„Es bräuchte eher ein Social-Media-Verbot für die Generation Ü50“

Der deutsche Kabarettist Florian Schroeder sieht Glücksdiktate als Vorboten für autoritäre Systeme. Am Freitag kommt er mit „Endlich glücklich“ nach Wien.
Ein Mann im blauen Anzug hält einen Strauß weißer Rosen über der Schulter und blickt ernst nach vorn.

Florian Schroeder zeigt am Freitag, 25. April, im Wiener Stadtsaal sein aktuelles Soloprogramm „Endlich glücklich“. 

Mit Glücksversprechen kann der in Baden-Württemberg aufgewachsene und in Berlin lebende Kabarettist wenig anfangen. Lesen Sie in dieser Vollversion des KURIER-Interviews, was Schroeder über Trumps Kardinalsfehler, Söders Gourmet-Postings, Merz„ AfD-Politik, Weidels Schaf-im-Wolfspelz-Politik, die Endlosschleife der FPÖ und einen Hoffnungsschimmer in Ungarn denkt. Und, warum Österreich ein Labor für Deutschland ist. 

KURIER: Inwieweit sind Sie in “Endlich glücklich„ ein Wanderprediger oder Guru, der seinen Schäfchen das Glück bringen will? 

Florian Schroeder: Ich kann versprechen: Ich bin der Guru. Und zwar von der ersten bis zur letzten Minute. Auch wenn es nicht immer so aussieht. Das ist ja das Geschäftsprinzip von uns Coaches. Wir bringen unseren Kunden das bei, was wir selbst nicht auf die Kette kriegen. Und dafür nehmen wir eine Schweinekohle. 

Kabarettisten oder Comedians aus Deutschland versuchen oft, Punkte zu sammeln mit Wissen über lokale Verhältnisse. Wie ist denn das bei Ihnen? 
Das finde ich schrecklich - und zwar egal, wo man ist. Ich kenne das auch aus Deutschland, dass man am Nachmittag hektisch die Lokalzeitung noch auf Schlagzeilen abklopft und dann versucht, mit drei Mega-Brüllern über angebliche Skandale eines Gemeinderats den Abend zu eröffnen, um den Leuten das Gefühl zu geben, man sei einer von ihnen. Das ist natürlich von hinten bis vorne verlogen und das Publikum merkt das. Wenn man dabei nur den kleinsten Fehler macht, ist man zu Recht unten durch. Wenn ich Österreich im Programm habe, dann aus Gründen. Wenn nicht, dann nicht. 

Kommt Österreich im neuen Programm vor? 
Tatsächlich nicht. Aber ich beschäftige mich ja mit unserem Umgang mit dem Glück und der Glücksversessenheit unserer Zeit. Es werden nur wenige nationale Befindlichkeiten angesprochen, sondern eher ein Lebensgefühl, das in der gesamten westlichen Welt verbreitet ist. 

Es geht laut Pressetext auch um Wahnsinnige, die Angst und Schrecken verbreiten … 
Im aktuellen Teil beschäftige ich mich natürlich mit Themen wie Donald Trump, dem Krieg im Iran, dem Fundamentalismus der christlichen Religion, der durch MAGA in einem Maß aufkommt, wie wir das nie erwartet hätten. Dahinter steckt die Frge: Gibt es ein Glück in autoritären Herrschaften? Und wie könnte es aussehen? Vielleicht so: Wir nehmen Euch eiN Stück Eurer Freiheit und dafür schenken wir Euch mehr Glück – weil Ihr nicht mehr so viel entscheiden müsst. Ich versuche immer, die Aktuaität mit dem Thema zu verheiraten. Ansonsten hätte man das Gefühl, plötzlich in einer anderen Show zu sitzen.

Ihr Guru fordert die Leute auch auf, ihr auf sozialen Medien zu folgen. Die können teilweise auch süchtig oder unglücklich machen. Nun versucht man in Österreich, Kinder per Gesetz davon fernzuhalten. Wie stehen Sie dazu? 
Meine Position ist klar: Es braucht kein Social-Media-Verbot für Kinder, sondern für ihre Eltern, die sind das eigentliche Problem: Es ist die Generation Ü50, die im Familienchat Fake News verbreitet, weil sie nie gelernt hat, richtig von falsch im Internet zu unterscheiden. Das ist die Generation, die bei Facebook ist und sich in irgendwelchen Gruppen radikalisiert. Und das ist die Generation, die sich beim Dönerfressen und Wurstessen fotografiert und nebenbei auch behauptet, Ministerpräsident von Bayern zu sein.

