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Kultur
11/10/2019

Die Toten Hosen: "Beängstigend, wenn Fanatismus die Oberhand bekommt"

Campino, Sänger der Toten Hosen, spricht über seinen Auschwitz-Song, Anfeindungen und das neue Album "Alles Ohne Strom"

Schon 2005 veröffentlichten Die Toten Hosen mit dem im Wiener Burgtheater aufgenommenen MTV-Unplugged-Album „Nur zu Besuch“ ein Akustik-Album. Diesen Sommer spielten die Düsseldorfer in der Tonhalle in ihrer Heimatstadt wieder zwei exklusive Akustik-Konzerte. Der Mitschnitt davon, „Alles Ohne Strom“ ist soeben erschienen, enthält neben viele Hits der Toten Hosen auch eine Coverversion von „Ohne dich“ von Rammstein und einige ganz neue Song. Die DVD, mit zehn zusätzlichen Liedern (darunter die Hosen-Version von „Love Is In The Air“) erscheint am 22. November.

 

KURIER: Wie haben Sie diesmal die Auswahl der Songs getroffen?

Campino: Wir wollten uns auf gar keinen Fall wiederholen und Songs nehmen, die wir damals schon im Programm hatten. Die einzige Ausnahme ist „Hier kommt Alex“, weil wir da eine Idee hatten, über die wir selber lachen mussten. Denn das ist eine kleine Persiflage auf Bands wie ZZ-Top geworden. Aber wenn wir nächsten Sommer wieder auf Tour gehen, werden wir sowohl Lieder der neuen Scheibe, als auch Material des alten Unplugged-Albums bringen.

 

Es gibt auch einige neue Lieder. Der Eindrücklichste davon ist „Schwere (-los)“ über eine Holocaust-Überlebende. Wie ist das entstanden?

Wenn ich Texte schreibe, gibt es meistens zuerst die Musik, die mich dann zu einem Thema inspiriert. Die war bei „Schwere (-los)“ klassisch angehaucht, hörte sich leichtfüßig an. Ich wollte das mit dem Text brechen. In der Erstversion ging es zwar auch schon um den Holocaust, aber dadurch, dass ich viel mit Subtext gearbeitet hatte, verstand die Band zunächst nicht, worum es ging, als ich ihnen das vorspielte. Es war viel zu nebulös. Dann sind wir im Frühjahr auf der Polen-Tour an einem freien Tag von Krakau nach Auschwitz gefahren, um das Konzentrationslager zu besichtigen. Dort hat es bei mir im Kopf geklickt und ich habe diesen Zugang zu dem Thema gefunden.

 

War es Ihr erstes Mal in Auschwitz?

Ja. Ich war zwar schon mal in einem Konzentrationslager, aber in Auschwitz tatsächlich vorher noch nie. Es ist immens wichtig, dass das als Mahnstätte gepflegt wird und man sich darum kümmert, dass viele Menschen hinkommen, um sich dem Thema zu stellen. Das passiert auch, die Leute kommen in Reisebussen und es ist unglaublich voll. Dadurch wird es natürlich ein bisschen schwieriger, sich auf das Thema zu konzentrieren und für mich persönlich ist es im ersten Moment auch sehr verstörend, wenn sich dort Teenager in Hot-Pants auf die Gleise stellen und Selfies machen. Auch so etwas kommt vor. Ich bin aber sicher, wenn jeder allein dort durch das Lager liefe, würde einem die Grausamkeit noch einmal ganz anders bewusst.

 

Aber stellen sie sich so wirklich dem Thema?

Ja, garantiert. Ab einem gewissen Punkt sind alle sprachlos – selbst wenn man als unreifer Schüler hinfährt, der auf nichts Lust hat, was einem die Lehrer vorschreiben. Spätestens wenn man die Räumlichkeiten betritt, in denen die Sachen der Opfer aufgehäuft sind, diese Berge von Taschen, Brillen, und Unterwäsche . . . da wird jedem anders.

 

Zurzeit gibt es Sorge, dass wieder Ähnliches passiert . . .

Ich glaube, dass wir weltweit damit kämpfen müssen, dass Menschen sich separieren wollen und zu Fundamentalisten werden – sei es im Namen einer Religion oder der Politik. Überall wo Fanatismus die Oberhand gewinnt und Nährboden für extreme Bewegungen ist, wird es schwierig und beängstigend. Aber die Menschen, denen diese Entwicklung Sorgen bereitet, trauen sich inzwischen mehr auf die Straße zu gehen, als es früher der Fall war. Kurz: Sie bleiben weniger in Deckung und beweisen Rückgrat. Das ist zurzeit ein positiver Gedanke, der mich aufbaut.

 

Wie handhaben Sie es, wenn Sie in der Öffentlichkeit auf jemanden treffen, der Nazi-Äußerungen macht?

