Kultur
27.07.2018

Festspiele: Van der Bellen warnt vor "Verzwergung" in Europa

Die Salzburger Festspiele wurden im Beisein zahlreicher Politprominenz eröffnet. Historiker Blom hielt ein Plädoyer für eine neue Aufklärung.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat am Freitagmorgen bei strahlendem Wetter seine zweite Eröffnung der Salzburger Festspiele vorgenommen. Passend zur Weltlage und der zahlreich erschienenen Politprominenz, rückten die Eröffnungsreden vor allem die Frage Europas in den Mittelpunkt. In der offiziellen Festspielrede indes widmete sich der deutsche Historiker Philipp Blom der Aufklärung.

Bis 30. August sind die Festspiele nun wieder der Nabel der Musik- und Theaterwelt, wobei man letztlich bereits vergangenen Freitag mit der mittlerweile schon traditionellen Ouverture Spirituelle gestartet ist, die mit Pendereckis "Lukaspassion" unter Kent Nagano eingeläutet wurde. Dieser stand nun auch zur offiziellen Eröffnung am Pult des Mozarteumorchesters in der Felsenreitschule. Gemeinsam sorgte man unter anderem mit Werken der Jahresregenten Bernstein und Von Einem für die musikalische Rahmung.

Diesen Klängen und den Eröffnungsansprachen lauschte wieder die geballte Prominenz aus Politik und Kultur. Bundespräsident Van der Bellen hatte seinen portugiesischen Amtskollegen Rebelo de Sousa eingeladen, während Bundeskanzler Sebastian Kurz ( ÖVP) den estnischen Premierminister Jüri Ratas und Andrej Babis aus Tschechien nach Salzburg gebeten hatte. Und neben zahlreichen Ministern der österreichischen Bundesregierung war auch der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn Teil der Eröffnungsschar.

Begrüßt wurde diese von Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler, die in ihrer Rede nachdrücklich zum Einsatz für ein geeintes Europa aufrief: "Widersprechen wir jenen, die ihre Redegewalt für europäische Untergangsszenarien missbrauchen. Investieren wir unsere rhetorische Stärke, vor allem aber unsere Tatkraft, um die faszinierende Idee eines vereinten Europas wieder voranzutreiben." Damit stelle man sich in die Tradition der Festivalgründer Reinhardt und Hofmannsthal.

Auch Bundespräsident Van der Bellen forderte Leidenschaft für Europa ohne Theaterdonner. "In der Politik möchte ich auf Blitz und Wahnsinn nicht ungerne verzichten", so Van der Bellen: "Die Gründerväter der Europäischen Union bewiesen Leidenschaft, Verantwortung und Augenmaß, als sie die Idee eines gemeinsamen, vereinten Europas praktisch umzusetzen begannen." Umso bedauerlicher sei, dass nun mit Großbritannien ein Mitgliedsstaat die Union verlasse. "Das ist ein Zeichen an der Wand. Die Vertreter des alten Kirchturm-Nationalismus, deren Weitblick gerade einmal bis zur eigenen Staatsgrenze reicht, spüren Aufwind", warnte der Bundespräsident: "Hüten wir uns vor freiwilliger Verzwergung." In beinahe jedem EU-Mitgliedsland gebe es Parteien, die Ideen alter nationaler Souveränität nachtrauerten. "Ich halte das für die politische Illusion schlechthin. Es gibt die alte nationale Souveränität in einer globalisierten Welt nicht mehr", betonte Van der Bellen: "Wir brauchen dieses vereinte Europa. Davon bin ich leidenschaftlich überzeugt."

Auch Kulturminister Gernot Blümel (ÖVP) stellte bei seiner ersten Salzburger Festspiel-Eröffnung Europa und Europas Kunst und Kultur als Überthema über seinen Beitrag. "Ich sehe zwar keinen übertriebenen Anlass zum Pessimismus, aber ja, die Unterschiede zwischen den Ländern in Europa sind groß", so Blümel: "Was uns manchmal fehlt, ist etwas Emotionales: Ein Zusammengehörigkeitsgefühl." Und diese Bindung sei vor allem durch die Kultur zu erreichen, so Blümel, der auch als Europaminister fungiert: "Im Wesen von Kunst und Kultur liegt der dialektische Schaffensprozess einer gemeinsamen europäischen Identität." Insofern lasse sich Salzburg mit diesem Bestreben verbinden: "Das beste Mittel gegen Europaskepsis und Krisenbeschwörer wäre wohl, wenn sich alle Pessimisten auf die Festspiele einlassen würden."

Haslauer: "Wie Schmetterlinge in freiem Flug"

Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer (ÖVP) erinnerte in seiner poetischen Ansprache an die Metamorphosen unserer Gesellschaft und die Frage des Vergessens in Zeiten einer Erinnerungskultur wie etwa dem heurigen Gedenken an das Ende des Ersten Weltkrieges. "Wir begehen solche Anlässe mit dem Glück der Spätgeborenen in routinierter Betroffenheitskultur, suchen Parallelen zu damals, warnen vor den Anfängen, schwören 'Nie wieder!', halten Wiederholung in Wahrheit aber für ausgeschlossen und gehen hernach zu einem leichten Mittagessen, da uns der zu hohe Cholesterinspiegel und die Kurzatmigkeit im Fitnessstudio mehr beschäftigen als die Katastrophen von damals." Die Frage sei also, ob sich die Menschheit ändere. In seinen Augen habe dieser Prozess längst begonnen: "Vielleicht steht unsere Metamorphose noch in einem Stadium der Verpupptheit, vielleicht warten wir bloß darauf, wie Schmetterlinge in freiem Flug eine Ahnung von Unendlichkeit zu bekommen."

