Wenn eine Oper radikal weitergedacht wird

Eine Frau kniet neben einem liegenden Mann auf einer dunklen Bühne.
"Herzog Blaubarts Burg" bei den Wiener Festwochen: genial daneben.

Es ist eine Freude, was bei den Festwochen auch dieses Jahr alles möglich war. Qualität trifft auf Experiment, Bekanntes auf Unbekanntes, Herkömmliches wird neu gedeutet – schade, dass der Alltag allzu rasch zurück ist und die Suche nach neuen theatralischen Formen wieder aus dem Fokus rückt.

Beispielhaft für faszinierende Zugänge und Konstellationen war die allerletzte Premiere im Theater an der Wien: Béla Bartóks "Herzog Blaubarts Burg", kombiniert mit Robert Schumanns "Geistervariationen". Diese nie zuvor dagewesene inhaltliche Verknüpfung kann man damit begründen, dass es in beiden Werken auch um Spuk geht: Bartók erzählt das blutige Märchen von Blaubart und dessen ermordeten Frauen, anknüpfend bei Judith, die zu ihm in die dunkle Burg zieht und hinter sieben verschlossenen Türen sofort Tragisches vermutet; Schumanns Werk ist sein letztes, unter dem Eindruck von Geisterscheinungen entstanden, sogar von einem Selbstmordversuch unterbrochen.

Andrea Breths Ansatz ist ebenso mitreißend wie verstörend: Sie denkt Bartóks Oper radikal weiter und versucht im zweiten Teil zu zeigen, was hinter den Mauern der Burg wirklich geschieht. Man sieht eine Mischung aus Altersheim und Nervenheilanstalt sowie die Frauen des Herzogs. Manche Bewohner sind verrückt geworden und lernen Zugfahrpläne auswendig. Andere wie der fabelhafte Michael Reardon erinnern sich an ihre (Tänzer-) Karriere. Zum Zeitvertreib werden Heizkörper geputzt.

Bilder der Inszenierung

Eine Theaterszene mit vier Schauspielern vor einer dunklen Backsteinmauer.

ARCHIVBILD: FOTOPROBE / WIENER FESTWOCHEN / "HERZO
Ein Mann im Anzug und eine Frau im Kleid liegen auf einer steinernen Oberfläche.

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Szene aus einem Theaterstück mit zwei Schauspielern in Umarmung vor einer Tür.

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Eine Frau in der Mitte wird von einem Mann auf der Bühne frisiert.

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Eine Frau kniet neben einem liegenden Mann auf einer dunklen Bühne.

WIENER FESTWOCHEN Herzog Blaubarts Burg Musikali…

Faszinosum

Dieses 30-minütige Intermezzo ohne Musik zu den Themen Älterwerden und Eingesperrtsein (bis Elisabeth Leonskaja endlich hinter der Bühne Schumann spielt) ergibt aber keine packende Geschichte, das Timing ist fatal, manches banal. Dieser Versuch ist dramaturgisch völlig danebengegangen, bleibt aber dennoch als Faszinosum haften und zeigt wieder einmal, dass Kunst auch scheitern dürfen muss.

Was man vor der Pause sieht, ist dafür von größter Intensität, inszenatorischer Kraft, darstellerischer Gewalt und musikalischer Güte. Breth erzählt die Geschichte auf der Drehbühne von Martin Zehetgruber, die für jedes Türengeheimnis binnen Sekunden einen idealen Raum schafft, wie einen Schwarz-Weiß-Krimi mit psychologischer Tiefenforschung und ohne vorschnelle Urteile. Bei ihr ist Blaubart zunächst das Raubtier, das gegen Wände läuft und zunehmend irre wird, während sich Judith verbissen ins Verderben stürzt. Die Protagonisten – die Mezzosopranistin Nora Gubisch und der Bass Gábor Bretz – singen und spielen aufopfernd, jede Geste macht Sinn, jeder Ton ist eine Erzählung oder ein Aufschrei. Sängerisch changieren sie zwischen höchster Dramatik und feinen Lyrismen.

Kent Nagano dirigiert das Mahler Jugendorchester kraftvoll und dynamisch differenziert, die Farbenpalette ist beeindruckend. Bartók wird überzeugend als Spätromantiker und Erneuerer gezeigt.

Insgesamt eine Produktion voller Risken. Und im Misslingen interessanter und nachhaltiger als vieles, das als gelungen gilt.

KURIER-Wertung:

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