Bestseller-Autor Gianrico Carofiglio: „Zweifel sind mein Arbeitsinstrument“
Der Autor und Jurist Gianrico Carofiglio kämpft gegen Melonis Justizreform.
Wahrheit, Gerechtigkeit und Gesetz: Als ehemaliger Richter und Anti-Mafia-Staatsanwalt weiß der italienische Schriftsteller Gianrico Carofiglio nur zu gut, dass sich zwischen diesen Begriffen Gräben auftun können.
In seinem neuen Roman „Der Horizont der Nacht“ erzählt der Süditaliener von einer Frau, die den Lebensgefährten ihrer Zwillingsschwester erschossen hat. Die Indizien sind schwerwiegend, sie selbst gibt die Tat zu. Doch war es Mord oder Notwehr?
Avvocato Guerrieri, Protagonist mehrerer Carofiglio-Romane, muss seine Verteidigungsstrategie gut überlegen. Es geht um lebenslänglich. Zweifel an vermeintlichen Sicherheiten berühren jedoch nicht nur sein Berufsleben. Während seiner nächtlichen Streifzüge durch die süditalienische Stadt Bari fragt sich Guerrieri immer öfter: Wie bin ich zu dem geworden, der ich bin? Ist Schuld relativ? Und kann man sich auf die eigene Erinnerung verlassen?
Erinnern, ein kreativer Akt
Eine Frage, sagt Autor Gianrico Carofiglio im Gespräch mit dem KURIER, die in allen Ermittlungen und Prozessen relevant sei. „Das Gedächtnis kann nicht exakt aufzeichnen wie ein Tonbandgerät. Sich zu erinnern, ist ein kreativer Vorgang, das muss man wissen und mit Zeugenaussagen vorsichtig umgehen. Nicht, weil sie per se unzuverlässig sind, sondern weil manche Dinge tatsächliche Erinnerungen sind und andere Verarbeitungen dieser Erinnerungen, die von vielen Faktoren abhängen. Etwa, wenn es um das persönliche Leben, um Beziehungen und Liebe geht. Wir erinnern uns an das, was uns am meisten verletzt hat, oder an das, was wir uns merken wollen, im Guten wie im Schlechten. Erinnerung ist mehr als eine Magnetspur auf einer alten Videokassette. Sie ist wie das Malen eines Bildes immer ein kreativer Akt, der sich natürlich auf das bezieht, was in der Vergangenheit geschehen ist.“ Alle seine Romane, sagt Carofiglio, seien „Romane über das Gedächtnis und dessen widersprüchlichen Charakter“.
Schuldig oder nicht?
Apropos Widerspruch: In „Der Horizont der Nacht“ geht es auch um die Frage, ob ein Anwalt wissen sollte, ob sein Klient schuldig ist oder nicht. Wie sieht der Jurist Carofiglio diese Frage? „Das ist heikel. Ich war immer Staatsanwalt, also habe ich mich mit der Anklage befasst, aber es ist ein Thema, dessen man sich gewahr sein muss. Wenn der Anwalt weiß, ob sein Mandant die ihm vorgeworfenen Taten begangen hat oder nicht, kann er bewusster vorgehen. Es gibt Straftaten, bei denen es sinnvoll ist, zu wissen, was passiert ist, etwa bei Wirtschaftsdelikten. Aber bei bestimmten schweren Straftaten wie Mord oder sexuellen Delikten kann das zu ethischen Problemen führen. Tatsächlich ziehen es einige Anwälte vor, nichts darüber zu wissen. Ich weiß nicht, was ich mir wünschen würde, wenn ich Anwalt wäre, aber sicher ist, dass jeder das Recht auf eine Verteidigung hat, das wissen wir alle.“
Carofiglios Roman wirft auch Fragen zu Gewissen und Berufsethik auf. „Man darf nicht betrügen, aber man kann jeden mit Entschlossenheit und Härte unter Einhaltung der Regeln verteidigen, unabhängig davon, ob man weiß, was er getan hat oder nicht. Diese Themen betreffen nicht nur den berufsethischen, sondern auch den ganz persönlichen Bereich.“
