Goldener Bär der Berlinale für "Gelbe Briefe": „Im Druckkochtopf der Politik“

Der Goldene Bär für bester Film bleibt in Deutschland und geht an İlker Çatak für „Gelbe Briefe“, Sandra Hüller ist beste Schauspielerin in Markus Schleinzers „Rose“, zwei große Preise an das Demenzdrama „Queen at Sea“.
GERMANY-BERLINALE-FILM-FESTIVAL

Wim Wenders überreichte den Goldenen Bären der diesjährigen Berlinale an seinen deutschen Regie-Kollegen İlker Çatak: Dessen packendes Politdrama „Gelbe Briefe“ wurde mit dem Hauptpreis des Festivals als bester Film ausgezeichnet.

„Gelbe Briefe“ erzähle von einer „Familie im Druckkochtopf der Politik“, so Wenders über die Entscheidung der Jury: Der Film sei eine Warnung vor autoritären Regimen und davor, was auch „in unseren Ländern passieren könnte“. Tatsächlich inszeniert der als Sohn türkischer Einwanderer in Berlin geborene İlker Çatak sein Polit- und Ehedrama vor deutlich sichtbarer, deutscher Kulisse. Die Atmosphäre von Repression bekommt dadurch eine Allgemeingültigkeit, die über eine Kritik am türkischen Staat hinausgeht.

Eine erschreckende Allegorie auf autoritäre Herrscher entwirft auch der türkische Regisseur Emin Alper in „Kurtuluş“ („Salvation“). Sein Drama über einen Clan-Konflikt in einem abgelegenen Dorf in den türkischen Bergen wurde mit dem Silbernen Bär Großer Preis der Jury ausgezeichnet.

Einen Silbernen Bären für die beste Hauptrolle erhielt die einzigartige Sandra Hüller. Die deutsche Schauspielerin brillierte in dem eindringlichen Historiendrama „Rose“ des österreichischen Regisseurs Markus Schleinzer: In einer protestantischen Dorfgemeinschaft im 17. Jahrhundert schlüpft Rose in Männerkleidung und gibt sich als Soldat aus. Für ihr exzellentes Spiel wurde Hüller bereits zum zweiten Mal mit dem Silbernen Bären für beste schauspielerische Leistung ausgezeichnet (den ersten erhielt sie 2006 für „Requiem“).

Sandra Hüller mit Silbernem Bären.

Beste Schauspielerin: Sandra Hüller in „Rose“.

In ihrer Rede bedankte sie sich bei Markus Schleinzer für seinen „endlosen Enthusiasmus“. Auch wenn es „manchmal Differenzen“ gegeben habe, hätten sie doch niemals den Respekt voreinander verloren: „Und das sei gut in dieser Welt.“

Der österreichische Wettbewerbsbeitrag „The Loneliest Man in Town“ mit Al Cook von Tizza Covi und Rainer Frimmel ging leer aus.

Gleich mehrere Preise erhielt dafür das Demenzdrama „Queen at Sea“ von Lance Hammer. Darin überrascht Oscarpreisträgerin Juliette Binoche ihren Stiefvater dabei, wie er mit ihrer komplett passiven, an Demenz erkrankten Mutter Sex hat.

Kann eine Person mit fortgeschrittenem Gedächtnisverlust in sexuelle Handlungen einwilligen? Schockiert ruft sie die Polizei an – eine Entscheidung, die sie kurze Zeit später bitter bereut.

Doch nicht Binoche, sondern die herausragenden britischen Darsteller des alten Ehepaars, Anna Calder-Marshall und Tom Courtenay, erhielten einen Silbernen Bären für beste schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle.

Zudem bekam der Regisseur, der US-Amerikaner Lance Hammer den Silbernen Bären für beste Regie. In seiner Dankesrede wandte er sich direkt an Jury-Präsidenten Wim Wenders, dessen Film „Der Himmel über Berlin“ er in einem Kino in Tucson, Arizona gesehen und daraufhin beschlossen hatte, selbst Filmemacher zu werden: „Das ist jetzt vielleicht meine einzige Gelegenheit, es persönlich zu sagen: Danke, Wim!“

Politische Kontroversen

Von Beginn an war die Berlinale von Debatten über die Positionierung des Festivals zum Krieg in Gaza geprägt. Auch die Galaveranstaltung wurde als Bühne für politische Statements genutzt. Der syrisch-palästinensische Filmemacher Abdallah Alkhatib, ausgezeichnet für sein Spielfilmdebüt „Chronicles of the Siege“, enthüllte eine Palästinenser-Flagge und warf der deutschen Regierung vor, „beim Genozid in Gaza mitzumachen“. Emin Alper rief in seiner Dankesrede den Menschen in Gaza, im Iran und dem kurdischen Volk zu: „Ihr seid nicht allein!“

Die Moderatorin Désirée Nosbusch reagierte auf Zwischenrufe aus dem Publikum und versicherte: „Ich bin mir sicher, dass unsere Herzen bei all den Menschen sind, die leiden, sei es durch Kriege oder durch Terrorismus.“

In ihren Abschlussworten plädierte Festivaldirektorin Tricia Tuttle schließlich einmal mehr für Einigkeit: „Wir sind alle Teil der Berlinale-Familie und stellen uns hinter das Recht, die Stimme erheben zu dürfen.“

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