Kultur
29.03.2018

Filmkritik "Death of Stalin": Bürokratie und Blödheit

Brillante schwarze Komödie um Politmachtkampf mit Steve Buscemi und Michael Palin.

Wenn es um die eigene Geschichte geht, verstehen die Russen keinen Spaß. Auch wenn der Rest der Welt die unerbittliche Horror-Komödie „The Death of Stalin“ umwerfend witzig finden mag – in Russland wurde sie glatt verboten.

Abstoßend und beleidigend, lautete der Vorwurf.

Damit dürfte Armando Iannuci, der exzellente schottische Polit-Satiriker, Regisseur („In the Loop“) und Serien-Macher („The Veep“) wohl kaum ein Problem haben. Seine Komödie der Grausamkeit verwebt gallige Dialoge mit listigem Slapstick und lässt in trefflichen Pointen die Angst vor tödlichem Terror aufblitzen.

So geschieht es, dass Genosse Stalin, nach jahrzehntelanger Schreckensherrschaft, im März 1953 überraschend auf dem Teppich zusammensackt und keinen Ruachler mehr von sich gibt. Die Parteikollegen eilen herbei, piksen ihn in den Bauch und überschlagen sich vor Betroffenheit. Besorgt wollen sie neben dem Hingestreckten niederknien, hüpfen allerdings flott wieder auf, weil der Chef leider in einer Pisslacke ruht. Auch Ärzte lassen sich keine finden („Leider alle im Gulag.“)

Nikita Chruschtschow Steve Buscemi in Höchstform – steigt überhaupt gleich samt Pyjama in seinen Anzug, um beim sofort losbrechenden Machtkampf keine Sekunde zu verlieren.

Sieben Parteigenossen treten mit kriecherischem Ehrgeiz an, grinsen einander ins Gesicht und erstellen heimliche Todeslisten. Klandestine Treffen finden statt – zum Beispiel im Auto bei lautem Hundegebell. Damit können zwar potentielle Lauscher nichts hören – aber auch sonst niemand mehr.

Dass hinter der brillanten Screwball-Fassade Schreckensherrschaft und Massenexekution tobt, fällt weder unter den Tisch, noch wird es zur Pop-Brutalität à la Tarantino abgeschwächt. Sätze wie: „Erschieß’ seine Frau zuerst und achte darauf, dass er zusieht“, lassen die Grenze zwischen grausamem Witz und unsagbarer Gewalt umso schärfer hervortreten.

Meisterlich verbindet Armando Iannuci Slapstick und Horror zum superben Komik-Schocker (der übrigens tatsächlich auf einer Co mic-Vorlage beruht).

Beerdigungsdirektor

Buscemi als Chruschtschow hat einen seiner spaßigsten Auftritte, als er gegen seinen Willen mit der Organisation der Trauerfeier beauftragt wird („Niki wird Beerdigungsdirektor!“). Zähneknirschend muss er Rüschenstoffe und Blumenkränze („Verdammte Pollen!“) arrangieren. Allein, wie er versucht, während der Zeremonie mit seinem bleichen Konkurrenten Malenkov im Schneckentempo Platz zu tauschen, ist eine Komödien-Klasse für sich. Als dann auch noch die längst verbannten Bischöfe vor dem aufgebahrten Stalin aufmarschieren („Wer hat die Jesus-Bräute eingeladen?“), droht Eskalation.

Und die tödliche Umarmung zwischen Bürokratie und Idiotie endet in schneidender Polit-Persiflage.

Insofern erinnern die karrierewütigen Genossen ohne weiteres an Anzugträger der Gegenwart. So ist es wohl auch kein Zufall, dass in der englischen Originalfassung das brillante Schauspieler-Ensemble in zeitgenössischen Dialekten seine Intrigen spinnt – von Cockney-Britisch bis Brooklyn-Englisch. Doch nevermind: Sogar die deutsche Synchronfassung ist ausgesprochen lustig.