Kultur 23.04.2018

Filmfestival Crossing Europe: Vertrauensvoll in brisante Filme aus Europa stürzen

© Bild: Thimfilm

Christine Dollhofer, Chefin des Linzer Filmfestival "Crossing Europe" (15. bis 30. April), über Rechtspopulismus und Netflix.

KURIER: Crossing Europe findet heuer zum 15. Mal statt, die Zuschauerzahl hat sich von 9000 auf 23.000 gesteigert. Das Publikum vertraut Ihnen.

Christine Dollhofer: Ja, ich glaube, dank unserer kontinuierlichen Arbeit und einem fokussierten Programm weiß das Publikum, dass es sich vertrauensvoll in unser Programm stürzen kann. „Crossing Europe“ hat sich, was die Präsentation von innovativem, jungen Filmschaffen betrifft, eine Marke erarbeitet. Wir zeigen ein Kino mit Haltung zu gesellschaftspolitischen Themen, und vor allem auch Filme, die im regulären Kinobetrieb oft nicht gezeigt werden. Das liegt nicht unbedingt an den Verleihern, sondern daran, dass über 1500 Filme pro Jahr in Europa produziert werden und nur ein Bruchteil davon Platz in der Kinoauswertung hat.

Das heißt, die Zuschauer lassen sich auch auf Newcomer ein?

Genau. Und wenn man zurück blickt, ist es besonders toll zu sehen, dass wir erstmals Arbeiten von Filmemachern in Österreich gezeigt haben, die mittlerweile im Wettbewerb von Cannes laufen oder für Oscars nominiert werden – etwa Maren Ade, Yorgos Lanthimos, Matteo Garrone oder Ruben Östlund. Es gibt sehr viele Erfolgsgeschichten, und es freut mich persönlich, dass wir den richtigen Riecher hatten. Wir haben diesmal 182 Filme aus 40 Ländern im Programm, 48 Prozent davon sind von Regisseurinnen. Ich bin überzeugt, dass auch heuer wieder viele Talente dabei sind, von denen wir in Zukunft noch hören werden.

Wie sieht die Kulturförderung in Oberösterreich unter der neuen Regierung aus?

Kürzungen wurden in den Raum gestellt, und es herrschte große Ungewissheit. Am Ende des Tages aber war Crossing Europe nicht betroffen, doch muss man dazu sagen, dass die Förderung des Landes Oberösterreich nur einen Bruchteil unseres gesamten Budgets ausmacht. Insofern ist es erfreulich, dass wir wieder über den gleichen Betrag von rund 580.000 Euro wie im Vorjahr verfügen. Generell ist es so, dass wir im Vergleich mit anderen großen Festivals wie der Viennale oder der Diagonale ein sehr bescheidenes Budget haben. Trotzdem glaube ich, dass wir ein sehr professionelles und internationales Programm abwickeln. Allerdings ist das aber auch den bescheidenen Gehältern und den teilweise prekären Arbeitsverhältnissen geschuldet.

Schlägt sich der Rechtsruck in Europa thematisch stark in den Filmen nieder?

Rechtsruck, Nationalismus, Populismus, Söldnertum, Brexit ... all das sind Themen, die das Festival massiv verhandelt, ebenso wie die Fluchtbewegungen seit 2015 und deren Folgen. Man kann sehen, wie eine Regiegeneration in Europa sich dieser Thematik mit einer politischen Haltung annähert. Ein gutes Beispiel ist einer der Eröffnungsfilme von dem ungarischen Regisseur Kornél Mundruczó: In seinem dystopischen Film „Jupiter’s Moon“ lässt er einem Flüchtling übernatürliche Kräfte angedeihen und stellt damit sehr bildgewaltig ein politisches System in Frage – die Orbanisierung und die Entstehung von Feindbildern, wie man sie jetzt auch wieder im ungarischen Wahlkampf erlebt hat. Der Film ist brandaktuell und hat eine sehr persönliche Handschrift. Auch der Abschlussfilm „Transit“ von Christian Petzold, der den Migrantenroman von Anna Seghers aus dem Jahr 1944 ins Jetzt und Heute transferiert, ist ein gutes Beispiel: Mit ihm spannt das Festival einen schönen Bogen und zeigt, wie sich auch die renommierten Filmschaffenden Europas auf ihre Art und Weise diesen brisanten Themen annehmen.

Kürzlich hat sich das Festival in Cannes in einer viel beachteten, heftig geführten Debatte geweigert, Filme zu zeigen, die vom Streamingdienst Netflix produziert wurden. Wie stehen Sie zu dieser Diskussion?

Um Cannes braucht man sich keine Sorgen zu machen, mit oder ohne Netflix. Aber ich als Festivalleiterin bekomme ein massives Problem, wenn ich einen Arthouse-Film zeigen möchte, der von Netflix gekauft wurde. Netflix hat keine Rechtsabteilung, mit der man das Abspielen eines Filmes auf einem Festival klären könnte. Und illegal kann man den Film nicht zeigen. Das stört meine kuratorische Arbeit empfindlich: Wenn ich beispielsweise für einen Regisseur eine Personale machen möchte und zwei seiner Filme in Besitz von Netflix sind, dann sind diese Filme nicht verfügbar – und ich kann keine Personale machen. Das zerstört die Zirkulation von Filmen, die fürs Kino gemacht sind.

 

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( kurier.at , ) Erstellt am 23.04.2018