Kultur
09.05.2018

Cannes: Viele Verbote und Eröffnungsfilm von Asghar Farhadi

Die Filmfestspiele in Cannes eröffnen mit dem iranischen Oscar-Preisträger Asghar Farhadi: "Everybody Knows“ ist nur mittelgut.

Cannes steht heuer im Zeichen der Verbote: Keine Netflix-Filme im Wettbewerb, keine Selfies auf dem roten Teppich und keine Pressevorführungen vor den offiziellen Filmpremieren.

Auch was das diesjährige Star-Aufgebot betrifft, herrscht eine gewisse Flaute: Die größten Berühmtheiten, die heuer erwartet werden, scheinen bereits in der Preisjury zu sitzen – mit Cate Blanchett (als Präsidentin), Kristen Stewart und Léa Seydoux. Auch Amerikaner glänzen vielfach durch Abwesenheit – dafür erschien bei der Eröffnungsgala ein prominenter Überraschungsgast: Martin Scorsese tauchte plötzlich auf der Bühne auf und erklärte – im Sprechchor mit Cate Blanchett – die 71. Filmfestspiele in Cannes für eröffnet. Tatsächlich gaben die  beiden ein witziges Bild ab: Blanchett überragte den kleinen Scorsese um Haupteslänge und wirkte neben ihm groß wie eine Giraffe.

Was den Anteil an Frauen im Wettbewerb betrifft, kann man bei drei Regisseurinnen nicht gerade von einer überwältigen Zahl sprechen. „Die Franzosen machen es eben auf die altmodische, patriarchale Art“, zucken die amerikanischen Journalisten-Kollegen vom Branchenblatt Variety die Schulter. Cannes-Chef Thierry Frémaux verteidigte bei einer spontan einberufenen Pressekonferenz das Geschlechterverhältnis in seinem Programm: Es würden knapp 23 Prozent Filme von Regisseurinnen im Gesamtprogramm gezeigt – das sei um einiges mehr als die insgesamt sieben Prozent, die an Filmen weltweit von Frauen gedreht werden. Außerdem  gebe es nun eine Hotline, bei der man im Falle von sexueller Belästigung anrufen könne.

Telenovela

Zur Eröffnung seines Festivals, das im Vorfeld von manchen bereits als  schwächer als gewöhnlich verschrien wird, engagierte Frémaux den zweifachen iranischen Oscar-Preisträger Asghar Farhadi  („Nader und Simin: Eine Trennung“ und „The Salesman“). Farhadi rückte auf dem roten Teppich mit dem spanischen Star-Ehepaar Penélope Cruz und Javier Bardem an, das in seinem intensiven Thriller-Melodram „Everybody Knows“ eine zentrale Rollen spielt.

„Everybody Knows“ ist Farhadis erste spanische Produktion und brachte ihm prompt hämische Bemerkungen ein: Seine Karriere würde langsam an die von Woody Allen erinnern, der für seine Filme auch gerne die Schauplätze europäischer Länder abklappere.

Viel gravierender jedoch fühlt sich die Tatsache an, dass man  bei der Ansicht von „Everybody Knows“ den Eindruck bekommt, Farhadi würde bei seinen Erzählmechanismen langsam in die Wiederholungsschleife fallen. Zwischen seinen großen Werken „Nader und Simin“ und seinem französischen Drama „Le passé – Das Vergangene“ fühlt sich „Everybody Knows“ mit seinen (oft vorhersehbaren) Überraschungseffekten bereits als sehr vertrautes Terrain an.

Trotzdem entwickelt das eng gestrickte Familiendrama mit Krimi-Anteil starke Sogkraft – vor allem dank seines (meist) ausgezeichneten Schauspieler-Ensembles. Vor allem Penélope Cruz kann als leidende Mutter  ihr gesamtes melodramatisches Repertoire in Anschlag bringen.

Cruz spielt eine Spanierin, die aus Argentinien zurück in ihr  Dorf kehrt, um an der Hochzeit ihrer Schwester teilzunehmen. Sie trifft alte Freunde und Bekannte wieder – darunter Paco (Javier Bardem), ihre ehemalige Jugendliebe. Begleitet wird sie von ihren beiden Kindern, von denen eines während der Hochzeit gekidnappt wird.

Farhadi interessiert sich weniger für den Kriminalfall als vielmehr dafür, was die Situation  mit den einzelnen Familienmitgliedern anstellt. So bricht die unaufgearbeitete Vergangenheit über alle Betroffenen herein und gibt den emotionalen Beziehungen immer wieder neue Drehungen und Wendungen. Farhadi scheut auch vor großen, theaterhaften Gefühlsmomenten nicht zurück, die manchmal an Höhepunkte einer Telenovela erinnerten – und im Publikum Gelächter hervorriefen.