Oscarpreisträger Peter Jackson konvertierte stumme, schwarz-weiße Archivfilme aus dem Ersten Weltkrieg in eine Farbdoku mit Sound 

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Kultur
06/27/2019

Filmkritik zu "They Shall Not Grow Old": Kamera, bitte lächeln!

Oscarpreisträger Peter Jackson fertigte eine überwältigende Erste-Weltkriegsdoku in 3-D aus alten Schwarz-weiß-Filmen an.

von Alexandra Seibel

Am Anfang waren alle begeistert. Jeder wollte in den Krieg ziehen. Zu Tausenden meldete sich die britschen Burschen freiwillig. Wer zu jung war, gab bei den Rekrutierungsstellen vor, älter zu sein. Gerne drückten die Behörden ein Auge zu.

Die Ernüchterung folgte auf dem Fuß. Kriegseinsätze an der französischen Front erzählen von grässlichen Zuständen in den Schützengräben, blutrünstigen Kampfhandlungen und grausam verstümmelten Leichen.

Das große Sterben des Ersten Weltkrieges dauerte von 1914 bis 1918. Mit der Unterzeichnung des Friedensvertrages von Versailles am 28. Juni 1919 fand der Krieg sein völkerrechtliches Ende – vor genau 100 Jahren. Anlass für das britische Imperial War Museum, seine Archive zu öffnen, und „Herr der Ringe“-Regisseur Peter Jackson zu bitten, aus stummem Filmmaterial eine zeitgenössische Doku zu schmieden.

Unter Verwendung von modernster Technik restaurierte und kolorierte Jackson die Kriegsaufnahmen und konvertierte sie mithilfe von 3-D-Technologie. Die einzigen Kommentare zu seinen Laufbildern, die nun nicht mehr typisch abgehackt, sondern in glatten Bewegungen dahin eilen, kommen von britischen Kriegsveteranen. Deren Stimmen stammen ebenfalls aus dem Archiv: Sie wurden aus über 600 Stunden Interviewmaterial kompiliert und kommentieren die Fotos und Filme von jungen Burschen bei ihrem Einsatz im Ersten Weltkrieg.

Wie im Film

Jackson beginnt seine Doku in Trainingslagern und bleibt im üblichen Schwarz-weiß der damaligen Zeit. Erst, als die Soldaten im Maschinengewehr-Gewitter im Schützengraben landen, bekommen sie Farbe (und Ton) und erhalten dadurch plötzlich ein modernes Gesicht. Ein seltsamer Effekt tritt ein: Was gerade noch nach authentischem Wochenschaumaterial von der Front aussah, wirkt plötzlich fiktional – „wie im Hollywoodfilm“.

Erst bei genauerem Hinsehen, kommt ein Realitätsmoment zurück: Burschen mit Zahnlücken und schiefem Gebiss grinsen in die Kamera. So sehen keine Schauspieler aus, sondern echte Menschen. Deren Gesichter schälen sich mit großer Klarheit aus dem historischen Material, bekommen Individualität, Ausdruck und Zeitgenossenschaft.

Dass die Soldaten, trotz widrigster Umstände, sehr oft in die Linse lachen, erklärt sich dadurch, dass die Anwesenheit einer Kamera die Leute damals in Verlegenheit brachte. Genau diese Spannung entfaltet sich in Jacksons überwältigender Doku: Mit moderner Technologie rückt er der grausamen Vergangenheit auf den Leib und macht sie gegenwärtig. Allerdings sehen wir sie nun mit unseren Augen.

INFO: Großbritannien/Neuseeland 2018. 99 Min. Von Peter Jackson.