Gute-Laune-Ausstellung: Lady Lauch und die Zitronenpauke
Lady Leel, der mondänste Lauch der Welt.
Als Bildhauer hat man meist keine große Fehlerflexibilität. Wenn man sich im, sagen wir, Marmor „verhaut“ hat, dann kann man sich da nicht so schnell helfen. Für Henry Rox war das einfacher. Der konnte im Fall des Falles sein Material einfach aufessen.
Denn Rox hat Skulpturen aus Obst und Gemüse gemacht. Tomate, Zitrone, Zwiebel, Melone – man würde gar nicht glauben, wie viel doppelbödiger Humor in diesen Lebensmitteln steckt. Anders gesagt: Lange vor Maurizio Cattelan und den Minions hat jemand das Potenzial von Bananen entdeckt. Im Photoinstitut Bonartes kann man diese Kunstwerke von Henry Rox jetzt in einer Ausstellung sehen.
Aus Berlin ins Exil
Nicht immer war Rox’ Ausgangsmaterial so genießbar. Der 1899 als Heinrich Rosenberg geborene Künstler war in Berlin ein angesehener Bildhauer mit großem Atelier. Er arbeitete mit Holz, Ton, Terrakotta. 1934 aber musste er mit seiner Frau ins Exil nach London, wo sie ihren Namen änderten. Dort lebten sie in einer Ein-Zimmer-Wohnung und das Atelier schrumpfte auf einen Küchentisch. Der Vorteil der neuen Rohstoffe war: Sie waren billig.
Henry Rox mit musizierenden Bananen.
Im Film mit Judy Garland
Weil die Objekte ein Ablaufdatum hatten, musste Rox sie fotografieren. 1935 veröffentlichte er – mit James Laver, einem Kunst- und Modehistoriker – sein erstes Buch, „Tommy Apple and his Adventures in Banana-Land“. Tommy Apple, der kernige Kerl mit dem Apfelkopf verteidigt im Banana-Land die gelben Freunde vor kriminellen Klappmessern.
Rox’ Gestaltungsidee kam gut an – weil sie von den üblichen vermenschlichten Tieren, wie sie ein Walt Disney popularisierte, abwich. 1939 zog Rox mit seiner Frau in die USA. An einem kleinen College in Massachusetts bekam er einen Teilzeitjob.
Aber den Naturalien blieb er treu. Das Magazin „Life“ stellte seine Gemüseskulpturen einem großen Publikum vor. Das brachte ihm nicht nur Aufträge von „Life“ selbst, sondern auch den Auftritt eines Früchte-Orchesters im Film „Strike Up The Band“ mit Judy Garland und Mickey Rooney. Da wippen die Traubenlocken am Dirigentenkopf, da schlägt ein Orangenkopf die Zitronenpauke und ein Nussgesicht zupft die Nussknackerharfe.
Ausstellung: Henry Rox "Banana Circus", bis 6. Februar
Photoinstitut Bonartes, Seilerstätte 22. 1010 Wien
Öffnung nach Voranmeldung, 01/236 02 93
Zitrusfrüchte in der Weihnachtskrippe
Für „Life“ baute Rox eine Vitamin-C-hältige Heilige Familie: Das Jesuskind ist eine Kumquat in Orangenwindel. Die auch ausschließlich aus Zitrusfrüchten bestehenden Heiligen Drei Könige zeigen – groß aufgezogen in der Schau –, wie die unterschiedlichen Schalen von Zitrone bis Grapefruit Struktur geben – die Früchte also in sich schon skulptural sind.
Für Modemagazine wie „Vogue“ und „Harper’s Bazaar“ lieferte Rox in den 50ern Strecken, in denen Karfiol zum Petticoat wird und Kohl zur eleganten Robe. Auf Postkarten hat er schon viel früher mondäne Damen geschaffen, etwa Lady Leek. Der elegante Porree ist künstlerisch versiert, kann eine Sängerin vor Radieschen-Mikro genauso sein wie eine Schriftstellerin, die unter der Designer-Tomatenlampe in die Schreibmaschine tippt. Dem gegenüber stellt er gesellschaftspolitisch-ironisch die unselbstverwirklichte Hausfrau-Zwiebel, die ein Wurstblatt bügelt und – typisch Zwiebel – nah am Wasser gebaut ist.
Politisch im Zweiten Weltkrieg
Seinen Pasquale Peanut mit Erdnusskopf und Zigarre kann man nicht zuletzt wegen der Datierung aus dem 2. Weltkrieg zumindest in einer Bilderreihe – unter Bomberfliegern aus Karotten – als Churchill deuten.
Auch das Marketing fühlte sich von Rox’ Fotoskulpturen beflügelt: Gibt es Passenderes als Ribiselschafe, um ein Vitamin-Tonikum zu bewerben? In den 60ern druckte ein Kunstverlag die beliebtesten Motive des Bildhauers – kategorisiert als Stillleben zwischen holländischen Meistern und Arcimboldo.
Es ist eine große Freude, diesen Künstler, der mit einfachen Materialien gewitzt und hintergründig seine Zeit dokumentierte, wieder zu entdecken. Die kleine, sehenswerte Schau im Photoinstitut Bonartes ist noch bis 6. Februar zu sehen.
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