Eröffnungsredner Blom: Plädoyer für Emotionalität

Auch wenn die Salzburger Festspiele 2018 unter dem emotionalen Motto "Passion, Ekstase, Leidenschaft" stehen, hat sich der offizielle Festredner Philipp Blom mit einem scheinbar gegengelagerten Thema auseinandergesetzt: der Aufklärung. Blom verband sein Plädoyer für eine neue Aufklärung allerdings mit einem Appell an die Rehabilitation der Leidenschaft.

"Wir sind alle Kinder der Aufklärung" lautet der Titel der Rede des in Deutschland geborenen und in Wien lebenden Historikers und Schriftstellers. Er selbst sei - ungeachtet aller pubertärer Schwierigkeiten bei der Annäherungen an die Kant'sche Philosophie - doch früh von der Liebe zur Vernunft infiziert worden. Die Behauptung, dass sich ein Pfad durch die chaotische Welt nicht in einer heiligen Schrift, einer Bibliothek oder einem Mythos, sondern in sich selbst finden lasse, in der Fähigkeit zur Vernunft, das sei berückend gewesen. Er habe begriffen, dass Philosophie nicht aus Lehrsätzen bestehe, sondern aus einem ganzen Feld von Diskursen und Debatten: "Philosophie ist, wie die Schweizer Philosophin Barbara Bleisch es formuliert, riskantes Denken."

Angriff auf die Aufklärung

Die vermeintliche Selbstverständlichkeit, mit der sich die westliche Welt als Kind der Aufklärung begreife, entlarve sich derzeit jedoch: "Dabei widerlegt gerade die Gegenwart ganz offensichtlich solche Bekenntnisse, denn es hat in westlichen Ländern seit dem Ende des Totalitarismus keinen so weit reichenden und mächtigen Angriff auf die Aufklärung gegeben, wie heute." Mit einem Male gerate der Respekt vor Fakten und dem kritischen Denken gegenüber Meinungen, Gefühle und Vorurteilen in die Defensive.

"Auch die universellen Menschenrechte sind längst zu einer rhetorischen Beschwichtigung zusammengeschnurrt", so Blom mit Verweis auf den Umgang mit Migranten und Flüchtlingen: "Das universelle Denken und die universellen Menschenrechte sind abgelöst worden vom Rückzug auf das Eigene, auf die Nation, die Grenze. Freiheit, Gleichheit und Solidarität sind offensichtlich nur dann attraktiv oder durchsetzbar, wenn sie von hohen Mauern und Stacheldraht geschützt werden." Hier mutiere der Begriff der Aufklärung zum Kampfbegriff der Abgrenzung.

Der Grund, dass dies genau jetzt passiere, sei einfach: "Weil es immer mehr Menschen mit der Angst zu tun bekommen." Man fürchte den Verlust in einer Welt, die Rationalität durch die Rationalisierung ersetzt habe, die Freiheit des Menschen durch die Wahl der Konsumenten zwischen Produkten. Und immer mehr Menschen würden spüren, dass die künstliche politische Idylle der Nachkriegszeit vorbei sei. Zukunft sei keine Verheißung mehr, sondern eine Bedrohung, da man nicht noch reicher, sicherer und privilegierter werden könne: "Die schönste Hoffnung unserer Gesellschaften ist es deswegen geworden, Zukunft überhaupt zu vermeiden und in einer nie endenden Gegenwart zu leben", so Blom.

Man verstehe sich als Nachkommen von Pionieren des Denkens, halte sich insgeheim für moralisch überlegen, weil die Vorfahren einst mutig waren. "Vielleicht ist es an der Zeit, endlich erwachsen zu werden", desavouierte Blom das Diktum von den "Kindern der Aufklärung".

Eine neue Aufklärung

Notwendig sei deshalb eine neue Aufklärung unter anderen Parametern. "Was wäre, wenn eine neue, dringend gebrauchte Aufklärung mit einer Rehabilitierung der Leidenschaft beginnen würde?", plädierte Blom für einen neuen Fokus. Der Mensch müsse sich wieder als leidenschaftliches Wesen begreifen, das 98 Prozent seines Erbguts mit dem Schimpansen teile: "Dann würden wir begreifen, dass wir nicht erhaben sind über die Natur, sondern mitten in ihr."

Stattdessen weise der Mensch leider erstaunliche Nähe zum Hefepilz auf: "Auf individuellem Niveau haben Hefepilze zwar keinen Mozart und keinen Shakespeare hervorgebracht; kollektiv aber scheinen Menschen über Jahrmillionen der Evolution wenig mehr gelernt zu haben als die Hefe. Wir fressen uns dem eigenen Ersticken entgegen."

Deshalb bedürfe es wieder der Lust am riskanten Denken: "Wer bereit ist, die Dynamik des aufgeklärten Denkens gegen die Dogmen der Gegenwart zu kehren, wer bereit ist, riskant zu denken, kann Teil einer Zukunft werden, in der es sich zu leben lohnt. Nicht als Kind oder als Erbe, sondern als Teil der Natur, als empathischer Primat - und aus Leidenschaft für ein gutes Leben."
 

Infos & Tickets: www.salzburgerfestspiele.at