Kultur
28.11.2018

Filmkritik zu "Alles ist gut": Er meint es nicht so

Eine junge Frau wird vergewaltigt und versucht so zu tun, als wäre nichts gewesen.

„Er wollte und ich wollte nicht.“ So einfach ist das. So einfach sollte es sein.

Doch so einfach ist es leider nicht. Insofern erweist sich der Titel „Alles ist gut“ von Eva Trobischs herausragendem Abschlussfilm an der Münchner Filmhochschule als trügerisch. Dabei möchte Janne (Aenne Schwarz), eine junge Frau Mitte Zwanzig und mit einem Bein im Kulturprekariat, unbedingt, dass alles gut ist. Zwar muss der Kleinverlag, den sie mit ihrem Freund Piet betreibt, Insolvenz anmelden und das langjährige Büro geräumt werden. Neuer Job ist vorerst auch nicht in Sicht. Doch dann besucht Janne ein Klassentreffen, bei dem die ehemaligen Mitschülerinnen mit ihren Karrieresprüngen und Familiengründungen angeben. Dort trifft sie zufällig einen alten Bekannten namens Robert wieder, der ihr einen attraktiven Job als Lektorin anbietet. Und sie lernt auch Martin (Hans Löw) kennen, Roberts Schwager.

Während all dieser Begegnungen umstreicht die Kamera wie zufällig die handelnden Personen, hält sich immer knapp an ihnen dran, wird aber nie aufdringlich. Sie schafft Nähe aus der Distanz, bleibt ganz beiläufig, fast flüchtig, dafür aber umso eindrücklicher.

Die Party auf dem Klassentreffen nimmt an Fahrt auf. Tanzen, Schnaps trinken, ein bisschen mit Martin flirten. Dann betrunken nach Hause taumeln. Janne bietet Martin eine Übernachtungscouch an.

Klar, kommt Martin mit, gerne. Er sieht das als klare Aufforderung. Nur einen Kuss noch. Na komm schon. Lass mich nicht hängen.

Bevor sie bis drei zählen kann, ist Janne vergewaltigt. Der nette Typ mit dem Dackelblick versteht kein Nein, schließlich hat er auch seine Bedürfnisse.

Zähne putzen

Trobisch erzählt diesen Gewaltakt komplett unaufgeregt, geradezu verblüffend. Kein Geschrei, kein Handgemenge. Danach putzt sich Janne die Zähne und behält die ganze Sache für sich.

Eine Frau will sich nicht zum Opfer machen lassen. Diesen Topos erzählte Paul Verhoeven unlängst in seinem sardonischen Rachethriller „Elle“ mit einer unbezwingbaren Isabelle Huppert. Trobisch hingegen nähert sich dem Thema mit stillem Realismus an. Janne will einfach mit ihrem Leben weitermachen, ihre Beziehung führen, den neuen Job, in dessen Umwelt Martin auftaucht, nicht belasten.

Außerdem gehört sie zu jenen Menschen, die lieber ihre eigenen Wünsche zurücknehmen, als einen offenen Konflikt mit anderen auszutragen.

Der Kellner hat das falsche Essen gebracht? Egal, passt schon. Alles gut.

Der Boy-Freund brüllt auf der Straße herum?

Er meint es nicht so. Ich komm schon klar.

Trobisch sucht nicht nach abgerundeten Wahrheiten, sondern nach jenen Verschiebungen, die bestimmte Ereignisse auslösen. Martin taucht auf Jannes Arbeitsplatz auf und sucht ein Gespräch mit ihr. Die ganze Angelegenheit tut ihm sichtlich leid, aber am meisten leid tut er sich selbst.

Jannes Flucht in eine Normalität wiederum erweist sich auch als Flucht vor der eigenen Konturlosigkeit. Doch die inneren Implosionen nehmen zu. Irgendwann sprengen sie alle höflichen Umgangsformen weg und lassen nur ein hartes „Nein“ übrig.

INFO: D 2018. 93 Min. Von Eva Trobisch. Mit Aenne Schwarz, Andreas Döhler, Hans Löw.