Kultur
22.06.2018

Neuer Berlinale-Chef Carlo Chatrian: Ein Mann für alle Kinofälle

© Bild: AP/Urs Flueeler

Locarno-Leiter Carlo Chatrian löst Dieter Kosslick nach 18 Jahren als Berlinale-Chef ab.

Nun ist es offiziell: Die Nachfolge des langjährigen Berlinale-Chefs Dieter Kosslick (70) wird von einem Führungsduo übernommen. Der 46-jährige Italiener Carlo Chatrian wird künstlerischer Leiter des deutschen A-Festivals. Die Niederländerin Mariette Rissenbeek (Jahrgang 1956), Geschäftsführerin von German Films, der Auslandsvertretung des deutschen Films, übernimmt die geschäftsführende Leitung. Das gab Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) als Vorsitzende des Aufsichtsrates der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin (KBB) am Freitag bekannt.

Die deutsche Filmszene scheint mit dieser Entscheidung rundum zufrieden, zumal 79 Filmschaffende im November 2017 in einem offenen Brief eine Neuausrichtung der Berlinale gefordert hatten. Die Wahl von Carlo Chatrian zum künstlerischen Leiter scheint diesem Wunsch punktgenau zu entsprechen.

Der 1971 in Turin geborene, dreifache Familienvater leitete die letzten sechs Jahre das Filmfestival Locarno im Schweizer Tessin und soll voraussichtlich ab März 2019 die Berlinale übernehmen. Chatrian gilt als gut vernetzter, cinephiler Festivalmacher und Kino-Intellektueller. Er studierte Literatur sowie Philosophie und schrieb Bücher über Wong Kar-wei und Frederick Wiseman.

Gleichzeitig zeigt der polyglotte Italiener, der allerdings (noch) nicht Deutsch spricht, keinerlei Berührungsängste vor großen Filmen mit Massenappeal. Festivalbeobachter attestieren ihm, das Filmfestival in Locarno in den Jahren seiner Amtszeit zu neuem Aufschwung verholfen zu haben. Vor allem den Wettbewerb konnte er mit avanciertem Autorenkino profilieren, gleichzeitig findet er auch an großem Hollywoodkino Gefallen. Nicht umsonst gilt Locarno als Ort der Cinephilie, ist mit seiner mittelalterlichen Piazza Grande, wo 8000 Menschen im Freiluftkino Platz finden, aber auch ein allseits beliebtes Publikumsfestival.

Die Retrospektiven des Festivals genießen ebenfalls einen guten Ruf.

Tellerrand

Kulturstaatsministerin Monika Grütters und die verantwortliche Findungskommission führten über 40 Personalgespräche, ehe sie sich für die beiden Kandidaten entschieden. Grütters hatte offenbar besonderen Wert darauf gelegt, sich von vielen (internationalen) Beobachtern beraten zu lassen und bei der Wahl der geeigneten Kandidaten über den „deutschen Tellerrand“ zu schauen.

Immerhin gehört das Filmfestival Berlinale nach den Festivals in Cannes und Venedig zu den wichtigsten Filmfestivals weltweit. Dieter Kosslick, der nach Moritz de Hadeln die Berlinale 2001 übernommen hatte, konnte das Festival modernisieren und in einen Publikumsmagneten verwandeln. Außerdem pflegte er den Ruf der Berlinale als besonders politisches Festival. Gerade in den letzten Jahre aber wurde die Kritik an seiner Programmierung immer lauter: Das Festival werde mit seinen zahlreichen Programmschienen und Nebensektionen immer unübersichtlicher, der Hauptwettbewerb immer verwaschener und bedeutungsloser. Darüber hinaus kämpft die Berlinale damit, dass die Oscar-Preisverleihung von April auf Ende Februar, Anfang März vorverlegt wurde und dadurch die Hollywoodpräsenz in Berlin empfindlich zurück ging.

In jedem Fall ist der neue künstlerische Leitern gefordert, den Spagat zwischen anspruchsvollem Wettbewerb und breiten Publikumsgeschmack hinzulegen.

Monika Grütters jedenfalls ist von den Fähigkeiten Carlo Chatrians begeistert und meinte gegenüber der Deutschen Presseagentur: „Uns hat Chatrian durch seine Leidenschaft für den Film und seine lebhafte, kommunikative Art überzeugt. Wir sind sicher: Er ist die richtige Wahl.“