Eine Kuh und ihre Milch erweisen sich als Geldquelle in Kelly Reichardts Western "First Cow"

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Viennale
10/25/2020

Filmhighlights auf der Viennale: Gescheiterte Träume

Kelly Reichardts Western „First Cow“ und das indische Musiker-Porträt „The Disciple“ erzählen von unerfüllten Wünschen

von Alexandra Seibel

Manche Träume gehen einfach nicht in Erfüllung – und manche Filme kommen nicht ins Kino. Daher bietet ein Filmfestival die Chance, auch jene Filme zu sehen, die (noch) keinen Verleiher für den regulären Kinobetrieb gefunden haben und womöglich nur exklusiv auf der Viennale zu sehen sind.

„First Cow“ könnte so ein Fall sein. Kelly Reichardts neuer, ungewöhnlicher Western galt als einer der Höhepunkte der diesjährigen Berlinale und ist nun auf Wien-Besuch. Wer das Werk der renommierten US-Regisseurin kennt, die zu den Star-Autorinnen des amerikanischen Independent-Kinos zählt, weiß um ihren verhaltenen Regiestil und ihre Liebe zu Western.

Schon in „Meek’s Cutoff“ (2010) hat Reichardt einen ungewöhnlichen Blick auf eine verlorene Siedlergruppe geworfen; in „First Cow“ konzentriert sie sich nun auf zwei Gold suchende Außenseiter im Oregon Territory von 1820.

Reichardt ist eine Spezialistin für Landschaften, besonders für die Laubwälder von Oregon und ihre Flüsse. Dort lassen sich auch in unserer Gegenwart Geschichten finden, die in die Vergangenheit zurückführen. Eine junge Frau geht mit ihrem Hund am Flussufer spazieren, als das Tier zu graben beginnt. Die Besitzerin kommt näher und gräbt mit: Was sie findet, sind zwei Skelette, die Wange an Wange in ihrem Erdbett liegen, als würden sie kuscheln. Das Bild ist unglaublich berührend – und plötzlich befinden wir uns 200 Jahre zurückversetzt in der Vergangenheit.

Dort schlagen sich Trapper durch die spätherbstliche Landschaft Oregons, während der Koch der Gruppe, ein gewisser Cookie, krampfhaft den Wald nach essbaren Früchten durchforstet. Bei seiner Pilzsuche trifft er auf King-Lu, einen nackten Chinesen auf der Flucht. Zwischen den Außenseitern entspinnt sich eine Freundschaft.

Verschlammter Western

In einem Western von Kelly Reichardt sieht man keine herausgeputzten Frontier-Städtchen mit rustikalen Saloons, sondern Holzhütten, die im Schlamm versinken und von frauenlosen, dreckigen Männern bewohnt werden. Auch Cookie und King-Lu hausen in so einer Bretterbude und verbringen die Tage mit Holz hacken, Wäsche am Fluss waschen und Socken stopfen. Ihr Traum: Ein Hotel in San Francisco, wo Cookie, ein gelernter Bäcker, seine Kochkünste verwirklichen kann.

Als plötzlich eine Kuh beim Nachbarn auf der Wiese steht, haben die beiden eine geniale Geschäftsidee: Des Nachts melken sie heimlich das Tier, fabrizieren damit runde Küchlein, die aussehen wie gebackene Mäuse und verkaufen sie der begeisterten Dorfgemeinschaft („Schmeckt wie zu Hause!“).

Jedes Mal, wenn Cookie die Kuh zum Melken besucht, führt er liebevolle Gespräche mit ihr („Tut mir leid, dass du deinen Mann verloren hast“); oder er verwendet zum Teig anrühren ein Bündel Reisig und verleiht damit dem Wort „Schneebesen“ neue Anschaulichkeit. Reichardt ist eine Meisterin des Details und entwirft in innigen, intimen Bildern eine (historische) Welt zum Angreifen. Dass sich der Traum vom eigenen Hotel vielleicht doch nicht verwirklicht, weiß man bereits zu Beginn. Doch die Zärtlichkeit, mit der sich Kelly Reichardt der Geschichte zweier kleiner Habenichtse und deren Sehnsüchte in einer entzauberten Western-Welt annimmt, ist einfach herzzerreißend.

Auch der indische Regisseur Chaitanya Tamhane erzählt von Träumen, die sich nicht erfüllen. In „The Disciple“ bemüht sich ein junger Mann namens Sharad darum, ein Raga-Meister der traditionellen indischen Musik zu werden. Er ist Mitte 20, hat einen eigenen Guru, bei dem er fleißig studiert und wünscht sich nichts sehnsüchtiger als die Perfektion seines Gesangs.

Man kennt diese klassischen Bio-Pics aus Hollywood, wo unbekannte Musiker lange um Anerkennung kämpfen, um schließlich wie in „A Star Is Born“ die Konzerthallen zu füllen. Zuletzt konnte man solche Karrieren im Kino mit Filmen über Elton John oder Freddie Mercury beobachten. Nicht so bei Tamhane: Sharad bemüht sich redlich, doch der gewünschte Erfolg will nicht kommen. Um ein Meister der Raga-Tradition zu werden, benötigt man auch die innere Einstellung – und die findet nicht jeder.

Tamhane beobachtet seine Musiker in langen, Trance ähnlichen Einstellungen. Das westliche Ohr muss sich anfänglich auf die ungewohnten Klänge erst einstimmen, doch dann beginnen die ausgedehnten Musiksequenzen hypnotische Wirkung zu entwickeln. Tamhanes Bilder, wie auch die von Reichardts „First Cow“, entfalten sich dort am besten, wo sie hingehören: Im Kino.

Programm-Info: www.viennale.at; Ticket-Hotline: 01 526 594 769

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