Himesh Patel als britischer Singer-Songwriter, der Beatles-Lieder singt: „Yesterday“

© UPI

Kultur
07/11/2019

Eine Welt ohne Beatles - und die anderen Kinostarts der Woche

Alle haben die Beatles vergessen. Nur einer kann sich noch an sie erinnern – in Danny Boyles braver Komödie, Die vier Filmkritiken der Woche.

von Alexandra Seibel

Die Idee ist witzig: Ein weltweiter Stromausfall legt die Erde lahm. Danach weiß niemand mehr, wer die Beatles waren. Das Blackout hat die Band aus dem Gedächtnis aller Menschen gelöscht. Bis auf einen: Jack Malik.

Jack Malik ist ein glückloser, wenig talentierter Singer-Songwriter und tourt durch die Pubs britischer Provinznester. Wenn er auftritt, leeren sich die Lokale. Seine Stimme ist gut, aber seine selbst komponierten Lieder verwechselbar.

Während des Blackouts hatte Jack bei einem Radunfall zwei Schneidezähne verloren. Frustriert sitzt er nun mit seiner Gitarre im kleinen Kreise seiner Freunde und stimmt melancholisch „Yesterday “ an. Von den Beatles.

Seine Freunde sind baff. Was für ein toller Song! Was für eine Komposition! Seit wann kann Jack solche Weltklasse-Lieder schreiben?

Wie, der Song ist von den Beatles? Wer soll das sein: Käfer? Autos?

Irgendwann dämmert Jack, dass er der Einzige auf der Welt ist, der das Werk der Beatles kennt. Von dieser Einsicht bis hin zur Verkaufsidee, mit den Liedern der Beatles aufzutreten und sie als die eigenen auszugeben, ist es ein Katzensprung.

Ed Sheeran

Sogar Ed Sheeran – ja, der Ed Sheeran – ist von Jacks Songs begeistert. Er engagiert ihn als Vorgruppe. Nach dessen inniger Performance von „The Long and Winding Road“ gibt sich Sheeran – der übrigens mit viel Selbstironie spielt – geschlagen: Er, Ed, ist nur Johannes der Täufer. Jack hingegen der Messias. Trotzdem verteilt Sheeran gute Ratschläge: „Hey Jude“ klinge schräg. Wie wär’s mit „Hey Dude“?

Danny Boyle hat aus einer genialen Komödienprämisse einen mainstreamigen, gefälligen Film mit Potential zum Kassenschlager gedreht. Für alle ist etwas dabei: Beatles-Nostalgie, Kleinstadtromanze, Karrieretraum und, natürlich, Ed Sheeran.

Doch größeren Fragen jenseits der Gefälligkeitsgrenze geht Boyle nicht nach. Was bedeutet es, wenn einem plötzlich der Liedtext von „Eleanor Rigby“ nicht einfällt? Wenn kein Google helfen kann, weil Google nicht weiß, dass „Eleanor Rigby“ ein Songtitel ist? Lediglich das eigene Gedächtnis kann auf die Sprünge helfen. Der Künstler wird zum Archivar von popkulturellem Wissen, das er dem Vergessen entreißen will.

Auch die Überlegung, wie die Popwelt ohne das Werk der Beatles aussehen würde, wäre faszinierend. Doch Boyle bleibt bei Schema F:

Er übergibt seinen kleinen Briten den Fängen der US-Pop-Industrie (vergnüglich: Kate McKinnon als geldgierige Musik-Managerin) und kurbelt die Star-Maschine an.

Himesh Patel als Jack Malik ist sympathisch, aber wenig charismatisch. Seine verklemmte Liebe zu seiner Langzeitmanagerin Ally ist in erster Linie verklemmt.

Lily James als Ally bleibt unterbeschäftigt und bieder. So klingt eine vielversprechende, mitunter mitreißende Pop-Comedy als spießige Liebeskomödie aus. Kein Hit, nur eine B-Seite.

INFO: GB/USA 2019. 116 Min. Von Danny Boyle. Mit Himesh Patel, Lily James, Ed Sheeran.

"Rebellinnen": Lieber Gangsterbraut als Arbeiterin in der Fischfabrik

Willkommen in der Armut. Das Ex-Provinz-Model Sandra kehrt nach missglückter Karriere und gescheiterter Ehe   in den Norden Frankreichs zurück. Dort zieht sie wieder bei ihrer Mutter im Wohnwagen ein. Was für eine Niederlage. Auch die örtliche Fischfabrik steht noch – und bald findet sich Sandra am Fließband wieder, wo sie Makrelen in Dosen verteilt.

