Historischer „Ring“ : Wie Wagners Wogen wirklich walten
Richard Wagner und historische Aufführungspraxis? Versuche in diese Richtung erweckten bisher eher unseliges Grauen. Süßes Vergehen ist jedoch möglich, wenn man dabei so vorgeht wie Kent Nagano. Mit dem Dresdner Festspielorchester und dem Concerto Köln ergründet er, wie „Der Ring des Nibelungen“ wirklich klingt, wenn man ihn so aufführt, wie ihn vielleicht dessen Schöpfer selbst im Ohr hatte, nämlich als aufwühlendes Klangtheater. Da fällt einem Wotans Satz aus dem „Rheingold“ ein: „Den Ring muss ich haben.“ Das Beste ist, das können wir, wenn ihn das Konzerthaus 2027 aufführt.
Mehr als zehn Jahre erforschte Nagano mit Musikwissenschaftern Wagners Arbeit. 2023 hob sein mit Jan Vogler, dem Cellisten und Generalintendanten der Dresdner Musikfestspiele“, mit dem „Rheingold“ an. Jetzt, 150 Jahre nach der Uraufführung der Tetralogie in Bayreuth, vollendet Nagano das Projekt
Konzertant in Hamburg
Der KURIER erlebte „Die Götterdämmerung“ in der Hamburger Elbphilharmonie in einer konzertanten Aufführung. Zugegeben, selbst passionierten Wagner-Anhängern kommt das Seil, das die Nornen zu Beginn spinnen, in manchen Aufführungen etwas lang vor. Doch hier, kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Diese drei Schwestern zwangen einen genau zuzuhören. Das Orchester spann diese Musik wie einen feinen seidenen Faden mit. Wie von weiter Ferne war ein orchestrales Lodern zu hören und flugs ist man bereits auf Brünhildes Felsen. Das Verblüffende, wie dreidimensional die Musik erscheint. Das mutet zunächst wie ein Widerspruch an, da Wagner ein Gesamtkunstwerk aus Musik, Literatur und Bühnenbild geschaffen hat. Plötzlich aber kommt es einem vor, als würden alle Kunstgattungen in der Musik zusammenfließen. Kulissen, Bühnenbilder werden überflüssig, die Musik zeigt und erzählt alles. Sie spricht und tönt und wird so selbst zum Gesamtkunstwerk. Wenn etwa Siegfried seine „Rheinfahrt“ antritt, spürt man sein Gefährt auf den wogenden Wellen richtig hüpfen. Eine historische Windmaschine wird in Gang gesetzt und saust und braust. Siegfrieds Hornruf ertönt durch echte Stierhörner. Nagano arbeitet jedes Motiv akribisch heraus. Da verfolgt man jeden Akkord auf der Sesselkante. Auch der Umgang mit dem Text ist historisch informiert. Gesprochene Worte mitten im Gesang lassen eine unfassbare Natürlichkeit entstehen, die das Maß an Spannung noch mehr erhöht.
Überragende Brünnhilde
Das führt vor allem Åsa Jäger als alle und mit Leichtigkeit jede orchestrale Woge überragende und absolute wortdeutliche Brünnhilde vor. Diesen Namen merkt man sich gern. Ihr Sopran klingt in allen Lagen strahlend schön. Mehr als ausbaubedürftig ist ihr Siegfried Young Woo Kim, der vor allem laut sein kann. Daniel Schmutzhard packt einen als feinnerviger Alberich. Patrick Zielke, der als Schauspieler wie als Sänger beeindruckt, zeigt einen modernen, ausdrucksstarken Hagen. Olivia Vermeulen ist eine starke, wortdeutliche Waltraute und betörende Rheintochter. Johannes Kammler ein flotter Gunther, Sophia Brommer eine solide Gutrune. Großartig die Chöre. Ovationen!
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