Adele Neuhauser als Helene Weigel, Burkhart Klaußner als "Brecht"

© WDR/Michael Praun

Kultur
03/27/2019

Heinrich Breloer über Brecht: Die Eifersucht des Untreuen

Heinrich Breloer verfilmte das Leben des deutschen Schriftstellers Bertolt Brecht als zweiteiliges TV-Dokudrama: "Brecht".

von Alexandra Seibel

Der TV-Doku-Dramatiker Heinrich Breloer ist ein Mann der deutschen Geschichte. Historische Persönlichkeiten ziehen ihn an – von Albert Speer über die RAF-Terroristen bis hin zu Thomas Mann. Nun ist Bertolt Brecht an der Reihe.

In zwei Teilen erzählt Breloer Mittwoch Abend (ab 20.15 Uhr, ARD) das Leben des großen deutschen Schriftstellers und Theatermachers. Im ersten Teil spielt Tom Schilling den jungen Brecht, im zweiten Teil übernimmt Burkhart Klaußner die Altersrolle.

Breloer vermengt historische Interview-Aufnahmen mit Brecht-Zeitgenossen (das beste an seinem Film!) mit vordergründigen, nachinszenierten Spielfilmszenen und gießt daraus ein holpriges Brecht-Porträt.

Absolut sehenswert jedoch ist Adele Neuhauser in der Rolle von Brechts gequälter Ehefrau, der Schauspielerin Helene Weigel.

KURIER: Herr Breloer, Sie haben dem deutschen Schriftsteller Thomas Mann ein Dokudrama gewidmet, jetzt Bertolt Brecht. Brauchten Sie Abwechslung?

Heinrich Breloer: Bei Bert Brecht geht es, jedenfalls in seinen späteren Stücken, hauptsächlich um den Glauben an die Vernunft und das Handeln der Menschen unter bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen. Darin ist er als Künstler gewissermaßen der Gegenentwurf zu Thomas Mann. Dessen Figuren sind Masken, hinter denen immer Thomas Mann steht, der in seinem Werk seine Probleme durchspielt und diskutiert. Brecht hingegen will seine eigene Persönlichkeit nicht zum Gegenstand seiner künstlerischen Produktion machen. Anscheinend will er sich selbst nicht anschauen und schon gar nicht vorzeigen. Er blickt auf den inszenierten Fotos von sich scheinbar unverletzbar in die Welt, gepanzert in seiner Lederjacke, hinter der qualmenden Zigarre – hart, nicht zu beeindrucken, immer einen frechen Spruch zur Hand. Dabei ist er ein hoch sensibler, verletzbarer Mensch; denn ohne solche Empfindlichkeit könnte er überhaupt keine Literatur produzieren, und schon gar keine Gedichte schreiben wie etwa die „Buckower Elegien“.

Seit wann beschäftigen Sie sich mit Brecht?

Es begann 1977 in Augsburg. Ich hatte gehört, dass dort noch Leute lebten, die Brecht persönlich gekannt haben. Ich bin dann mit einem Kamerateam hingefahren und habe meine ersten Gespräche aufgezeichnet. Viele Jahre vorher wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, dass man das tun konnte. Ich kam ja aus dem literaturwissenschaftlichen Seminar, wo man in Büchern blättert. Aber dass man in das Leben eines Dichters hineinfahren konnte – das war ja, fand ich, grandios. Das habe ich dann immer wieder gemacht, weil es das Schönste ist, was man machen kann: seine eigenen Fragen stellen, nicht nur die Fragen eines Wissenschaftlers.

Aus den Gesprächen, die ich damals geführt habe, wurde dann ein Film über den jungen Brecht, „Bi und Bidi in Augsburg“ (1978). Das Interview-Material von damals habe ich für den ersten Teil meines neuen Brecht-Films verwendet. Für den zweiten Teil habe ich das noch einmal gemacht, dieses Hineinfahren in sein Leben: Als Brecht 1948 nach Ost-Berlin zurück kam, hat er sehr viele junge Leute eingestellt, von denen er annahm, dass sie noch nicht vom Nationalsozialismus verdorben waren, vom Kitsch des Göring-Staatstheaters. Die er noch formen konnte. Vor acht Jahren habe ich nun angefangen, sie zu besuchen und ihnen meine Fragen zu stellen: Wie war das mit der SED, der Staatspartei, und dem Berliner Ensemble? Wie war das mit Brecht und den Frauen?

Apropos Frauen: Brechts Verhältnis zu Frauen war bekanntlich recht ausbeuterisch. Wie sehen Sie das im Lichte der #MeToo-Debatte?