Die Gourmet-Postings des bayerischen Ministerpräsidenten sind auch zu uns gedrungen. 
Das ist ja das Gute am Internet, dass die nationalen Grenzen immer mehr einschmelzen. (lacht) Ich halte Social Media natürlich auch für eine Gefahr, aber dieses Salon-Pessimismus-Getöse geht mir auf den Sack. Wir haben schon so viele neue Medien in der Menschheitsgeschichte erlebt. Als der Buchdruck kam, sagten alle: Das ist der Untergang, jetzt lesen alle nur noch Bücher und gucken nach unten, statt auf ihre Mitgeschöpfe zu achten. Dann kam das Fernsehen, das sollte uns alle umbringen. Es geht darum, mit diesen Medien verantwortungsvoll umzugehen und sie ins eigene Leben zu integrieren, aber nicht, so zu tun, als sei das der Untergang der Menschheit. 

Das Glück wurde schon von allen möglichen Seiten beleuchtet, wie nähern Sie sich dem Phänomen Glück?
Als ehemaliger Kabarettist, der jetzt ins Coaching gehen will, der von sich behauptet, durch und durch glücklich zu sein, aber eigentlich ein ziemlich unglückliches kleines Arschloch ist und dabei immer mehr an die eigenen Grenzen kommt. Ich verkörpere eine Loserfigur der Gegenwart und zeige, wie durch das Glücksdiktat ein autoritäres Zeitalter vorbereitet wird. Da gibt es einen tiefen Zusammenhang. Dieses Lifecoach-Gequatsche (“Du musst nur hart genug an dir arbeiten, dann kannst du es schaffen und dein eigenes Ich finden„) ist ja nur die Vorbereitung dessen, was wir jetzt beispielsweise im Rechtspopulismus erleben. Was beide verbindet, ist, den Menschen das Gefühl einer fast göttlichen Allmacht geben zu wollen: “Du alleine hast es in der Hand„. Gleichzeitig werden alle, die nicht so hart an sich arbeiten, in die Ecke gestellt. Leute, die zum Beispiel in Deutschland die AfD wählen, sagen: Ich lasse mich nicht mehr beschämen für mein Leben. Dafür, dass ich Fleisch esse und Auto fahre. Sie entwickeln einen kruden, fast archaischen Stolz. Wenn man umgekehrt davon spricht, dass Menschen sich für ihr Verhalten schämen sollen, dann bereitet man das Gegenteil dessen vor, was man erreichen will.

Es gibt aber auch dieses Anspruchsdenken, dass die Leute gewisse Dinge einfach gewohnt sind und davon nicht ablassen wollen, weil sie es als Zutat zum Glücklichsein betrachten. Man lässt dann sein Auto selbst dann nicht stehen, wenn der Spritpreis so hoch steigt wie zuletzt. Sehen Sie das auch als Problem? 
Die Glückstyrannen erzählen uns ja die ganze Zeit: Du darfst höchste Ansprüche an die Welt haben! Dadurch entsteht ein Staatsverständnis, das sagt: Der Staat muss eine Eier legende Wollmilchsau sein. Der soll mir bedingungslose Freiheit bieten und zugleich absolute Sicherheit. Also eine Mischung aus China un den USA. Das kann nicht funktionieren. So sind wir infantile Erwachsene. Wir wollen Politiker, die “sagen, was ist„ – und wenn einer kommt, der das tut, dann heißt es: “Nein, also so ist es aber auf keinen Fall!„  

Ein Mann im blauen Anzug mit weißem Hemd und Krawatte lächelt vor hellblauem Hintergrund.

