Xavier Dolan (re.) und Gabriel D'Almeida Freitas in „Matthias and Maxime“

© Festival de Cannes

Kultur
05/24/2019

Finale und Favoriten in Cannes: Küsse und Kalkül

Pedro Almodóvars „Leid und Herrlichkeit“ Palmenfavorit, Xavier Dolan küsst einen Freund.

von Alexandra Seibel

Das Festival von Cannes nähert sich seinem tränenreichen Ende. Besonders die Filmpremieren in Anwesenheit der Regisseure und Regisseurinnen erweisen sich als Schwimmbad der Gefühle. Der frankokanadische Filmemacher Xavier Dolan begann bereits vor Aufführungsbeginn seines neuen Comedy-Dramas „Matthias and Maxime“ zu hyperventilieren. Als er dann am Ende mit tosendem Applaus und Standing Ovations belohnt wurde, fand das Schluchzen kein Ende mehr.

Lange galt Dolan als das enfant terrible der Filmszene von Québec. Im Alter von zwanzig legte er sein exzentrisches Filmdebüt „I Killed My Mother“ vor und gewann 2014 mit seiner schrillen Mutter-Hommage „Mommy“ den großen Jury-Preis in Cannes. Sein mittlerweile achter Film, ein gefühlvolles Freundschaftsporträt zweier junger Männer, ist denn auch weit weniger von hysterischer Energie befeuert als sonst üblich bei Dolan.

Der gerade 30 Jahre alte Regisseur übernahm selbst die Hauptrolle als Maxime, der seit Kindertagen mit Matthias befreundet ist. Als die beiden für einen Studentenfilm eine Kussszene drehen, entdecken sie unterschwellige, unterdrückte Gefühle füreinander. Matthias reagiert darauf aggressiv und meidet seinen Freund – solange, bis sich auf einer Party ein weiterer Kuss zwischen den beiden anbahnt.

Explosion

Dolan presst die Dynamik einer männlichen Freundesgruppe und deren unterschiedliche, familiäre Milieus in enge, gefühlskonzentrierte Bilder. Besonders Maxime hat zu seiner drogenkranken Mutter ein intensives Verhältnis, das in erster Linie darin besteht, sich anzubrüllen und mit Gegenständen zu bewerfen.

Dolan schenkt sich selbst viele Close-ups, in denen sein knabenhaftes Gesicht von Kummer gequält die Leinwand füllt. Souverän inszeniert er die (erotische) Spannung zwischen den beiden Freunden und lässt sie schließlich in einem weiteren Kuss explodieren.

Auf einen gleichgeschlechtlichen Kuss läuft auch die Begegnung zweier junger Frauen in Céline Sciammas Historiendrama „Portrait of a Lady on Fire“ hinaus. Die 40-jährige Regisseurin ist ein Lieblingsgast des Festivals und wurde bereits frenetisch gefeiert, bevor noch irgendwer ihren Film gesehen hatte. In minimalistischen, komplett ausgeräumten Bildern erzählt sie von einer Malerin namens Marianne, die Ende des 18. Jahrhunderts den Auftrag bekommt, eine junge Frau zu porträtieren.

Das Problem dabei: Héloïse will sich nicht malen lassen, weil das Gemälde an ihren zukünftigen, von ihr ungeliebten Bräutigam nach Mailand geschickt werden soll. Sciamma benutzt diese Ausgangsposition, um das Verhältnis der beiden Frauen über heimliche Blicke zu inszenieren. Marianne beobachtet Héloïse aus den Augenwinkeln, während sie Spaziergänge an der bretonischen Atlantikküste unternehmen, und malt dann ihr Gesicht aus dem Gedächtnis.

Dass sich zwischen den Frauen mehr als nur Zuneigung entwickelt, wird bald klar und steuert – ähnlich wie bei Dolan – auf einen ersten Kuss zu. Doch die Erwartbarkeit dieser Berührung kann nicht annähernd jene Spannung erzeugen, die Dolan zustande brachte, sondern bleibt in ihrem Kalkül berechnend.

Trotzdem zählt Céline Sciamma zu den Favoriten unter möglichen Palmen-Gewinnern. Glaubt man dem internationalen Kritikerspiegel, dann rangiert ihr „Portrait of a Lady on Fire“ unter den bestbewerteten Filmen des Wettbewerbs.

 

Noch besser als Sciamma schnitt allerdings bislang Star-Regisseur Pedro Almodóvar ab. Sein autobiografisch inspirierter, zärtlicher und anrührender Film „Leid und Herrlichkeit“ gilt als einer der aussichtsreichsten Palmen-Anwärter.

Antonio Banderas

Almodóvar lässt sich selbst von einem Schauspieler vertreten, dessen Karriere er entscheiden mitgeprägt hat: Der wunderbare Antonio Banderas spielt hingebungsvoll einen alternden, ehemals erfolgreichen Regisseur namens Salvador, der an starken Rückenschmerzen leidet und endlos Tabletten schluckt. In seiner melancholische Rückschau auf das eigenen Leben werden Erinnerungen an die Kindheit und seine (damals noch junge) Mutter wach gerufen. Ganz im Gegensatz zu Dolan, dessen Mutterfiguren immer etwas Monströses anhaftet, blickt der Spanier mit immenser Liebe auf seine Mutter (zurück), blendend gespielt von Penélope Cruz, einer weiteren, wichtigen Weggefährtin von Pedro Almodóvar.