Vieles wusste man schon, es gab da ja einiges an Literatur, und Brechts Tagebücher und manche seiner Gedichte sind ja nicht sehr zurückhaltend. Man kann das aber nicht nur einseitig als Ausbeutung sehen. „Er hat auch unendlich viel gegeben, wenn man den Verstand hatte, es zu nutzen“, hat mir seine Lieblingsschauspielerin Regine Lutz gesagt. Es ging ihm immer auch darum, Menschen produktiv zu machen, besonders auch die Frauen. Liebe und Mitarbeit fielen oft zusammen. Brecht zog alle, die er brauchte, in sein Leben hinein. Für die Frauen um ihn waren das allerdings oft Zumutungen. So gestattete er es sich, zwei oder drei Freundinnen gleichzeitig zu haben – was er umgekehrt den Frauen nie gestattet hat. Er litt unter seiner Eifersucht, mit der er nicht fertig wurde. Aber auch die Frauen hatten darunter zu leiden, wenn sie ihn für sich allein haben wollten. Wie das moralisch zu bewerten ist, mag jeder selbst entscheiden. Ich wollte nur zeigen, was ich gefunden habe.

Was, würden Sie sagen, blieb von Brecht?

Brecht hat nicht mit seinen Stücken, wie er vielleicht gehofft hat, die Welt oder die Gesellschaft verändert, ja nicht einmal die DDR. Aber er hat mit ihnen und seinen Theorien die Welt des Theaters verändert. Seitdem wurde anders gespielt – bis hin nach Amerika. Auch das deutsche Fernsehen ist in seinen Anfängen stark von ihm und seinen Schülern geprägt worden. Egon Monk, ein Assistent von Brecht, hat das gesellschaftskritische Fernsehspiel im NDR aufgebaut, mit dem ich aufgewachsen bin. Ich habe schon sehr früh, als ich das Doku-Drama ausprobierte, gewusst, dass darin auch Brechts Theorie des Verfremdungseffekts fortwirkt. Wichtiger als diese theater- oder mediengeschichtliche Fernwirkung Brechts ist aber seine Aktualität, und die liegt meines Erachtens darin, dass er immer wieder an die Vernunft seiner Zuschauer und Leser appelliert, sie zum kritischen Denken und zum Widerspruch auffordert – Widerspruch gegen alle vorgefertigte Meinungen und Dogmen.

Welchen Brecht-Text würden Sie Schülern zum Einstieg empfehlen?

Das, was meiner Generation der 60er Jahre ein bisschen Kritikfähigkeit und Denken beigebracht hat: „Fragen eines lesenden Arbeiters“. Da heißt es etwa: „Wer baute das siebentorige Theben? in den Büchern stehen die Namen von Königen./Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?“ Brecht lehrt uns Denken und richtiges Fragenstellen. Und die Möglichkeit, sich auch eine andere Gesellschaft vorstellen zu können.

Sie haben u.a. Filme über die RAF, Thomas Mann, Hitlers Architekt Albert Speer und jetzt über Brecht gemacht. Verstehen Sie sich als eine Art Geschichtslehrer der Nation?

Ich habe besonders gern Filme gemacht, die gängige Geschichts-Erzählungen oder -Mythen – das, was man heute das Narrativ nennt – in Frage zu stellen. Zum Beispiel war es einmal ein verbreitetes Narrativ, dass die RAF-Terroristen im Gefängnis Stammheim ermordet worden seien. Nach meinem Film „Todesspiel“, der zeigte, wie leicht diese Selbstmorde zu realisieren waren, hat das kein Mensch mehr geglaubt, außer einem harten Kern von Sympathisanten. Oder Albert Speer: Wer war er wirklich? Speer war schon als Hitlers Architekt, aber noch viel mehr als Rüstungsminister einer der Haupttäter im Dritten Reich, der sich dann nachträglich als Gentleman-Nazi verkleidet hat. Mein Film hat das Bild von Speer in der Öffentlichkeit wesentlich verändert. Und so wollte ich jetzt versuchen, Brecht als Menschen auftreten zu lassen, nicht als Monument. Auch das könnte sein Bild verändern. Und das ist es, was mich interessiert: Geschichten noch einmal anders, widersprüchlicher zu erzählen. So, dass die Konflikte deutlicher werden und alle Seiten ihr Bild noch einmal überprüfen müssen.Im Fall von Brecht sollten die einen sich damit auseinandersetzen, dass Brecht alles andere war als ein linientreuer Parteikommunist; und die anderen sollten nicht übersehen, dass er die bürgerliche Demokratie scharf ablehnte. Er war für die Diktatur des Proletariats.