„Female Voices“ im Kino VOD Club: Jessica Hausners exzellentes, schwarzhumoriges Drama „Amour Fou“

© Stadtkino Filmverleih

Film
03/25/2021

Heimische Streaming-Plattform: Das Kino soll lei(n)wand bleiben

Die Streaming-Plattform Kino VOD Club für österreichisches Kino ist als bestes Lockdown-Format für eine ROMY nominiert

von Alexandra Seibel

Die Überraschung war groß und „die Freudensprünge weit zu hören“, geben Alexander Syllaba und Clemens Kopetzky, Betreiber der Streamingplattform Kino VOD Club für österreichisches Kino, gegenüber dem KURIER via eMail zu: „Eine ROMY-Nominierung für unser neues Projekt in einem umkämpften Umfeld hilft sehr der Bekanntheit und ist eine Auszeichnung. Gerade im Lockdown zeigt unser neuartiges Projekt seine besondere und einzigartige Stärke.“

Kino VOD Club – Österreichisches Kino für zuhause – nennen Syllaba und Kopetzky das Video-on-Demand-Angebot für österreichische Kinofilme (www.vodclub.online), das sie 2017 gegründet haben. Ihre Erfahrung als Betreiber der Programmkinos Cinema Paradiso in St. Pölten und Baden inspirierten sie zu diesem Projekt: „Das Publikum sieht Kinofilme in erster Linie bei uns im Kino, aber auch danach auf Streamingplattformen. Sich als Kino dagegen zu wehren ist zu wenig. Wir wollten aktiv mit dem sich veränderten Seher*innenverhalten umgehen und erstmals auch die Kinos und die Filmemacher*innen an der Online-Filmverwertung teilhaben lassen. Jetzt geht der Großteil unserer ‚VOD online Tickets‘ an die Kinos und die Filmemacher*innen’.“

Derzeit sind knapp 500 österreichische Kinofilme von zu Hause abrufbar, darunter eine Auswahl an 100 Titeln über den KURIER VOD Club (kurier.vodclub.online). Das Angebot reicht von Austro-Klassikern wie Michael Hanekes „Benny’s Video“, Barbara Alberts „Nordrand“ und Jessica Hausners „Amour Fou“ bis hin zu Dokumentarprachtstücken wie Nikolaus Geyrhalters Großbaustellen in „Erde“ oder Ruth Kaserers „Gwendolyn“, dem feinfühligem Porträt einer Weltmeisterin im Gewichtheben.

Syllaba und Kopetzky verstehen den Kino VOD Club als gemeinschaftliche Initiative von österreichischen Kinos, Produzenten und Produzentinnen und Filmemachern und Filmemacherinnen: „Diese drei Säulen der Filmverwertung profitieren gleichermaßen von dieser digitalen Infrastruktur für den Österreichischen Film.“ Ein Großteil der österreichischen Kinolandschaft – vom Landkino über das Arthousekino bis hin zu den Multiplexen – macht mit: „ An die 60 Kinos in ganz Österreich bieten in ihren eigenen Kino VOD Clubs Kinofilme an.“ Von jedem VOD-Ticket profitieren die Kinos und die Filmemacherinnen und -macher. Somit sei man „mehr als nur ein weiterer Streaminganbieter.“

Durch den Plafond

Seit Ausbruch von Corona seien die Zugriffszahlen „durch den Plafond“ gegangen, berichten Syllaba und Kopetzky. Zudem können in Zeiten der Pandemie Filmpremieren wie etwa Daniel Hoesls und Julia Niemanns „Davos“ online präsentiert werden und Filmfestivals in Hybridvarianten oder ganz online stattfinden.

Es gibt auch so etwas wie „Blockbuster“ im heimischen Streamingangebot: Zu den Filmen, die sich beim Publikum der größten Beliebtheit erfreuen, zählen Sabine Derflingers Politikerinnen-Doku „Die Dohnal“ ebenso wie Josef Haders Midlife-Crisis in „Wilde Maus“, Arman T. Riahis Migrationshintergrundskomödie „Die Migrantigen“ oder Johanna Moders Wohlstandssatire „Waren einmal Revoluzzer“. Auch stellt derzeit das Special „Female Voices“ gezielt das Filmschaffen von Frauen in den Fokus.

Natürlich kann ein Online-Angebot das Kino nicht ersetzen – darüber sind sich die Gründer des Kino VOD Clubs klar. Aber neben der digitalen Filmauswertung gehe es auch darum, die Kinos im Bewusstsein des Publikums präsent zu halten: „In Zeiten, wo Kinos monatelang gesperrt sind, bleibt so der Kontakt zum Publikum aufrecht.“

Trotzdem muss man sich fragen, welche Chancen eine Plattform für österreichisches Filmschaffen neben Streamingriesen wie Netflix hat? Wer greift auf diese Filme zu?

