine Aufführung der Tetralogie, wie sie zu Lebzeiten ihres Schöpfers geklungen haben könnte. Mehr als zehn Jahre erforschte Nagano mit Musikwissenschaftern Wagners Gesamtkunstwerk. 2023 hob er seinen „Ring“ mit dem „Rheingold“ an. Jetzt, 150 Jahre nach der Uraufführung der Tetralogie in Bayreuth, vollendet er sein Projekt.

Konzertant in Hamburg

Der KURIER erlebte „Die Götterdämmerung“ in der Hamburger Elbphilharmonie in einer konzertanten Aufführung. Zugegeben, selbst passionierten Wagner-Anhängern kommt das Seil, das die Nornen zu Beginn spinnen, in manchen Aufführungen etwas lang vor. Doch hier kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Diese drei Schwestern zwangen einen, genau zuzuhören. Das Orchester spann diese Musik wie einen feinen seidenen Faden mit. Wie von weiter Ferne war ein orchestrales Lodern zu hören und flugs ist man bereits auf Brünhildes Felsen. Das Verblüffende, wie dreidimensional die Musik erscheint. Das mutet zunächst wie ein Widerspruch an, da Wagner ein Gesamtkunstwerk aus Musik, Literatur und Bühnenbild geschaffen hat. Plötzlich aber kommt es einem vor, als würden alle Kunstgattungen in der Musik zusammenfließen.

Kulissen, Bühnenbilder werden überflüssig, die Musik zeigt und erzählt alles. Sie spricht und tönt und wird so selbst zum Gesamtkunstwerk. Wenn etwa Siegfried seine „Rheinfahrt“ antritt, spürt man sein Gefährt auf den wogenden Wellen richtig hüpfen. Eine historische Windmaschine wird in Gang gesetzt und saust und braust. Siegfrieds Hornruf ertönt durch echte Stierhörner. Nagano arbeitet jedes Motiv akribisch heraus. Da verfolgt man jeden Akkord auf der Sesselkante. Auch der Umgang mit dem Text ist historisch informiert. Gesprochene Worte mitten im Gesang lassen eine unfassbare Natürlichkeit entstehen, die das Maß an Spannung noch mehr erhöht.

Überragende Brünnhilde

Das macht vor allem Åsa Jäger als alle und mit Leichtigkeit jedes orchestrale Forte überragende Brünnhilde deutlich. Diesen Namen merkt man sich gern. Ihr Sopran klingt in allen Lagen strahlend schön. Mehr als ausbaubedürftig ist ihr Siegfried Young Woo Kim, der vor allem laut sein kann. Daniel Schmutzhard packt einen als feinnerviger Alberich. Patrick Zielke zeigt einen modernen, ausdrucksstarken Hagen. Olivia Vermeulen ist eine starke, wortdeutliche Waltraute und betörende Rheintochter. Johannes Kammler ein flotter Gunther, Sophia Brommer eine solide Gutrune. Großartig die Chöre. Ovationen!

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