Gute Bilder, schlechtes Karma: Fotograf Bruce Gilden im Westlicht

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Der US-Amerikaner reagiert verschnupft, wenn man ihm Voyeurismus unterstellt. Übertreibt er nur, was jeder Fotograf tut?

„Das ist die dümmste Frage, die ich je gehört habe! Ich arbeite verdammt hart, und diese Bilder sind fucking good. Und wenn Sie das nicht sehen, verstehen Sie einen Scheißdreck von Fotografie.“

Dass Bruce Gilden auf die Frage des KURIER so aggressiv antworten würde, kam unerwartet. Denn eigentlich sollte der bekannte New Yorker Fotograf anlässlich seiner Ausstellung im Wiener Westlicht nur die Gelegenheit bekommen, zu einem Vorwurf Stellung zu nehmen, der ihn seit langer Zeit begleitet. Die Frage lautete: „Nutzen Sie die Menschen, die Sie fotografieren, nicht auch aus?“

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Verärgert

Es ist ein Dilemma, das auch der Arbeit von Pressefotografen, insbesondere aber jener von „Street Photographers“ vom Schlage Gildens tief eingeschrieben ist. Geht es um das Abbilden von Kriegsleid oder Armut, wird meist die Notwendigkeit ins Treffen geführt, dass die Fotos von Umständen berichten, die sonst unbemerkt bleiben würden.

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Fotografie, die einfach das Leben in ungefilterter Form einfangen möchte, ist da schon viel mehr Selbstzweck. Oft heiligt die Kunst die Mittel – und oft verbleibt das Ergebnis in einer Grauzone. Denn natürlich ist es nicht Aufgabe eines Künstlers oder einer Künstlerin, Menschen gut dastehen zu lassen. Und ein Bild, das eine starke Aussage trifft, wird selten von allen Beteiligten abgesegnet. Dennoch gibt jede Person, die fotografiert wird, etwas von sich her – manchmal ihre Würde.

Gilden, der seine Kamera seit den 1970ern direkter auf Menschen richtet als viele seiner Kollegen, treibt das Dilemma in seiner Serie „Faces“ im Hauptraum der Westlicht-Schau auf die Spitze. Es sind keine Spontanfotografien, sondern große Porträts von Menschen, die vom Leben gezeichnet sind – Prostituierte, Drogensüchtige, in manchen Fällen schlicht Pickelgesichtige.

Die Ausleuchtung, die intensive Farbigkeit, die enorme Bildschärfe und das riesige Format lässt jede Schramme hervortreten, gibt den Blick auf fehlende Zähne und triefenden Speichel frei. Die Gesichter sind, man kann es nicht anders sagen: hässlich.

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Vorgeführt

„Es sind keine Karikaturen, wenn die Bilder gut sind“, sagt Gilden dazu. Technisch gut? Zweifellos. Ästhetisch gut? Wir können diskutieren. Doch ethisch gut? Nein.

Zwar führt auch Gilden das Argument im Munde, dass er seinen Blick auf Ausgestoßene richte, die sonst nicht gesehen würden („Ich akzeptiere diese Menschen, ich rede mit Ihnen. Tun Sie das auch?“). Doch sind die Fotos, die er aus diesen Interaktionen erbeutet – im Fall der „Faces“-Serie mit Zustimmung der Abgebildeten – reine Oberflächen: Es geht ihnen um den Kontrast der Perfektion der Abbildung mit der offensichtlichen Imperfektion der Personen, die zu sehen sind.

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Die Bilder sind spektakulär, weil sie Menschen zum Spektakel machen. Im Vergnügungsviertel Coney Island in Brooklyn, wo Gilden seine Sporen verdiente, sagt man „Freak Show“ dazu.

Der Fotograf stellt seine Brooklyner Herkunft gern ins Licht – mit seinem Akzent, seinem Umgangston und seiner urbanen Gewieftheit, die ihm zweifellos Zugang zu Situationen verschaffte, in denen andere Menschen in Bedrängnis geraten würden („Mein Vater war ein Gangster!“). Was er aber völlig ausblendet, ist der Kontext, in dem seine Bilder gesehen werden.

Das Westlicht zeigt auch Auftragswerke, die der Fotograf anfertigte: Für Balenciaga, Versace, Gucci. Für Letztere steckte Gilden 2020 jene schicksalsgeprüften Menschen, die er „interessant“ findet, in Designerklamotten. Auch das inzwischen eingestellte Böse-Buben-Heft Vice feierte seinen Gangster-Charme.

Auch wenn Gilden insistiert, dass seine Sujets „wie seine Familie“ seien, ist der Umstand, dass das Kunstpublikum zwangsweise auf sie herabschaut, schwer zu ertragen. Der Magnum-Fotograf müsste nur John Waters’ Film „Pecker“ (1998) anschauen, um zu sehen, auf was sich ein Ahnungsloser, der skurrile Lebenswelten ins Rampenlicht stellt, einlässt. Doch ahnungslos ist der 79-Jährige bestimmt nicht. Wenn er so tut, als würden seine fucking good pictures keine voyeuristischen Reflexe bedienen, ist er jedoch unglaubwürdig.

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