“Österreich ist das Labor für Deutschland„

Am Beispiel Ungarn hat man gesehen, dass selbst wenn rechtsnationale Kräfte an die Macht kommen, dieser Staatsumbau dann offenbar doch nicht so weit verfängt, dass das unumkehrbar ist. Ist das etwas, das Hoffnung gibt? 
Wir wissen noch nicht, inwiefern Péter Magyar ein Schwer- oder Leichtgewicht ist. Wir wissen auch noch nicht, wie schwierig es ist, die Ketten loszuwerden, die Orbán um die Demokratie und den liberalen Rechtsstaat gelegt hat, aber es ist auf jeden Fall ein Hoffnungsschimmer. Die Hoffnung besteht aber weniger darin, dass Menschen lernfähig sein könnten, sondern dass die Rechtspopulisten dem Volk den Gefallen tun, am Ende genau die korrupten, abgezockten Wichser zu sein, für die man sie immer gehalten hat. Sie versprechen den Menschen Besseres, aber am Ende des Tages wirtschaften sie nur in die eigene Tasche. Sie denken nur an sich. Und dieses mafiöse System erkennen die Leute und dagegen wehren sie sich – gerade die Enttäuschten, die ja die Wähler dieser Leute sind, haben hier ein feines Gespür und verzeihen nichts. 

Was in Österreich meistens zum Vorschein gekommen ist, wenn zum Beispiel die FPÖ selbst am Ruder war. In Deutschland versucht man im Fall der AfD aber zu verhindern, dass sie überhaupt einmal an die Macht kommt. Wie wird das dann weitergehen? 

Österreich ist das Labor für Deutschland. Ich verstehe nicht, warum die politische Kaste so dumm ist, nicht einmal über die Grenze zu gucken und einmal gratis alle Fehler und Irrtümer vor die Füße gelegt zu bekommen. Wie oft hat die FPÖ es, offen gesprochen, in einer Regierung versemmelt? In den 80ern zum ersten Mal mit der SPÖ, dann mit Haider und Strache kam auch nur der Absturz. Bei den letzten Wahlen war man mit Kickl wieder sehr erfolgreich und das, obwohl in Österreich ganz viel von dem umgesetzt worden ist, was die FPÖ wollte – unter anderem eine restriktive Migrationspolitik. Österreich hat das hinter sich, was Merz gerade versucht. Es war Sebastian Kurz, der die Thesen der FPÖ übernehmen und konservativ besetzen wollte, um die FPÖ überflüssig zu machen. Kaum war Kurz weg, fielen die Themen natürlich zurück an die, die dafür stehen. Natürlich vertrauen die Leute einer rechtspopulistischen Partei, die das Original darstellt, mehr als einer Kopie. Wenn Sie “Flugzeuge im Bauch„ hören wollen, dann hören Sie Grönemeyer und nicht Oli. P. Aber wir in Deutschland wollen offenbar alle Fehler selber machen. Und wenn, dann gleich drei Mal schlimmer, weil wir machen ja alles gründlich.

Sie haben ein Zusammentreffen mit Björn Höcke auf YouTube gepostet. Warum haben Sie das Geheimnis der Verkleidung am Ende nicht gelüftet?
Weil Höcke feist genug ist, dass er wahrscheinlich nur behauptet hätte: “Ich habe mir das eh gleich gedacht.„ Man darf in solchen Situationen nichts machen, wovon man weiß, dass man damit am Ende nur verlieren kann. 

Was war für Sie der Erkenntniskern der Aktion? 
Er hat ja ganz klar gesagt, dass er einen Wahlausgang, der nicht so läuft, wie er sich das vorstellt, anzweifeln wird. Diese Rechtsstaatsverachtung hat er ganz offen zur Schau getragen, wenn auch in einer Art Banalität des Bösen. In dem Moment zeigte sich auf sehr plastische und im Rahmen dieses kleinen satirischen Kammerspiels, dass die AfD sich von ihren Vorbildern in Russland oder den USA nicht unterscheidet. 

