Kultur
03.06.2018

Facebook: "Der schlimmste Boulevardchefredakteur auf Steroiden"

Corinna Milborn und Markus Breitenecker erläutern in ihrem Buch "Change the Game", wo die digitale Welt gefährlich wird

KURIER: Sie beide setzen im Buch „Change the Game“ Facebook mit Medien gleich. Allerdings mit Gefahren: „Dopamingesteuerte Feedbackschleifen“ würden süchtig machen. Wie darf man sich das vorstellen?

Corinna Milborn: Facebook ist die größte Organisation, die es jemals gegeben hat. Da sind 2,5 Milliarden Menschen Mitglieder, das ist mehr als China Bewohner hat oder die katholische Kirche Mitglieder. Dopamingesteuert bedeutet, dass eine echte Wissenschaft dahintersteckt, wie man die Aufmerksamkeit von Usern auf Facebook möglichst lange hält.

Dass ich also im Tagesverlauf ständig Twitter, Facebook und Instagram checke, ist also weniger Ausdruck einer persönlichen Schwäche, sondern die Folge davon, wie diese Plattformen gestaltet sind?

Milborn: Die besten Psychologen der Welt sitzen in Stanford in Laboren und arbeiten aus, wie man Apps macht, die möglichst lange die Aufmerksamkeit halten. Facebook zum Beispiel hat den Like-Button eingeführt. Das ist ein riesengroßer Anreiz, etwas selber zu posten, weil man dann Reaktionen bekommt und immer wieder nachschaut, ob neue gekommen sind. Man sagt ja immer wieder, wenn die Menschen das Handy am Tisch haben: „Leg es doch weg“ – als wäre es eine reine Frage der Selbstdisziplin. Nur: Auf der anderen Seite von diesem kleinen Bildschirm sitzen ein paar riesengroße Unternehmen, die nur ein Ziel haben: Dass du es wieder in die Hand nimmst.

Ausgestiegene Manager von Facebook sagen jetzt, sie haben da eine Bestie gezüchtet, an die sie ihre Kinder nicht mehr heranlassen.

Markus Breitenecker | Über die Gefahren des Algorithmus

Markus Breitenecker: Das bestätigen mittlerweile ausgestiegene Facebookmanager wie Chamath Palihapitiya,  die den Auftrag haben, das genauso zu programmieren. Die sagen jetzt, sie haben da eine Bestie gezüchtet, an die sie ihre Kinder nicht mehr heranlassen würden. 

Wenn ich ein Urlaubsfoto poste und das 20 Leute liken, aktiviert das mein Belohnungszentrum und danach werde ich süchtig? Unheimlich. 
Milborn: Facebook überlegt auch ganz genau, wie der Newsfeed zusammengestellt ist. Und das wird so ausgewählt, dass man möglichst lange dran bleibt. Das ist eine Mischung aus Videos und Texten mit einem ganz großen Fokus auf Dinge, die Emotionen hervorrufen. Und die vor allem wütend machen. Das gleicht einem Chefredakteur, der eine gewisse Meinung hat davon, wie sein Blatt aussehen soll. Und alle, die posten, sind seine Lieferanten. Um vorzukommen, führt das dazu, dass Leute beim Posten sich anders ausdrücken als dann, wenn sie mit ihren Freunden sprechen: Es ist emotionaler, es ist wütender. 
Breitenecker: Facebook stellt zwar keine Journalisten an, bekommt aber gratis Inhalte von Usern, von Medien, von TV-Sendern. Diese rankt es, wiederum so, wie es für das Medium Facebook am Besten ist – nämlich möglichst mit viel Emotion, möglichst viel Feedback, mit dem Aufeinanderhetzen unterschiedlicher Gruppen. Damit gestalten sie ein Medium in einem gewissen Ablauf und verkaufen Werbung rundherum. 

Der Algorithmus wäre also so etwas wie ein automatisierter und hochaggressiver Chefredakteur, der Inhalte möglichst knallig programmiert.
Milborn: Es ist so etwas wie der schlimmste Boulevardchefredakteur auf Steroiden, der dazu noch den einzelnen Medienkonsumenten genau das liefern kann, was sie am meisten berührt und am meisten aufregt. Auch andere Medien haben das in der Vergangenheit getan, und die Auswirkungen waren fatal. Deshalb gibt es klare Richtlinien für Massenmedien. Für Facebook nicht. 

Wir diskutieren viel über Populismus in den vergangenen Jahren, der ja über Emotionen funktioniert und weniger faktenbasiert ist. Wenn Facebook als größter Player im Medienmarkt eine so große Rolle spielt, dann korreliert das möglicherweise auch mit der Zuspitzung in der Politik, oder? 
Milborn: Jede Medienrevolution begünstigt bestimmte Arten der Politik. Beim Radio war das – als es zu Beginn noch ein Monopol war – der Faschismus: Für Diktatoren war die Möglichkeit, aus einem Studio alle Wohnzimmer des Landes bespielen zu können, ideal.  Damit sich das nicht wiederholt, wurden die öffentlich-rechtlichen Sender erfunden. Bei Facebook sind es Populisten und Gruppen, die Hass verbreiten. Bei der Entwicklung der AfD etwa von einer Gruppe von Euro-kritischen Personen zur jetzigen Partei hat Facebook eine große Rolle gespielt. Es heißt nicht, dass es früher nicht auch solche Gruppen gegeben hätte. Aber jetzt gibt es einen Turbo, der zur Verfügung steht. 

Verkürzt gesagt: Bei Facebook sind entblößte Nippel verboten, aber Hakenkreuze erlaubt.