Wenn man sieht, dass jemand von einem Dritten oder sogar mehreren Personen beleidigt wird, darf man nicht schweigen und das auch nicht ignorieren. Es geht nicht darum, den Helden zu spielen. Man könnte aber zum Beispiel in einer Kneipe dem Wirt Bescheid sagen oder die Polizei anrufen, denn dafür gibt es einen Strafkatalog und einen Rechtsweg. Wichtig ist immer, dass man sich in der Situation auf sein Bauchgefühl verlässt: Was kann man tun, ohne sich selbst zu gefährden?

 

Begegnet Ihnen das auch?

Auf jeden Fall. Ich hatte vor Wochen ein obskures Erlebnis beim Champions-League-Endspiel in Madrid: Ich lande am Vormittag, stelle mich in der Taxischlange an. Ein Typ aus Deutschland erkennt mich und schreit: „Du Verräter“, „Du Schwein“, „Ihr seid der größte Dreck“. Es ging darum, dass er unser Engagement für Flüchtlinge verurteilte und meinte, dass wir mit Liedern wie „Sascha“ und „Willkommen in Deutschland“ unser Vaterland beschmutzen. Er hörte gar nicht mehr auf. Ich bin in so einem Moment natürlich leicht zu entzünden und hielt dagegen. Ein Freund zog mich dann weg und meinte, dass ein Streit hier jetzt keinen Sinn hätte. Es wäre fast zu einer Schlägerei gekommen.

 

Sie sind im Herbst 2018 in Chemnitz beim „Wir sind mehr“-Konzert aufgetreten. Können Sie nachvollziehen, dass sich die Leute in dieser Region abgehängt fühlen und sie deshalb ein Nährboden für AfD-Anhänger ist? 

Mir ist diese Argumentation alleine zu dünn. Man folgt nicht automatisch fragwürdigen Ideologien, weil man sich abgehängt fühlt. Wenn alle armen und betrogenen Menschen dieser Welt durchdrehen würden, wäre die Menschheit längst ausradiert. Viele haben ein schlimmes Schicksal, tragen das aber mit Fassung und Würde. Was Ostdeutschland angeht, ist es sicherlich ein Problem, dass manch einer behauptet: „Seit dem Fall der Mauer sind wir vergessen worden! Für die Flüchtlinge setzt man sich ein, aber um uns kümmert man sich nicht.“ Diesem Gedanken, der völliger Quatsch ist, rennen sie hinterher, weil es eine Erklärung zu sein scheint für die soziale Schieflage, in die sie geraten sind. Man hat nach dem Fall der Mauer ignoriert, dass die Menschen in Ostdeutschland seit Ende der 30er Jahre in Ausnahme-Systemen gelebt haben, zunächst die Nazi-Diktatur, dann das SED-Regime. Dort gab es scheinbar keine Arbeitslosigkeit, man bekam einen Job zugeteilt, den hatte man zu erledigen und man musste sich um die Zukunft keine großen Sorgen machen, alles schien vorbestimmt. Als dieses System dann wegfiel, konnten viele Leute damit nicht umgehen. Da hätte man mehr zur Seite stehen können. 

Sie haben kürzlich gesagt, dass das Ende der Toten Hosen naht. Liegt das daran, dass der Schock vom Hörsturz, der in dem Film „Weil du nur einmal lebst“ dokumentiert ist, nachwirkt? 

Ich wurde in einem Interview nach dem Aufhören gefragt. Und weil ich ein höflicher Mensch bin, habe ich geantwortet, dass es nicht undenkbar ist. Es wäre auch Unsinn, mit 57 Jahren etwas Anderes zu behaupten. Wir haben als Band fast 40 Jahre auf dem Buckel und werden das in Würde noch ein bisschen weitertragen. Aber irgendwann ist es auch gut. Man muss sich ja nicht so lange festklammern, bis es keinen Spaß mehr macht oder peinlich wird. Aber das Ende ist heute nicht konkreter als vor fünf Jahren. 

Dann wirkt der Hörsturz nicht mehr nach? 

Nein. Natürlich muss man einen Hörsturz zunächst ernst nehmen. Je länger das dann aber zurückliegt, desto lockerer wird man wieder. Unser Körper hat einen Sicherungskasten. Wenn der Geist nicht darauf hört, dass man Ruhe braucht, dann fliegt halt mal eine Sicherung raus. Ich habe mir das als Warnzeichen gemerkt und versuche, gewisse Dinge zu ändern. Jetzt läuft die Karre wieder und alles scheint gut – bis es das nächste Mal knallt. 

 

INFO

Die Toten Hosen treten 2020 mit der „Alles Ohne Strom“-Tour in Österreich auf:

4. 7. Wien/Stadthalle

29. 8. Messe Graz Open Air

 

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