Cécile de France in ungewohnter Rolle blickt als heruntergerockte Sandra  mit grimmiger Miene aus ihrem Pelzmantel. Als der Chef sie zu vergewaltigen droht, kommt es zu einem  Handgemenge. Der Angreifer stirbt einen bizarren (Penis-)Tod – und zurück bleibt eine Tasche voll Geld, das Sandra mit zwei Arbeitskolleginnen heimlich beiseite räumt.

Debüt-Regisseur Allan Maduit hat eindeutig zu viele Tarantino-Filme gesehen. Sichtlich  inspiriert von seinem Vorbild, fehlen seinen trägen Handlungsvolten  die dramaturgische Präzision und der erzählerische Scharfblick. Zwischen   schwarzhumorigem Slapstick, zwangsoriginellen Gangstern und stilisierten Pistolen-Duellen  entwickelt er nur wenig  ideenreiches Eigenleben.
KarikaturZum einen lässt Maduit seine   quirligen  Hauptdarstellerinnen  zu sehr im Klischee stecken, um ihnen mehr Profil als nur das der Karikatur von Vorstadtweibern zuzugestehen. Zum anderen hätte es nicht geschadet, die sozialen Verhältnisse genauer auszuleuchten; stattdessen verlässt sich Maduit allzu sehr auf epigonale  Gangsterbraut-Coolness.  Seine eindringlichsten Momente  entstehen dort, wo  die Milieubeobachtungen  für sich selbst sprechen dürfen.

INFO:  F 2019. 87 Min. Von Allan Maduit. Mit Cécile de France, Yolande Moreau, Audrey Lamy.

Sich im Kampf gegen die Todesstrafe verlieben

Die israelische Regisseurin Tali Shalom Ezer greift mit ihrem US-Debütfilm zwei Themen auf, bei denen sich die amerikanische Gesellschaft in Liberale und Konservative spaltet: Todesstrafe und Homosexualität. In 30 Bundesstaaten der USA werden bis heute Menschen zum Tode verurteilt – mit steigender Zustimmung durch die Bevölkerung.


Die Geschichte dieses Films klingt zunächst allzu konstruiert, und die darin enthaltene Genre-Mischung (Roadmovie, Sozialdrama, Krimi, Romanze, Coming of Age) wirkt überladen.

 


 Im Mittelpunkt steht Lucy, die mit ihrer älteren Schwester Martha und ihrem kleinen Bruder im Campingbus unterwegs ist.
 Unterwegs zu einer Demonstration. Es soll nicht die einzige bleiben, wie sich herausstellt. Denn die drei Geschwister sind quasi auf Tournee – von einer Demo gegen die Todesstrafe zur nächsten.


 An ihrem ersten Ziel treffen sie auf eine junge Frau. Eine angehende Anwältin, die wohl nicht zufällig „Mercy“, also „Gnade“, heißt. Sie ist für die Todesstrafe und will bei der Hinrichtung jenes Mannes dabei sein, der den langjährigen Partner ihres Vaters, eines Polizisten, getötet hat.
 Lucy wiederum hat noch persönlichere Gründe für ihren Protest gegen die Todesstrafe: Gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrem Bruder kämpft sie für das Überleben des Vaters, der für den Mord an ihrer Mutter zum Tode verurteilt wurde.
Trotz der ideellen und ideologischen Kluft zwischen Lucy und Mercy in Sachen Todesstrafe springt ein Funke über.

 

Gentests

Am Beginn der komplizierten Liebesgeschichte steht also ein schier unlösbarer Konflikt. Ein weiteres Problem entsteht, als Mercy anbietet, Lucy bei der Klärung ihres familiären Kriminalfalls zu helfen, und sie auf neue Gentests aufmerksam macht, die die Unschuld ihres Vaters beweisen könnten. Die gleichen Tests könnten aber auch seine Schuld beweisen.
 Politische Gegensätze und unterschiedliche Positionen zur Todesstrafe am Beispiel einer lesbischen Liebesgeschichte zu verhandeln, ist jedenfalls gewagt – was  auch  die (enttäuschend mageren) Einspielergebnisse in den USA beweisen.

Text: Gabriele Flossmann

INFO: GB/USA 2017. Von Tali Shalom Ezer. Mit Ellen Page, Kate Mara, Amy Seimetz.