Im Roman weiß Avvocato Guerrieri die längste Zeit nicht, ob seine Klientin schuldig ist. Zweifel wie diese kennt Carofiglio auch als Ankläger: „Zweifel sind mein Arbeitsinstrument. Man muss sich hinterfragen. Vermeintliche Gewissheiten können gefährlich sein. Man muss den Gedanken zulassen, dass man sich irren kann, ansonsten kann man schweren Schaden anrichten. Ich habe mich vielleicht manchmal geirrt, aber jedes Mal, wenn ich Zweifel an der Schuld einer Person hatte, habe ich das getan, was ein Staatsanwalt in solchen Fällen tun muss, nämlich den Freispruch beantragt.“
Im Roman wird auch die Frage Unschuldiger aufgeworfen, die unter Druck Verbrechen gestehen, die sie nicht begangen haben. Tatsächlich gebe es solche Fälle. „Denken wir an eine psychisch oder emotional labile Person, die einem langen, harten Verhör unterzogen wird, in dem ihr fälschlicherweise gesagt wird: Wenn du gestehst, ist alles vorbei, mach dir keine Sorgen, wir finden schon eine Lösung. Es gibt Menschen, die in einer solchen Situation das gestehen, was andere von ihnen erwarten. Glücklicherweise kommt das nicht oft vor.“
Umstrittene Reform
Und die Kluft zwischen Gesetz und Gerechtigkeit, in der im Roman oft die Rede ist? „Mein Protagonist glaubt trotz allem an eine Möglichkeit von Gerechtigkeit. Er glaubt an das System, sieht aber natürlich auch alle Mängel und Grenzen.“
Mängel im System sind auch das Stichwort, wenn es um die Justizreform geht, über die Italien auf Betreiben von Premierministerin Giorgia Meloni Ende März in einem Referendum abstimmt. Kritiker wie Carofiglio befürchten eine Einschränkung der Unabhängigkeit der Richter. „Ich halte diese Reform für sehr schlecht. Sie ist auch schlecht formuliert. Die Verfasser haben keine Vorstellung vom verfassungsrechtlichen Gleichgewicht. Wenn doch, ist es noch schlimmer, denn das bedeutet, dass möglicherweise böse Absicht im Spiel ist. Die Befürworter der Reform sagen, es gibt Probleme im Land. Natürlich gibt es Probleme, natürlich wäre eine Reform nötig. Aber das ist der falsche Weg. Stellen Sie sich vor, in Ihrem Haus dringt Feuchtigkeit ein und es ist ein Fleck an der Wand. Natürlich möchten Sie den Fleck beseitigen. Aber würden Sie deshalb gleich die ganze Mauer abreißen? Diese Reform verbessert die Dinge in keiner Weise und riskiert sogar, sie zu verschlimmern, denn wenn man die Mauer eingerissen hat, glaubt man, das Problem gelöst zu haben, aber stattdessen ist nur das Haus beschädigt.“
Staatsanwalt und Autor
Gianrico Carofiglio, geboren 1961 in Bari, arbeitete jahrelang als Richter, Senator und Anti-Mafia-Staatsanwalt und beschäftigte sich schon früh intensiv mit Verhörtechniken und Aussagepsychologie. Seine Bücher, inzwischen millionenfach verkauft, sind in 28 Sprachen übersetzt. „Der Horizont der Nacht“ ist sein dritter auf Deutsch übersetzter Roman. Die literarischen Bezüge darin reichen von Goethe über Thomas Mann bis Sylvia Plath.
Gianrico Carofiglio: „Der Horizont der Nacht“. Übersetzt von Verena von Koskull. Folio. 272 Seiten. 25 Euro.
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