Kultur
16.04.2018

Donaufestival in Krems: Die Suche nach „offline-Ritualen“

 Die Krise „versiegt“ nie: Die „Western Flag“ des Künstlers John Gerrard.   © Bild: John Gerrard

Unter dem Leitmotiv „endlose Gegenwart“ startet das Kremser Festival am 27. April in seine zweite Ausgabe unter dem im Vorjahr angetretenen Intendanten Thomas Edlinger.

„Leben heißt heute updaten.“ Mit diesem Satz brachte der Intendant des Donaufestivals, Thomas Edlinger, unlängst die Gegenwart auf den Punkt, in der einem selbst ständig vieles zu viel wird. Schuld sei der „Netzwerkkapitalismus“, bei dem „Börsen in Echtzeit handeln“, und „Supermärkte keinen Sleep-Modus kennen“, so Edlinger. Tja, das Internet schläft nie.

Unter dem Motto „endlose Gegenwart“ beginnt am 27. April eine neue Ausgabe des Donaufestivals in Krems, bei dem „die Herrschaft des endlos Gegenwärtigen unter die Lupe genommen wird“, wie Edlinger im KURIER-Interview ankündigt.

KURIER: Beim Donaufestival gibt es jährlich wechselnde Leitmotive. Wie entstehen diese?
Thomas Edlinger: Am Anfang stehen mehrere Überlegungen zur Auswahl, die sich im Lauf der Zeit verdichten. Das Leitmotiv, das Überthema sollte sich einerseits um eine relevante Aussage bemühen, andererseits aber nicht zu eng gefasst sein, da man sich ja sonst künstlerisch zu sehr einschränken würde. Bei 50 Musikbeiträgen ist es natürlich naheliegend, dass nicht jeder Act ausdrücklich zum Leitmotiv passt. Es gibt dabei aber auch glückliche Fügungen, wie etwa Manuel Göttsching, dessen legendärer, fast einstündiger Track „E2-E4“ perfekt zum Schwerpunkt passt. Im Filmprogramm, bei den Lectures und im Bereich der bildenden Kunst ist es in der Regel einfacher, da kann man pointierter programmieren.

Was ist für Sie die „endlose Gegenwart“?
Die endlose Gegenwart meint den globalen Takt digitaler Zeit, die kein Gestern und kein Morgen kennt, sondern nur Vernetzung von Daten ohne Anfang und Ende. Zugleich wird dieses aufgeblähte Jetzt ohne echte Zukunftsvision von einer Vergangenheit heimgesucht, die nicht mehr im Sinn von künstlerischen Avantgarden oder auch politischen Revolutionen überwunden werden kann, sondern immer weiter herumspukt. In den retrofuturistischen Sehnsüchten in der Musik genauso wie in der Beschwörung der vorschnell begrabenen großen Ideologien. Nichts ist tot, alles kehrt auf eigenartige Weise wieder zurück. Vor kurzem habe ich einen Artikel über die Politik der Ewigkeit von Wladimir Putin gelesen. Darin wurde die Grundkonstellation der Feindschaft zwischen Russland und dem Westen aufgegriffen, die aktuell wieder reanimiert wird.

Thomas Edlinger © Bild: Ingo Pertramer/Donaufestival

Im Pressetext steht, dass das Festival nach „Momenten der Nähe“, nach „offline-Ritualen“ sucht. Was ist damit gemeint?
Es geht um einen Gegenentwurf zur digitalen Ortlosigkeit, die Versprechen und Drohung zugleich ist. Wo man sich ins Internet einwählt, ist egal. Und alle, die sich im Internet bewegen, sind gleichberechtigt und formen eine neue globale Demokratie. So ungefähr stellte man sich die Netzutopie in den 90er-Jahren vor, die sich einfach nicht bewahrheitet hat. Gerade in der Welt der Kunst spielt die reale körperliche Erfahrung eine wesentliche Rolle. Das Eintauchen in eine installative Situation oder die Live-Erfahrung bei einem Konzert kann man sich nicht via Online-Stream ins Wohnzimmer holen.

Warum zücken viele Konzertbesucher dann immer wieder das Smartphone und filmen das Gesehene?
Die Menschen haben offenbar einen großen Drang, anderen und sich selbst zu bezeugen, wo sie überall dabei waren. Sie wollen dadurch ihr Leben einzigartig und reich erscheinen lassen. So werden Momente in der Time-Line der sozialen Netzwerke aufgetürmt: Was habe ich heute gegessen, gehört, gesehen? Das Dabeisein bekundet eine eingebildete Individualität, die begehrenswert sein soll: Seht her, das bin ich, Teil eines tollen Ganzen, Teil einer Fanmasse - und doch so speziell.

