"Eugen Onegin" an der Staatsoper: Wenn eine Sängerin lebt, was sie singt
Grigorian, Pinkhasovich, Sushkova in "Eugen Onegin"
Wenn Asmik Grigorian vom Glück singt, das einst so nah gewesen wäre, bekommt der Begriff „atemberaubend“ eine neue Dimension. Sie ist die Tatjana in der aktuellen Spielserie von Tschaikowskis „Eugen Onegin“ an der Wiener Staatsoper.
Ganz natürlich verkörpert sie diese junge Frau vom Land, die in Romanen und Gedichten Zuflucht vor dem wirklichen Leben sucht und sich in den neuen Nachbarn Eugen verliebt. In der Briefszene, in der sie ihm ihre Liebe mitteilt, nimmt sie einen mit auf die emotionale Achterbahnfahrt einer frisch Verliebten.
Sublim vollzieht sie die Wandlung zur wohlhabenden Fürstengattin. Jede Emotion wirkt bei ihr so, als würde sie diese gerade im Moment selbst empfinden. Grigorian gibt sich nie mit oberflächlicher Darstellung zufrieden. Sie lotet die Vielschichtigkeit einer Figur aus. Wenn ihre Tatjana am Ende Onegin zurückweist, ist das keine öde Retourkutsche dafür, dass er sie als Teenager verschmäht hat, sondern Pragmatismus, denn sie vermittelt, dass sie ihn noch immer liebt. Grigorians geschmeidiger, gleißender Sopran überstrahlt alles wie helles Silber. Sie bringt den Glanz in diese Aufführung.
Boris Pinkhasovich stattet die Titelfigur mit einer Überproportion Arroganz aus. Bogdan Volkov zeigt seinen Lenski als echte Puschkin-Figur. Dieser Tenor setzt auf Stilisierung. Beklemmender hört man das „Kuda, kuda“ im Pianissimo selten ausklingen. Die Arie des Triquet intoniert er mit einer gewissen Verachtung. Dmitry Ulyanov ist ein bescheidener Gremin. Daria Sushkova fällt als Olga vokal nicht auf. Elena Manistina ist eine glaubwürdige Larina.
Dmitri Tcherniakovs Inszenierung, die das Geschehen an einer großen Familientafel und bei einem Festbankett ansiedelt, bietet schöne Bilder, platziert die Sänger aber am hinteren Bühnenrand, was auf Kosten der Spannung geht. Damit spart Timur Zangiev auch im Graben. Die Walzer peitsche er forsch durch, manche Passagen wirkten schwer. Man merkt seinem Dirigat an, dass er etwas will, aber was? Hervorzuheben ist der Chor. Das Publikum bejubelte alle.
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