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Kultur
07/24/2019

Die Kinokritiken der Woche: Verstörendes Meisterwerk mit Natalie Portman

Natalie Portman ist in "Vox Lux" großartig. Weiters: Pedro Almodóvars schmerzliche Lebensrückschau und Juliette Binoche in der Midlife-Crisis.

von Alexandra Seibel

  • Hier finden Sie versammelt die Kritiken zu den anlaufenden Filmen dieser Woche.
  • Den Auftakt macht "Vox Lux" mit Natalie Portman.

    Rechtspopulismus in Europa und Amerika beschäftigt Brady Corbet schon länger. Vielleicht ist er auch geistig bei Michael Hanekes „Das weiße Band“ in die Schule gegangen. Möglich wäre es: Corbet kennt Haneke und spielte in dessen Remake von „Funny Games“ einen der Gentleman-Killer, der mit seinem Freund eine gesamte Familie auslöscht.

    Heute 30 Jahre alt, begann Brady Corbet seine Karriere als Schauspieler mit elf. Er trat in TV-Serien wie „24“ auf und spielte in Filmen von Regisseuren wie Lars von Trier, Olivier Assayas oder Ruben Östlund. Als er 2015 seinen ersten Spielfilm „Childhood of a Leader“ in Venedig präsentierte, waren die Leute baff. Die beklemmende, von der Musik des kürzlich verstorbenen Scott Walker verdunkelte Kindheitsgeschichte eines Buben, der sich nach dem Ersten Weltkrieg zum faschistischen Diktator entwickelt, prägte sich ein.

    Mit „Vox Lux“, seinem zweiten Film, verfasste Corbet ein verstörendes Meisterwerk, vollgesogen mit melancholischem Horror, sinistrer Komik und einem pessimistischen Blick auf die Pop-Industrie. Corbet verschob den Schauplatz seines neuen Films nach Amerika und trieb sein Interesse für Populismus in die unmittelbare Gegenwart.

    Die furchtlose Natalie Portman vibriert in ihrer Rolle als gestresste Pop-Diva Celeste, die mit ihren Hits – extra für den Film geschrieben vom australischen Popstar Sia – Konzerthallen füllt und mit Kaugummi im Mund verblödete Interviews gibt.

    Dabei war Celeste nicht immer so. Als Mädchen überlebte sie in den 80ern nur knapp ein brutales Highschool-Shooting. Mit ihrer Schwester komponierte sie eine Ballade, die sie bei einem Gedenkgottesdienst für die Opfer vortrug. Radiostationen spielten ihr Lied, bald sang ganz Amerika mit. Ein Star war geboren.

    Die junge Britin Raffey Cassidy spielt den unvermuteten Aufstieg der verträumten Schülerin Celeste mit hinreißender, aber undurchschaubarer Unschuldsmiene. Jude Law als ihr zynischer Musikmanager begleitet sie und ihre Schwester nach New York, um dort an ihrem Star-Image zu basteln. Die Provinz-Mädchen amüsieren sich bestens in der Großstadt, doch dumpfe Trommelschläge auf dem Soundtrack – die Musik stammt wieder von Scott Walker – verheißen nichts Gutes.

    Ein Gefühl von beständiger Beunruhigung infiltriert die kalten, eleganten Bilder, nervöse Musik verstärkt den Eindruck von unterschwelligem Horror. Als schließlich zwei Flugzeuge ins World Trade Center krachen, hat nicht nur Celeste, sondern eine ganze Nation ihre Unschuld verloren.

    Ab dann übernimmt Natalie Portman die Rolle.

    Die erwachsene Celeste hat ihre Gewalterfahrungen in eine glamouröse Karriere als Popsängerin kanalisiert.

    Sie macht Musik, „bei der die Leute nicht denken müssen, sondern sich einfach gut fühlen.“ Ihre perfekt choreografierten, genial hingelegten Elektropop-Auftritte zelebrieren eine Unterhaltungsindustrie, die sich selbst versiegelt.

    Portman ist großartig darin, die eigene Oberflächlichkeit zu parodieren und eine leere Celebrity-Wichtigkeit mit Plattitüden zu befüllen.

    Sie, die Pop-Ikone, feiert große populäre Erfolge, bleibt selbst aber moralisch ausgehöhlt zurück.

    Mit sardonischem Unterton und Hang zur Allegorie erzählt Brady Corbet von einer düsteren Erziehung des Herzens als Verlust von persönlicher Haltung.

    Inspiriert dazu habe ihn „Der Mann ohne Eigenschaften“ des österreichischen Schriftstellers Robert Musil: Auch der hätte gewusst, was es bedeutet, in Zeiten großer Umbrüche zu leben.

    Pedro Almodóvars autobiografisch inspirierte, schmerzliche Lebensrückschau

    Viele hätten auf dem  diesjährigen Filmfest in Cannes Pedro Almodóvar und seinem neuen Film "Leid und Herrlichkeit" die Goldene Palme gewünscht. Gewonnen hat dann aber „nur“ Antonio Banderas: Sein zerbrechliches Spiel als alternder Filmregisseur in der Krise wurde   mit dem Preis „Bester Schauspieler“ ausgezeichnet.

    Banderas spielt  einen Künstler namens Salvador Mallo, dessen Kreativität sich mittlerweile auf die Diagnose seiner diverser Krankheiten beschränkt. An Filmemachen ist nicht mehr zu denken. Angeschlagen von elenden Rücken- und Kopfschmerzen, verbringt er seine Tage vernebelt auf der Couch und lässt sich von seinen Kindheitserinnerungen tragen. Als einer seiner alten Filme restauriert und wieder aufgeführt wird, taucht er noch mehr in die eigene Vergangenheit ein und trifft auch jenen Mann wieder, der einst seine große Liebe war.

