Bill Murray, (li.), Chloë Sevigny und Adam Driver müssen Zombies bekämpfen: „The Dead Don’t Die“

© Abbot Genser / Focus Features/UPI

Kultur
05/15/2019

Eröffnung in Cannes: Das nimmt kein gutes Ende

US-Regisseur Jim Jarmusch eröffnet mit einer schleppenden Anti-Trump-Zombie-Komödie die Filmfestspiele in Cannes.

Das Filmfestival in Cannes hat gerade erst begonnen, schon glimmen die ersten Kontroversen auf. Bereits die Anreise nach Cannes erwies sich als schwierig. Aufgebrachte Taxifahrer blockierten aus Protest gegen die Konkurrenz durch private Fahrdienste den Flughafen von Nizza und brachten den Verkehr stundenlang zum Erliegen. Wer es sich leisten konnte, stieg lieber gleich in den Hubschrauber und landete direkt am Hafen von Cannes.

Bei seiner Eröffnungspressekonferenz musste sich Festival-Chef Thierry Frémaux umgehend in Verteidigungsstellung bringen. Die Entscheidung, dem Schauspiel-Star Alain Delon die Ehrenpalme für sein Lebenswerk zu überreichen, stieß auf herbe Kritik. Delon hatte in Interviews zugegeben, er hätte Frauen geschlagen, halte Homosexualität für „widernatürlich“ und hege Sympathien für den rechtsradikalen Politiker Jean-Marie Le Pen. Nur ein Jahr nach der offiziellen #MeToo-Debatte in Cannes erscheint nun die Entscheidung, ausgerechnet ihn zu ehren, vielen wie ein Backlash. „Wir geben Alain Delon nicht den Friedensnobelpreis“, schnappte Frémaux, sichtlich pikiert über kritische Fragen zu seiner Entscheidung.

Zum Auftakt des 72. Festivals hatte sich Thierry Frémaux reichlich amerikanischen Glamour zur Unterstützung geholt. Cannes-Veteran Jim Jarmusch rauschte mit der ewig schönen Tilda Swinton über den roten Teppich, dicht gefolgt von Adam Driver und Bill Murray. Selina Gomez war ebenfalls Teil der US-Delegation und senkte als (ehemaliger) Teenie-Star entscheidend den Altersdurchschnitt.

 

Im Festivalpalais begrüßten die Schauspieler Javier Bardem und Charlotte Gainsbourg flockig die illustren Gästen. Einen innigen Moment gab es, als an die kürzlich verstorbene Regisseurin Agnès Varda und ihr Filmwerk erinnert wurde. Dann hielt der mexikanische Star-Regisseur und Jury-Präsident Alejandro Iñárritu eine längliche Rede auf Spanisch und Bill Murray kämpfte mit dem Sekundenschlaf.

Übrigens: Der Starlauf über den roten Teppich und die offizielle Festival-Eröffnung wurde in knapp 600 Kinos live übertragen. Offensichtlich ist das Interesse der französischen Öffentlichkeit an ihrem prestigereichen Filmfestival beachtlich.

Iggy Pop als Zombie

Einen Anti-Trump-Film hatte Frémaux mit Jarmuschs Besuch zur Eröffnung angekündigt – und dieses Versprechen wurde gehalten: „The Dead Don’t Die“, eine Zombie-Komödie in Zeitlupe, kam als typisch lapidarer Jarmusch-Film daher, wenn auch bei weitem nicht als sein bester.

Das übliche Schauspieler-Personal – von Adam Driver über Bill Murray bis Tom Waits und Tilda Swinton – bewohnt eine verschnarchte US-Kleinstadt, in der die Welt plötzlich nicht mehr richtig tickt. Am Abend wird es nicht mehr dunkel, die Uhren bleiben stehen und das Telefonnetz fällt aus. Schuld daran sind eine verschobene Erdachse und Umweltzerstörungen, was von offizieller Regierungsstelle aber vehement abgestritten wird.

Die Kritik, die Jarmusch an Trumps Leugnung des Klimawandels üben möchte, ist unübersehbar. Und tatsächlich fühlt sich „The Dead Don’t Die“ dann am unheimlichsten an, wenn er von realistisch angehauchten, apokalyptischen Umweltveränderungen erzählt. Als weitere Konsequenz der klimatischen Verschiebungen steigen aber plötzlich die Toten aus den Gräbern und torkeln mit rollenden Augen und angenagten Körpern durch die Straßen. Sie sehen aus wie Iggy Pop, mampfen Menschenfleisch und brüllen ächzend „Kaffee! Chardonnay! WiFi!“ (je nachdem, was sie zu Lebzeiten für menschliche Begierden hatten). Zwei Provinzpolizisten – als kongeniales Comedy-Paar: Adam Driver und Bill Murray – sehen sich schnell überfordert. Die einzige Chance, die Untoten zu erledigen, ist, sie zu enthaupten („Kill the Head!“)

Jarmusch zitiert eifrig George Romeros Zombiefilm-Klassiker und strapaziert seinen sympathisch-lakonischen Witz an den Rand der Selbstverliebtheit. Manchmal scheinen ihm inmitten der etwas schleppenden Handlung die Ideen auszugehen und er zitiert aus dem eigenen Filmwerk.

„Das nimmt kein gutes Ende“, sagt Adam Driver, der junge Cop, düster. Wie das Ende von Cannes wird – mal sehen. Der Anfang hätte besser sein können.