Wie sind Sie mit ihrem Debüt als Donaufestival-Intendant, das sie 2017 gegeben haben, zufrieden?
Ich kann nicht klagen (schmunzelt). Das Festival war sehr gut besucht, wir haben gutes Feedback bekommen. Natürlich ist mir persönlich auch Negatives aufgefallen. Zum Beispiel hat die Zusammenstellung einzelner Programmpunkte an gewissen Tagen nicht so gut funktioniert, wie ich mir das gewünscht hätte. Den Auftritt von Scritti Politti zum Beispiel fand ich etwa weniger gelungen.

Warum hat das 2017 von Ihnen eingeführte Überraschungsformat „Stockholm Syndrom“ so gut funktioniert?
Das ist in gewisser Weise eine Antwort auf die Googlebarkeit der Welt ist. Dieses neue Format forciert die Konfrontation mit dem Unbekannten: Man weiß zuvor ja nicht, wer überhaupt auftritt noch wo bzw. was für eine Art von Erfahrung, welche Stimmung einen dabei überhaupt erwartet. Außerdem haben die außergewöhnlichen Locations des Formats dafür gesorgt, dass man manche Acts in sehr intimen Situationen erleben konnte.

Eine Performance wird in Grafenegg stattfinden. Warum diese Auslagerung?
Wir versuchen das zum ersten Mal. Wir haben im Rahmen diese Outdoor-Performance nach einem offenen, weiten und auch öffentlich gut zugänglichen Feld gesucht und so eines in Grafenegg gefunden.

Das Donaufestival-Programm bedient eine Subkultur, mit der die lokale Bevölkerung oftmals wenig anfangen kann. Erschafft man im Rahmen des Festivals eine gewisse Blase?
Ich wünsche mir sehr, das – bei aller Wertschätzung der Auskenner und Fans – nicht nur Stammgäste nach Krems fahren, sondern wir auch neue Menschen mit dem Programm ansprechen. Natürlich werden viele Menschen manche Namen im Programm zum ersten Mal hören. Aber es ist auch die Aufgabe eines zeitgenössischen Festivals, sich mit Positionen, Strömungen auseinanderzusetzen, die nicht schon zehn Mal durchgekaut wurden. Zugleich versuchen wir mit ausgewählten Projekten auch Leute vor Ort miteinzubeziehen und gezielt zu aktivieren. Britt Hatzius arbeitet für ihre Kinoperformance „Blind Cinema“ mit Schulklassen aus der Region zusammen. Oreet Ashery lädt Näherinnen ein, in akustischer Reibung mit dem Lärm der Post-Punk der Band Friends Of Gas ihre Stricknadeln klappern zu lassen.

Böse Zungen behaupten, viele Besucher fahren nur wegen der guten Schnitzelsemmel nach Krems. Wie viele davon verdrücken Sie im Rahmen des Festivals?
(lacht) Ich esse traditionell zumindest immer eine Schnitzelsemmel. Die sind wirklich gut, aber es gibt schon noch andere kulinarische Highlights am Festival.

Programm: Das  Donaufestival,  das sich gleichermaßen aktuellen Tendenzen von Popmusik sowie Theater, Performance und  Kunst verschrieben hat, startet am 27. April. Ein Highlight des Programms, das sich über zwei Wochenenden zieht, ist etwa die Uraufführung der Auftragsarbeit „Church of Ignorance“ von Liquid Loft. 

Als „überdrehte Parodie auf den missionarischen Eifer der Fitness-Gurus“ kündigten Thomas  Edlinger und die Performance-Kuratorin Astrid Peterle die Österreichische Erstaufführung des deutschen Kollektivs The Agency an:„Medusa Bionic Rise“  in der Halle 1 des Messegeländes ist ein Fitnesstrainingscamp inklusive Designerdrogenapotheke . In der Schiene „Art & Installation“  wird John Gerrards „Western Flag“ zu sehen sein: Nie versiegender  Rauch in Form einer Flagge, der aus einer erschöpften Ölquelle in Texas dringt.

Am Programm stehen u.a.  auch Auftritte von Musikern  und Bands wie Laurel Halo, Daniel Lanois, Mouse on Mars, James Holden, FAKA, Venetian Snare, Orson Hentschel,  Godspeed You! Black Emperor, Circuit des Yeux und Jakuzi. Karten und Infos unter: donaufestival.at

Thomas Edlinger: Für das Programm des an zwei Wochenenden (27. April bis 6. Mai) stattfindenden Donaufestivals in Krems ist zum zweiten Mal Thomas Edlinger verantwortlich. Der Wiener Radiomacher (FM4), Kurator, freier Kulturjournalist und Buchautor  folgte  2017 auf Tomas Zierhofer-Kin, der als Intendant zu den Wiener Festwochen wechselte. Edlinger, der Philosophie, Germanistik und Publizistik studierte, wird bis mindestens 2021 das Festival leiten. So lange läuft  sein Vertrag.