    Almodóvars sichtlich autobiografisch inspirierte Lebensrückschau   hat mit Banderas – einem langjährigen Weggefährten Almodóvars – die kongeniale Besetzung gefunden. Banderas verkörpert  mit seinem Gesichtsausdruck, dem unsicheren Blick seiner Augen und dem leicht struppigen Look seiner Haare die Zerbrechlichkeit eines angeschlagenen, leidenden  Mannes.

    Wie er sich fühle, wird er von seinem ehemaligen Liebhaber gefragt: „Alt“, ist die resignierte Antwort. Trotz der Beschwörung großer Gefühle und schmerzlicher Erinnerungen, verbietet sich  Almodóvar das Abgleiten in  Sentimentalität.

    Seine  Rückblicke auf die Vergangenheit sind traurig, aber nicht weinerlich, die Einschätzung seines seelischen Zustands aufrichtig, aber nicht selbstmitleidig.

    Die liebevollen Großaufnahmen der   Figuren und ihrer Gesichter – darunter Penélope Cruz als   junge Mutter – zeugen von der immensen Zärtlichkeit, die Almodóvar für seine Schauspieler empfindet. Er platziert sie in einer  Umgebung kräftiger Farben, deren Leuchtkraft an alte Hollywood-Filme in Technicolor erinnert. Sie legen Zeugnis ab von Pedro Almodóvars größter Leidenschaft, dem Kino.

    Pflanzenjägerin auf der Jagd nach einer Blume, die nur alle 997 Jahre blüht

    „Pflanzenjäger“ nannte man im 17., 18. und 19. Jahrhundert jene Forschungsreisenden, die insbesondere aus Asien Zier- und Nutzpflanzen nach Europa brachten, wo sie in Botanischen Gärten gepflegt und erforscht wurden.

    Juliette Binoche spielt in "Die Blüte des Einklangs" so etwas wie eine Pflanzenjägerin des 21. Jahrhunderts:  Jeanne ist eine Französin mittleren Alters, die auf Suche nach einer sagenumwobenen Pflanze nach Japan gekommen ist.

    Die gesuchte Pflanze soll nur alle 997 Jahre erblühen und Menschen, die sie finden, von allen Ängsten und Schwächen heilen.  Für Jeanne könnte das Auffinden dieser Blüte vielleicht ein Mittel gegen die Midlife-Krise sein – und auf jeden Fall ein Knüller für die Zeitschrift, für die sie als Reisejournalistin schreibt. Aber Jeanne will nicht nur die Schönheit der Natur  genießen. Einigermaßen aufdringlich macht sie es sich im Holzhaus des schweigsamen Tomo gemütlich. Ausgiebig geht sie auf Tuchfühlung mit der prachtvollen, immergrünen Natur.

    Und dann auch mit dem Hausherrn.  Dieser verbringt die meiste Zeit damit, beunruhigende Veränderungen der Natur wahrzunehmen, die Jeanne aber nicht als mögliche Zeichen eines drohenden Klimawandels sieht, sondern als Anzeichen für die nächste Blüte der gesuchten Wunderpflanze. Obwohl sich die beiden kaum verständigen können, entwickelt sich eine zarte Beziehung.

    Regisseurin Naomi Kawase („Kirschblüten und Rote Bohnen“) nimmt das Publikum mit in ihre Heimat, in die Berge östlich von Osaka. Sie erzählt ein esoterisches Märchen, das mit seiner langsamen Erzählweise den Stresslevel des Publikums senken kann. Die Kamera fängt den Wald in vielen Facetten ein: wankende Baumwipfel, dunkles Grün, überhelles Licht, große Farne.

    Wer Juliette Binoche gerne sieht, wer Sinn für Elemente des Asiatisch-Übersinnlichen und Geduld mitbringt, ist hier genau richtig. Dank überwältigender Naturaufnahmen fühlt man sich wie bei einem Spaziergang, bei dem der Duft der Natur etwas süßlich in die Nase steigt. (Von Gabriele Flossmann)

    Cleo

    Cleo und Berlin: Das ist eine Liebesgeschichte zwischen Mensch und Großstadt. Sie begann, als Cleo noch klein war und sich einbildete, dass die Straßen, die Häuser, die Parks und die Plätze Berlins zu geheimnisvollen Spielplätzen werden können. Mittlerweile ist Cleo eine junge Frau, die sich geschworen hat, keinen Träumen mehr hinterherzujagen. Doch dann tritt Paul in ihr Leben. Paul ist ein Träumer.  Die reich gesponnene Zuckerwatte trübt leider bisweilen den Blick auf die durchaus unterhaltsame Geschichte.

    Ausgeflogen

    Sandrine Kiberlain spielt eine Alleinerzieherin, deren jüngste Tochter ausziehen möchte. Dieser Plan stürzt die Mutter in die Krise. In verklärten Rückblenden erinnert sie sich daran, wie die Kinder noch klein waren. Schmalziges Mutter-Kind-Rührstück im gehobenen Pariser Milieu.

    Die drei !!!

    Nach den „drei ???“ kommen jetzt die „drei !!!“: Die drei  jugendlichen Detektivinnen Kim, Franziska und Marie   bereiten  ein    Theaterstück  vor. Doch es kommt zu gruseligen Zwischenfällen. Wer steckt hinter den Aktionen? Nett inszeniert, flott erzählt, mit natürlichen Hauptdarstellern.

     

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