Corinna Milborn | Über unterschiedliche Wertesysteme

Vordergründig betrachtet, gibt der Erfolg Amazon, Facebook und Co. Recht. Sie beschreiben aber im Buch sogenannte Netzwerkeffekte, die bei datengetriebenen Unternehmen besonders stark zum Tragen kommen. Worin besteht die Gefahr, die von ihnen ausgeht?
Milborn: Einen Energiekonzern könnte man zerschlagen, wenn er zu groß ist. Bei der Datenwirtschaft ist es nicht so einfach, weil der, der die meisten User hat, bekommt auch fast alle anderen. Denn: Was mache ich auf einer anderen Plattform, wenn alle meine Freunde bei Facebook sind? Der, der die meisten Daten hat, hat zugleich aber auch die bessere Möglichkeit, die besseren Programme zu entwickeln. Zum Beispiel: Das Unternehmen, dass die meisten Handys im Griff hat, weiß am Besten, wo gerade Stau ist. Und holt sich dadurch noch mehr User und noch mehr Daten. 

Wir können in Europa den besten Dienst entwickeln, wir kämen aber nicht gegen die immer weiter wachsenden Giganten aus dem Silicon Valley an. 
Breitenecker: Die Gefahr besteht. Aber: Wir wären in der Lage, in Europa, der größten Volkswirtschaft der Welt, etwas dagegen zu tun. Einerseits muss man Facebook und Co. als Massenmedien behandeln. Wir Medien – sowohl die öffentlich-rechtlichen, als auch die privaten – müssten uns dann in Forschung und Entwicklungs-Plattformen zusammenschließen. Das viele Geld, das derzeit in einem internen europäischen Konkurrenzkampf verpufft, könnte man kanalisieren für eine gemeinsame Forschung und Entwicklung für Alternativen zu Google und Facebook aus Europa heraus. 

Wir spielen als Europäer derzeit keine relevante Rolle in der globalen Datenwirtschaft.
Breitenecker:
In Wirklichkeit ist Europa praktisch unbedeutend, wenn man sich das Gewicht der Börsenkapitalisierungen dieser Giganten anschaut. Das bedroht ganz Europa. Daher müssen wir für eine Gegenoffensive eintreten. 
Milborn: Was man auch beachten sollte: Facebook und YouTube sind nicht neutral. Die haben ganz bestimmte Regeln, die auf ihren Werten basieren. Verkürzt gesagt: Bei Facebook sind entblößte Nippel verboten, aber Hakenkreuze erlaubt. Wir in Europa haben aber ein anderes Gesellschaftsmodell, wo etwa Hetze gegen Minderheiten nicht unter Meinungsfreiheit fällt, und wo es Grenzen für soziale Wirtschaft gibt. Das unglaublich erfolgreiche europäische Modell, dass eigentlich alle haben wollen, verschwindet in der Digitalwirtschaft zwischen China und USA

Den Europäern wird gerne unterstellt, sie seien verkrampft bei Datenschutz und Co. Sind Sie beide vielleicht auch einfach spießig in diesen Dingen?
 Breitenecker: Genau aus diesem Grund sagen wir nicht, wir wollen das Internet abschaffen, sondern: Wir wollen auch solche Produkte in Europa machen. Wir wollen bessere Medien-Plattformen schaffen, die an europäischen Werten orientiert sind. Wir wollen eine länderübergreifende europäische Allianz, um bessere Produkte zu entwickeln – vielleicht auf der nächsthöheren technologischen Stufe. Beispielsweise könnten wir bei der dezentralen Technologie Blockchain ein Stück weit vorne sein. Auch Österreich ist in diesen Projekten führend. 
Milborn: Ich nutze die Produkte aus dem Silicon Valley selbst oft. Aber ich will nicht in der Gesellschaft leben, die sie produzieren, wenn sie zu Monopolen werden – einer Gesellschaft, in der jeder Schritt und jede Gefühlsregung überwacht und benützt wird, um Menschen einzuteilen. Wenn man gut verdient und in einem guten Viertel wohnt, wird man nie negative Auswirkungen bemerken. Wenn du aber kurz rausfällst, weil du länger krank bist oder mit jemandem befreundet bist, der in Konkurs war, schlägt der Algorithmus zu und schließt dich aus: Dann werden Versicherungen teurer, oder deine Bewerbung landet im Papierkorb, weil dein Bewegungsmuster nicht zum Jobprofil passt. Ich halte es nicht für spießig, da dagegen zu sein, sondern für notwendig.

In Ihrem Buch wollen Sie dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine tragende Rolle zuschreiben. Wie sieht die aus? 
Breitenecker: Wir glauben, dass die öffentlich-rechtliche Idee so notwendig ist wie nie – aufgrund dieser technologischen Revolution. Allerdings völlig neu definiert. Wir brauchen einen Funktionsauftrag: Wir müssen die Fesseln des öffentlich-rechtlichen Systems aus dem vorigen Jahrhundert abstreifen, wie zum Beispiel, dass es  nur auf Radio und Fernsehen abzielt. Wir glauben, dass die Mediengattungen verschwimmen, am Handy sind alle gleich – und die öffentlich-rechtliche Idee müsste für alle Gattungen gelten. Das Geld, das der ORF über Werbung einnimmt, soll für Forschung und Entwicklung zweckgewidmet werden in einer Allianz statt Konkurrenz mit den europäischen privaten Medien.

(Zu den Personen: Corinna Milborn ist Infodirektorin bei Puls 4 und moderiert derzeit unter anderem die Sommergespräche des Senders. Markus Breitenecker führt die ProSiebenSat.1Puls4-Gruppe.)