© Burgtheater/Marcella Ruiz Cruz

Kultur
01/08/2022

Dramatisierte Twitter-Debatte: Ein Stück wie ein Rucksack

Kritik: „Die Ärztin“, sehr frei nach Schnitzler, im Burgtheater

von Guido Tartarotti

„Überschreibungen“, also Neufassungen von berühmten Stücken, sind im Theater schwer in Mode, ebenso wie Dramatisierungen von Romanen und Filmen. (Gibt es tatsächlich nicht mehr genug interessante neue Stücke?)

Wer Überschreibungen auf höchstem Niveau erleben will, wird im kleinen Theater TAG in Wien bestens bedient, dort widmet man sich dieser Technik mit Verve und Stil.

Auch das Burgtheater hat nun Überschreibungen entdeckt: Der englische Regisseur und Autor Robert Icke, bekannt für seine Übertragungen klassischer Stoffe in aktuelle Verhältnisse, hat Arthur Schnitzlers 1912 uraufgeführte „Charakterkomödie“ „Professor Bernhardi“ unter dem Titel „Die Ärztin“ in unsere Gegenwart versetzt.

 

Die Ausgangssituation bleibt gleich: Bei Schnitzler geht es um einen jüdischen Arzt, der einem Priester den Zutritt zu einer Sterbenden verweigert, weil er als Rationalist nicht erkennen kann, welchen Sinn ein solcher Besuch haben könnte. Bei Icke ist es die jüdische Ärztin Ruth Wolff, die dem Priester die Tür nicht öffnet, weil sie dem sterbenden Mädchen einen friedlichen Tod gewähren will und fürchtet, der Anblick des Priesters würde es in Angst versetzen.

Schnitzler

Bei Schnitzler geht es in weiterer Folge um den Gegensatz zwischen dem Individuum und einer Gesellschaft der großen Ideen – und um den aufkeimenden Antisemitismus. Professor Bernhardi wird zuerst zum Opfer von judenfeindlichen Attacken – und am Ende zum Star.

Icke füllt sein  Stück mit Themen, als wäre es ein Rucksack  (den man irgendwann kaum noch tragen kann). Es geht um Abtreibung, um Geschlechtergerechtigkeit, um Identitätspolitik, um „Wokeness“ (also betont bewussten Umgang mit tatsächlicher oder vermuteter Diskriminierung), um politische Korrektheit, das Verhältnis von schwarzen und weißen Menschen, um Geschlechteridentität, um modernen Medienwahnsinn, um Shitstorms und ihre Folgen, um das Recht auf Freitod – und ganz zum Schluss auch noch um Demenz, die große Seuche unserer Zeit.

Das Stück rast im Höchsttempo durch seine thematischen Aufgabenstellungen (es wird viel geschrien und durcheinander geredet, man versteht das Gesprochene oft nicht gut) und gerät immer mehr außer Atem. Erst ganz zum Schluss, im Gespräch zwischen der Ärztin und dem Priester, die gemeinsam über Leben und Tod nachsinnen, findet es zur Ruhe – und gewinnt plötzlich an Kraft und Wirkung.

Das „divers“ besetzte Ensemble verwirrt am Anfang: Schwarze spielen Weiße (und umgekehrt), Männer spielen Frauen (und umgekehrt). Ist der Lebenspartner der Ärztin eine junge Frau oder ein alter Mann oder beides? Ist ihr junger Schützling ein befreundetes Mädchen oder ihr Sohn, der gerne ein Mädchen sein will?

Identität

Man weiß es nicht. Man bemerkt aber – und das ist eine der Stärken dieses überambitionierten Theaterabends –, dass das gar nicht so wichtig ist: Die Konflikte sind trotzdem klar. Es geht zunächst um Menschen, und danach erst um das, was sie in der Gesellschaft repräsentieren.

Icke hat seinen Text hektisch inszeniert, teilweise hat man das Gefühl, bei den Dreharbeiten zu einem SAT1-Fernsehfilm  zuzuschauen, dem das Budget ausgegangen ist.

Gespielt wird auf einer bis auf ein paar Tische und Sessel kahlen, sich langsam drehenden Bühne (Hildegard Bechtler), eine Schlagwerkerin (Teresa Müllner und Maria Petrova wechseln sich bei den Vorstellungen ab) kommentiert das Geschehen, was die Hektik eher vergrößert.

Sophie von Kessel spielt die Ärztin mit bewundernswerter Kraft, manchmal wünscht man sich, sie würde auf die Bremse steigen. Philipp Hauß beeindruckt als Priester, der sich selbst hinterfragt.

Fazit: Ein interessanter, ziemlich humorloser Theaterabend, der weniger erreicht, als er sich vornimmt. Manchmal hat man den Eindruck, einer dramatisierten Twitter-Debatte zuzusehen.

 

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