Trinklustige Senta Berger im Kino: Gurgeln mit Enzianschnaps
Der Mensch braucht seine Rituale: Senta Berger und Michael Wittenborn gurgeln in „Ach, diese Lücke, ...“ mit Enzianschnaps.
Leser und Leserinnen von Joachim Meyerhoffs Buch „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ berichten von Lachstürmen, die sie bei der Lektüre geschüttelt hätten. Und von großer Ergriffenheit. Ganz so haha-lustig übertragen sich die Erinnerungen Meyerhoffs nicht ins Kino, sie gehen dafür aber umso mehr zu Herzen.
Es beginnt mit dem Begräbnis von Joachims älterem Bruder, der bei einem Unfall ums Leben kann. Die Familie ist niedergeschmettert, und vor allem Joachim weiß nicht, wohin mit sich und seiner Trauer. Schließlich überrascht er seine Familie mit dem Entschluss, nach München zu gehen. Dort will er Schauspiel studieren und bei seinen Großeltern in deren großbürgerlicher Villa einziehen.
Joachim Meyerhoff, lange Jahre im Ensemble des Wiener Burgtheaters, hat seine Lebensgeschichte in einer sechsteiligen, hochgelobten Romanreihe ausgeleuchtet. Teil zwei, „Wann ist es endlich wieder so, wie es nie war“, wurde bereits verfilmt; im darauffolgenden Band „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ wendet er sich seiner Aufnahme an die renommierte Schauspielschule Otto Falckenberg in München zu.
Bruno Alexander spielt den jungen Meyerhoff als rebellischen Blondschopf, der die Trauer um seinen toten Bruder mit rotzigem Verhalten kaschiert. Die gruppendynamischen Aufwärmübungen in der Schauspielschule kommen ihm blöd vor. Wenn sich alle Studierenden am Boden winden und so tun, als wären sie Spaghetti im Kochtopf, macht er nicht mit. Auch das „Lächeln mit den Brustwarzen“ fällt ihm schwer.
Viel mehr schon interessieren ihn die alkoholgeschwängerten Rituale seiner Großmutter Inge Birkmann – von Beruf ebenfalls Schauspielerin – und ihrem philosophischen Gatten Hermann.
Senta Berger und Bruno Alexander als Großmutter und Enkel.
Schon als Kind war Joachim aufgefallen, dass die beiden jeden Morgen im Chor gurgeln, die Flüssigkeit danach aber nie ausspucken. Kein Wunder, der Enzian-Schnaps muss hinuntergeschluckt werden – „aus gesundheitlichen Gründen“.
Zum Frühstück gibt’s dann Champagner, mit dem Dutzende Tabletten hinuntergespült werden. Der Abend beginnt um sechs mit Whiskey und Zigarette, danach trinken Inge und Hermann Rotwein und Cointreau, legen sich flach auf den Teppich und hören Peer Gynt.
Schenkelklopfer
Simon Verhoeven, Sohn von Senta Berger und erfolgreicher Unterhaltungsregisseur, besetzte seine Mutter als Inge – getreu ihrer Rolle ganz Diva. Mit liebender Hand führt er sie und ihren kongenialen Spielpartner Michael Wittenborn durch Meyerhoffs tragikomische Memoiren. Deren literarische Schenkelklopfer übersetzt er in witzige Bilder, denen er mit Joachims Stimme aus dem Off auf die Sprünge helfen will. Dadurch verflacht der Erzählton aber zum Anekdotisch-Episodischen.
Tatsächlich entfalten sich Humor und Wärme in erster Linie im Zusammenspiel zwischen Senta Berger und Michael Wittenborn: Die innige Zuneigung zwischen Inge und Herman findet sich oft nur zwischen den Zeilen, grundiert in ihrer Weltweisheit aber den unglücklichen Enkel. Gekonnt variiert Simon Verhoeven unterschiedliche Stimmungslagen und lässt Trauer und Melancholie, Witz und Exzess in ein wohltemperiertes Bad der Gefühle zusammenfließen.
INFO: D 2025. 137 Min. Von Simon Verhoeven. Mit Senta Berger, Bruno Alexander.
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