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Kultur
08/17/2021

Die Suche nach Leonard Cohen: Regisseur Matt Bissonette im Interview

Sein Film „Death of a Ladies’ Man“ läuft aktuell in den Kinos. Ein Gespräch über die Texte seines Vorbilds.

Der kanadische Regisseur Matt Bissonnette zeigte sich schon in seinem Kino-Debüt, dem Krimi „Suche nach Leonard“ (2002), von der Poesie und vom Sound des Musikers Leonard Cohens ( 2016) inspiriert. In seinem neuesten Film „Death of a Ladies’ Man“ (aktuell in den Kinos) dominieren gleichen sieben Songs von Cohen den Soundtrack einer tiefsinnigen Groteske um den Mythos eines unwiderstehlichen Frauenhelden und lustvollen Trinkers. Wohl auch aufgrund der kongenialen Darstellung der Hauptfigur Samuel O’Shea durch Schauspieler Gabriel Byrne hat man als Zuschauer den Eindruck, einen biografischen Film zu sehen.

Cohens Songwriting bildet die DNA von Bissonettes Drehbuch und seine Worte und seine Musik treten sowohl subtil als auch offen hervor. Samuels tumorbedingte Halluzinationen nehmen brillante und erfinderische Formen an, und hier haben die Filmemacher viel Spaß damit, Farbe und Bewegung in einen Film zu bringen, der sonst grauer kanadischer Himmel und Whisky-befeuerte existenzielle Gespräche hätte sein können.

KURIER: Worin besteht für Sie die Faszination von Leonard Cohen?

Matt Bissonette: Ich bin – so wie er – in Montreal geboren und in dieser Stadt war Leonard Cohen immer und überall präsent und ist es heute noch. Ich hatte schon als Kind ständig den Klang seiner Stimme in den Ohren, weil meine Mutter immer wieder seine Schallplatten spielte. Und mit zunehmendem Alter lernte ich auch seine Texte immer mehr schätzen. Bei uns wird seine Lyrik auch auf den Unis gelehrt.

Was machte Ihrer Meinung nach Leonard Cohen zum „Ladies’ Man“, zu einem Liebling der Frauen?

Ich habe das Gefühl, dass er sich ganz bewusst als Archetyp eines melancholisch-romantischen Eroberers erschaffen hat – den er dann in seinen Songs immer wieder infrage stellte. Er hat sich sogar selbst darüber lustig gemacht. Und Frauen hat wahrscheinlich gerade diese Unsicherheit, die Sehnsucht nach Nähe, die auch aus seinen Texten spricht, angezogen. Für meinen Film hat es mich interessiert, zu entdecken, was hinter diesem männlichen Archetyp steckt. Genaugenommen macht diese Ambivalenz zwischen der Überzeugung, auf Frauen unwiderstehlich zu wirken und gleichzeitig humorvoll daran zu zweifeln, den Reiz von Cohens Texten aus. Das macht ihn auch zu meinem Vorbild. Denn als Mensch und ganz besonders als Künstler muss man sich immer darüber klar sein, was man kann, aber noch mehr darüber, was man nicht kann. Und ich glaube, dass in der heutigen Zeit die Selbstüberschätzung – nicht zuletzt in der Politik – viel zu sehr um sich greift. Damit ist dieser Film auch sehr zeitgemäß.

Hatten Sie vor, mit diesem Film auch eine Art Bio-Pic über Cohen zu machen?

Der Eindruck entsteht wahrscheinlich, weil ihm Gabriel Byrne sehr ähnlich ist. Nicht so sehr optisch, aber was die innere Tiefe, die Melancholie und vor allem was den hintergründigen Humor betrifft. Leonard Cohen hat den Großteil seines Lebens in einem inneren wie äußeren Exil gelebt – und ein ähnlich unbehauster Mensch ist auch Gabriel Byrne. Bei unserem ersten Zusammentreffen in New York fragte er, ob der Typ, den er da spielen sollte, tatsächlich Leonard Cohen sein sollte. Das, was ihn an der Rolle in erster Linie interessierte, waren die Verlustängste eines Mannes. Die Angst vor dem Verlust der Jugend, vor der Abhängigkeit von Alkohol und Drogen, vor dem Tod. Vor der Antwort auf die Frage, ob Romantik nur eine Wunschvorstellung ist, oder ob sie auch in der Realität existieren kann.

Sie erzählen das Leben des „Ladies’ Man“ in ihrem Film mit teils realistischen Mitteln, aber auch Fantasie, die eher an ein Märchen erinnert. Von Märchen sind wir gewohnt, dass am Ende eine Moral steht. Könnte das die Erkenntnis sein, dass dieser Lebensstil zwar künstlerisch inspirieren kann, dass aber Glück und Erfüllung in einer festen Beziehung, in einer Familie liegen?

Für mich persönlich trifft das total zu. Und ich glaube, dass auch Leonard so empfunden hat. Denn er hat Konzerte – zumindest die, die ich besucht habe – sehr oft mit dem Satz beendet: „Bitte geht nach Hause und ich hoffe, ihr findet dort Freunde oder eure Familie vor. Und wenn das nicht der Fall ist, dann hoffe ich, ihr seid trotzdem okay“. Auch er hat mit zunehmendem Alter immer mehr erkannt, dass man aus einer dauerhaften Bindung zu anderen Menschen die Stärke beziehen kann, die man zum Überleben braucht. Als Ladies’ Man endet man in Einsamkeit. Letztlich ist der größte Besitz, den man haben kann, eine Familie und ein Freundeskreis. Wenn die Liebe, die jeder in sich trägt, kein Ziel hat, wird man orientierungslos. Und dieses Gefühl spricht auch aus den Songs von Leonard Cohen. Vor allem aus den späteren. Und wenn mein Film eine Moral, eine Botschaft, vermitteln will, dann ist es die der Versöhnlichkeit.

Von Gabriele Flossmann

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