Welche Rolle kann Höcke in Deutschland noch spielen? 
Er ist in Thüringen sehr erfolgreich, aber im AfD-Mainstream etwas marginalisiert. Ich glaube, vor allem Weidel will ihn klein halten. Höcke ist für die AfD natürlich eine Gefahr, weil er Grenzen überschritten hat, die sogar  innerhalb der AfD als Tabuzone gelten. Beispielsweise seine Rede über das Berliner Holocaust-Mahnmal als “Mahnmal der Schande„. Das sind Grenzüberschreitungen, die der Partei schnell den Ruf einbringen, sie stünden in der Tradition des Dritten Reiches, was sie tunlichst zu vermeiden versucht. Einer wie Höcke kann da potenziell Wähler abstoßen. Der Wunsch der AfD, mit Alice Weidel an der Spitze eine Art Wolf im Schafspelz zu sein, würde unter einem Höcke leiden. 

Mann im Anzug mit verschränkten Armen vor grauer Wand.

Die AfD befindet sich also Ihrer Meinung nach eher auf einer Welle mit dem französischen Rassemblement National, das nach außen das harmlosere Gesicht des Rechtspopulismus gibt? 
Ich denke, dass die AfD unter allen rechtspopulistischen Kräften in Europa schon die radikalste ist, da ist Meloni schon fast homöopathisch. Es gab ja auch von Marine Le Pen Distanzierungen von der AfD, weil die zu hart aufgetreten ist. Unsere Rechtsextremen müssen aufpassen, auf europäischer Ebene innerhalb des Zusammenschlusses der rechtsextremen Parteien nicht isoliert zu werden. Isolation ist in Europa selbst für Nationalisten kein Ziel, auch wenn das paradox klingt.

Dass die Trump-Entourage nach Deutschland kommt und quasi die AfD als jene Kraft adelt, die die Demokratie ernst nehme, hätten Sie so etwas noch vor zwei, drei Jahren für möglich gehalten? 
Seit 2016, dem Brexit und der ersten Amtszeit von Trump, habe ich mir abgewöhnt, irgendetwas für unmöglich zu halten. Wir müssen wieder mit allem rechnen. Vor allem auch mit dem, wovon wir glauben, nicht mehr rechnen zu müssen. 

Bei Trump hatte man zu Beginn der zweiten Amtszeit das Gefühl, denen gelingt jetzt der Umbau Amerikas, aber wirkt sein Auftreten mittlerweile nicht schon zu erratisch? 
Die zweite Amtszeit von Trump begann wesentlich besser organisiert und für seine Anhänger vielversprechender, als die erste es jemals war. Man dachte ja, dass er dazugelernt hat und sich seiner Funktion in einem größeren Umbau der USA bewusst ist. Jetzt macht er aber wieder, was er will. Er fängt den Iran-Krieg an und weiß nicht, wie er wieder rauskommen soll. Dann legt er sich auch noch mit dem Papst an. Das ist ein Kardinalsfehler. Den Kampf kann er nur verlieren. Daran merkt man, dass er eine loose cannon ist. Wie kann man sich, wenn man so viele gläubige Wähler hat, dem Vorwurf der Blasphemie aussetzen? Die Wahrnehmung, der Papst sei nur der Stellvertreter Trumps auf Erde, das funktioniert auch bei der eigenen Anhängerschaft nicht. Damit ist eine Tabuzone überschritten. Dass ein Amerikaner mit Chicagoer Slang im Vatikan sitzt, dadurch fühlen sich die Amerikaner ja tatsächlich "great". 

Noch einmal zurück zu Ihrem Programm. Auch wenn Sie sich über Glücksversprechen lustig machen, aber ist Glück für Sie persönlich eine Kategorie, die wichtig ist? Wie gehen Sie persönlich an das Thema heran? 
Natürlich gibt es wunderschöne, erfüllende Momente, aber das Lebensziel ist etwas anderes. Etwas, das einen mit Sinn erfüllt oder mit Lebendigkeit. Und dann können sich daraus Glücksmomente ableiten. Ich halte von diesem ganzen Glückszirkus, der so glupschäugig und harmoniesüchtig daherkommt, gar nichts. 

Weil es im Gegenteil eher unglücklich macht?
Ja, und weil man sich in einer endlosen Schleife befindet. Es heißt dann: Du musst noch glücklicher werden und wenn du es nicht bist, dann musst du noch härter an dir arbeiten. Aber je härter du arbeitest, desto mehr Luft nach oben entsteht. Du kommst dem Ziel nicht näher, sondern es rückt noch weiter weg. Weil ja immer noch etwas zu tun bleibt.

Kommentare