Es handle sich um Filmliebhaber und -liebhaberinnen, denen die österreichische Kino- und Filmlandschaft am Herzen liege, so die Einschätzung von Syllaba und Kopetzky: „Nachhaltiges und solidarisches Streamen ist für diese Gruppe ebenso essenzieller Bestandteil ihres Lifestyles wie auch die Unterstützung des lokalen Kinoanbieters. All das können und wollen Netflix und Co. gar nicht bieten.“

In einem aber sind sich die Kinobetreiber sicher: „Je länger der Lockdown dauert, desto größer wird die Sehnsucht nach dem Kino. Für uns als Kinos wird es essenziell sein, dieses heftige Jahr 2021 zu überleben. Das werden wir schaffen, aber nicht ohne verstärkte Förderung seitens der Bundespolitik. Ein Investment, das sich nachhaltig rechnen wird. Das Kino wird weiterleben und Premiumanbieter bleiben.“

Ruth Beckermanns "Die papierene Brücke“

In dem zartfühlenden Film „Die papierene Brücke“ (1987) bricht  die Regisseurin Ruth Beckermann   in den Norden Rumäniens auf. Die Fahrt wird   zu einer Reise  in die eigene Familiengeschichte und führt zur Auseinandersetzung mit ihrer jüdischen Identität.   Beckermann  will  „Bilder zu den Geschichten der Kindheit suchen“, vor allem in Czernowitz, der alten Hauptstadt der Bukowina, von dessen multikultureller Offenheit ihr der Vater immer vorgeschwärmt hat.
 Czernowitz wird nicht erreicht, aber das sei vielleicht sogar gut, überlegt  die Regisseurin aus dem Off: „Wenn man von Orten keine Bilder hat, bleiben die Erinnerungen.“  

Barbara Alberts "Nordrand"

„Nordrand“ (1999) ist das Spielfilmdebüt von Barbara Albert und hat die österreichische Filmszene gehörig aufgemischt –  nicht zuletzt deswegen, weil es im Wettbewerb von Venedig lief. Nina Proll und Edita Malovčić spielen zwei junge Frauen namens Jasmin und Tamara, die beide am Nordrand von Wien aufwachsen und sich Jahre später zufällig in einer Abtreibungsklinik wieder  treffen. Jasmin kommt aus einem gewalttätigen Haushalt, Tamaras serbische Eltern sind zurück nach Ex-Jugoslawien gekehrt. Beide stehen vor schwierigen Lebensentscheidungen, die Albert mit  einem unglaublichem Gespür für Jugendlichkeit, Rebellion und Freundschaft erzählt.

Jessica Hausners "Amour Fou“

Jessica Hausner nennt ihr exquisites Melodram „Amour Fou“ (2014) eine „romantische Komödie“. Sie handelt vom    Freitod des deutschen Dichters Heinrich von Kleist 1811 mit der verheirateten Henriette Vogel. Kleist selbst erscheint dabei als narzisstischer Brüter auf der Suche nach einer Sterbensgenossin. Nachdem sich seine  Cousine weigert, ist Henriette die nächstbeste Wahl. Wer sich nun einen romantischen Liebestod als schwärmerische Herzensangelegenheit mit gestohlenen Küssen vorstellt, liegt bei Jessica Hausner falsch. Stattdessen erzählt sie  in  aufgeräumt klaren, beinahe unbeweglichen Bildern von einer romantischen Verblendung.    

Ruth Kaserers "Gwendolyn"

Auf den ersten Blick wirkt Gwendolyn Leick wie eine Frau, die ein Windhauch umblasen könnte. Zart, grauhaarig, mit  leicht verzerrtem Gesicht, als hätte sie einen Schlaganfall hinter sich.Tatsächlich ist  die 65-jährige Dame knapp 53 kg schwer und Gewichtheberin. Als hätte sie es mit  Mikado-Stäbchen zu tun, schwingt sie den Barren in die Luft, macht einen eleganten Ausfallschritt und hält schließlich triumphierend das Eisen in die Höhe. Dieses Hobby, in dem sie es zu  Weltmeisterschaftstiteln gebracht hat, ist nur eine von vielen Ungewöhnlichkeiten im Leben von Gwendolyn Leick. Ruth Kaserers  Doku „Gwendolyn“ (2017) ist innig und feinfühlig.

Sudabeh Mortezais "Macondo"

Macondo liegt in Simmering. Zwischen  Ostautobahn und Donaukanal. An die 3000 Flüchtlinge aus aller Welt leben in dieser Siedlung – und in Sudabeh Mortezais gleichnamigem  Spielfilmdebüt „Macondo“ (2014) auch ein kleiner Junge aus Tschetschenien. Der elfjährige Ramasan geht seiner verwitweten Mutter bei der Beaufsichtigung seiner beiden kleinen Schwestern zur Hand. Seine Welt gerät in Unruhe, als Isa, ein angeblicher Freund seines im Krieg getöteten Vaters, auftaucht. Zuerst fühlt  sich Ramasan zur neuen Vaterfigur hingezogen. Dann jedoch keimt Eifersucht auf, als klar wird, dass der fremde Mann einen Platz in der Familie einnehmen könnte.

Marie Kreutzers "Die Vaterlosen"

Marie Kreutzers schönes Spielfilmdebüt  „Die Vaterlosen“ (2011) feierte auf der Berlinale seine Premiere. Als der Vater einer Hippiekommune stirbt, treffen die Geschwister nach zwanzig Jahren wieder auf einander und beginnen,  an einer gemeinsamen Kindheitserinnerung zu basteln. Marion Mitterhammer steht in ihrer Mutterrolle auf einsamen Posten, während die Kindergeneration abrechnet. Philipp Hochmair als verstreberter Arzt, Andreas Kiendl als harmoniesüchtiges Vatersöhnchen und Emily Cox und Andrea Wenzl als ungleiche Schwestern rücken die schmerzenden Bilder aus der Vergangenheit zurecht: „Familie wird überschätzt.“   
 
 

 

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