Die zweifache Globe-Preisträgerin Jamie Lee Curtis lobte die Spendenarbeit des Verbands

© APA/AFP/HFPA/EMMA MCINTYRE

Film
01/10/2022

Golden-Globe-Verleihung: Unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Die Auslandspresse in Hollywood hat sich von den Vorwürfen des Diversitätsmangels noch nicht erholt. Preisverleihungen sind in der Krise

von Alexandra Seibel

Viele Jahre hindurch galt die Gala der Golden Globes als die heißeste Party von Los Angeles. Während die Verleihung der Oscars, der bedeutendsten Auszeichnung der US-Filmindustrie, vergleichsweise formal und gediegen ablief, schwammen die Gäste des Verbands der Auslandspresse in Hollywood in Champagner (oder anderen Alkoholika). Legendär wurde Emma Thompsons Auftritt bei den 71. Golden Globes, als sie mit dem Martini-Glas in der einen und ihren Stöckelschuhen in der anderen Hand die Bühne erklomm und eine ausgelassene Rede hielt.

Die Golden Globes werden seit 1944 von internationalen Journalisten, die in Hollywood arbeiten, für Kinofilme und TV-Sendungen vergeben. Im Jahr 2020 hatten noch 18,3 Millionen Zuseher die Show auf NBC verfolgt. Doch heuer sah alles ganz anders aus. Es gab keinen roten Teppich, keine Gala und schon gar keine Fernseh-Übertragung. Kein Star ließ sich bei der Preisverleihung blicken, die im Rahmen einer Privatveranstaltung stattfand. Es gab nicht einmal einen Live-Stream. Die Gewinner der 79. Golden Globes wurden gerade einmal in den sozialen Medien verlautet. Wer sich bedanken wollte, konnte dies via Twitter oder Instagram tun.

Seitdem die Los Angeles Times im Februar letzten Jahres eine Reihe von kritischen Artikel veröffentlichte, steht Hollywoods Foreign Press Association (HFPA) als Veranstalter der Golden Globes im Sperrfeuer der Kritik. Zum einen konnte die HFPA das Wort „Diversität“ offensichtlich nicht einmal buchstabieren, nachdem sich in der Auswahlkommission von rund 90 Mitgliedern keine einzige schwarze Person befand. Zum anderen grenzten die Werbepraktiken, mit denen für Filme begeistert werden sollte, an Bestechung. So wurden Mitglieder der HFPA im Rahmen teurer Pressereisen zu exotischen Drehorten geflogen und mit Geschenken überhäuft. Auch von Geldzuwendungen war die Rede.

Anzügliche Fragen

Die HFPA wehrte sich gegen Vorwürfe der finanziellen Unregelmäßigkeiten und verdächtigte umgekehrt die Ankläger des Chauvinismus und des Vorurteils gegenüber der nicht-amerikanischen Auslandspresse. Doch selbst wenn da etwas dran wäre – das Bild, das die HFPA abgab, war vernichtend. Hollywood-Stars wie Scarlett Johansson erzählte von Pressekonferenzen der HFPA, bei denen sie sich anzügliche Fragen gefallen lassen musste, und rief die Kollegen zum Boykott auf. Tom Cruise gab aus Protest alle seine drei Globes-Trophäen wieder zurück. Und der Sender NBC kündigte an, die Ausstrahlung der Preisverleihung für’s erste auszusetzen.

Um die Golden Globes zu retten, wurden eilig Reformschritte gesetzt. Ein Diversitätsberater wurde eingestellt, ein neuer Vorstand gewählt, 21 neue Mitglieder – darunter sechs schwarze Journalisten – aufgenommen, die Wohltätigkeitsaktivitäten verstärkt ins Licht gerückt.

Doch viele sehen in diesen Maßnahmen nur ein „virtue signaling“ – also keine echten Reformen. Allein, dass man es nicht vorgezogen hatte, eine Bedenkpause einzulegen, sorgte für Kopfschütteln. Tatsächlich wurde die Veranstaltung von den Vertretern der Industrie praktisch komplett ignoriert. Einzig Arnold Schwarzenegger und Jamie Lee Curtis sendeten anerkennende Videobotschaften.

Für die anstehende Oscar-Preisverleihung ist die desolate Lage der Golden Globes letztlich kein gutes Vorzeichen. Zwar gab es gute Gründe, warum die Globe-Gala heuer keine Sendezeit mehr bekam, doch auch der Oscar kämpft mit dramatisch niedrigen Einschaltquoten. Im zweiten Jahr der Corona-Pandemie fand die Gala in nur kleinem Kreis statt und verzeichnete die schlechteste Zuseherzahl seiner Geschichte. Ob die Verleihung am 27. März im Angesicht von Corona halten wird, ist die eine Sache. Ob sie jemand sehen möchte, die andere.

Das Western-Familiendrama The Power of the Dog hat den Golden Globe als bestes Filmdrama gewonnen. Der Film brachte auch der neuseeländischen Regisseurin Jane Campion und dem australischen Nebendarsteller Kodi Smit-McPhee je eine Trophäe ein. Ebenfalls drei Golden Globes holte am Sonntagabend in Beverly Hills Steven Spielbergs Filmmusical West Side Story.

Neben dem Preis in der Sparte beste „Komödie/Musical“ wurden Hauptdarstellerin Rachel Zegler und Nebendarstellerin Ariana DeBose ausgezeichnet. Auch Star-Komponist Hans Zimmer (64) vergrößerte seine Trophäen-Sammlung mit dem Soundtrack für das Science-Fiction-Drama Dune in der Sparte „Beste Filmmusik“. Zwei Globes hatte der deutsche Komponist bereits. Den „Song“-Globe holten Popstar Billie Eilish und ihr Bruder Finneas O’Connell mit der gemeinsamen Bond-Ballade „No Time To Die“ für den Film „Keine Zeit zu sterben“.

Weitere Preisträger waren in der Drama-Sparte die Australierin  Nicole Kidman für ihre Rolle in Being the Ricardos und ihr US-Kollegen Will Smith, der in dem Sportdrama King Richard den Vater der US-Tennisstars Venus und Serena Williams spielt. Für Kidman war es der fünfte Globe Award ihrer Karriere, für Smith der erste nach sechs Nominierungen. Auch Andrew Garfield kann sich über seinen ersten Globe freuen – als Komödien-Hauptdarsteller im Musicalfilm Tick, Tick...Boom!.

Das Familienepos Succession war mit drei Auszeichnungen der große Sieger in den TV-Kategorien. Wie auch schon im Jahr 2020 gewann die düstere Satire über den familiären Machtkampf in einem Medienkonzern den Preis als beste Dramaserie, zudem wurden die beiden Hauptdarsteller Jeremy Strong und Nebendarstellerin Sarah Snook ausgezeichnet.
Bei den Comedyserien siegte die Produktion  Hacks über die Arbeits-Freundschaft einer alternden Las-Vegas-Entertainerin mit ihrer jüngeren Gag-Autorin.

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