Über die Zeiten gültiges Sinnbild für eine größere Hoffnung
Das Bühnenbild erinnert an „Fleder.Strauss“, aber im Gegensatz zu dieser Bruchlandung hebt „Ein deutsches Requiem“ ab.
Die Teile eines Flugzeugwracks auf der Bühne der Cité de la Musique im Süden von Paris rufen unerfreuliche Erinnerungen wach. In einem fast identischen Szenario war eine der letzten Produktionen des Strauss-Jahres angesiedelt: „Fleder.Strauss“, ein Spektakel ohne Sinn, schilderte den Absturz einer Theatertruppe, die mit der Musik des Jubilars in die Welt reisen wollte.
Die Zweifel bleiben in Paris, als Rauch die verdunkelte Bühne verhüllt. Wie oft scheitern Versuche, Oratorien in Szene zu setzen, weil sie die Botschaft der Musik auf simple Geschichten reduzieren. Doch Regisseur David Bobée und die Dirigentin Laurence Equilbey lassen „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms zum über die Zeiten gültigen Sinnbild für eine größere Hoffnung werden. Mit diesem Werk ist das möglich, denn Brahms schrieb keine Totenmesse im herkömmlichen Sinn. Er vertonte Texte aus der Bibel für seine Auseinandersetzung mit Tod und Vergänglichkeit.
Bobée gibt einen erschütternd irdischen Auftakt mit Geräuschen, die sich wie aus einem Science-Fiction-Katastrophenfilm in einer Art Dolby-Surround-Sound erheben. Das verspricht großes Kino. Das findet statt, musikalisch und atmosphärisch.
Die Rauschschwaden schwinden. Ein Akkordeonspieler hebt verloren sein Lied an. Ein Mann übersetzt in Gebärdensprache das akustische Szenario und später die gesungenen Texte. Er wird durchgehend im Einklang mit dem Geschehen auf der Bühne agieren. Fluggäste und Personal entsteigen den Trümmern. Manche umarmen einander, lösen sich wieder, bilden Gruppen.
Gigantische Bilder
Bald wird klar, warum. Das sind die Damen und Herren des Chors accentus, die sich je nach Stimmlagen formieren. Wortdeutlich auf Deutsch intonieren sie die Texte. Die Balance stimmt in jedem Moment. Im Hintergrund wechseln Projektionen. Gigantische Bilder von Breughel illustrieren die Texte und spiegeln das Geschehen auf der Bühne wider.
Rätselhaft ist das Erscheinen einer schwarz gekleideten Tänzerin zum zweiten Chorstück „Und alles Fleisch, es ist wie Gras“. Es gibt viel zu sehen während dieser Aufführung, aber nichts, was von der Musik ablenkt.
Auch die Bilder von Krieg und Zerstörung können diesem Chor nichts anhaben. Denn Bobée hat die Partitur Takt für Takt inszeniert. Die Solisten, Eleanor Lyons und John Brancy, fügen sich ins Geschehen. Szene und Musik verschmelzen zu einer Einheit.
Equilbey generiert mit ihrem Insula Orchester, das auf historischen Instrumenten spielt, ein verstörend intensives Klangtheater. Das Einflechten der Bach’schen Choräle und von Brahms’ Wiegenlied verstärkt die Wirkung.
Dass am Ende der Chor die Flugzeugteile von der Bühne trägt, lässt so etwas wie Hoffnung aufkommen, dass alles weitergehen muss. Das Schlusswort hat der Akkordeonspieler, der an Schuberts Leiermann denken lässt. Das Pariser Publikum war zurecht begeistert. Es wäre wert, die Produktion nach Österreich zu bringen.
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