Demokratie, Freiheit, Toleranz
Mancher mag ja die einschlägigen Debatten über Cancel-Culture, Political Correctness, Wokeismus und dergleichen mehr für mittlerweile abgestanden halten. Tatsächlich wurde dazu vieles von vielen auf allen möglichen Plattformen gesagt. Aber das Thema ist keineswegs erledigt, selbst der durchschnittliche Beobachter des Zeitgeschehens stolpert immer wieder über einschlägige Anlassfälle, der Hang zur Zensur im Gewande von Toleranz und Menschenfreundlichkeit treibt immer neue, bizarre Blüten.
So ist auch eine Publikation wie jene des Karl-von-Vogelsang-Instituts über „Cancel-Culture“ höchst verdienstvoll. Der schmale Band thematisiert in verschiedener Weise „Moralisierung und Anmaßung der Selbstgerechten“.
Im einleitenden Beitrag nimmt Franz Schausberger nicht von ungefähr insbesondere die Universitäten und den Kulturbereich in den Blick. Der Autor – einer der beiden Herausgeber, ehemaliger Salzburger Landeshauptmann sowie Präsident des Vogelsang-Instituts – bringt eine Fülle an Beispielen, die zeigen, wie der Meinungskorridor sukzessive immer weiter eingeschränkt wird. Manches davon, wie etwa die Anfeindungen gegen die „Harry Potter“-Autorin Joanne K. Rowling oder die Proteste gegen kulturelle Aneignung durch das Tragen von Dreadlocks einer weißen Frau, ist bekannt – in der Zusammenschau wird daraus ein Panoptikum zeitgeistiger Verirrungen.
Natürlich darf auch die Causa Karl Lueger als der in Österreich bekannteste Fall denkmalstürmerischer Agitation nicht fehlen. „Mit gegenwärtigen Kriterien Menschen der Vergangenheit zu beurteilen, das greift zu kurz“, zitiert hier Schausberger den Grazer Soziologen Manfred Prisching.
Wider die Selbstaufgabe
Schausberger geht es freilich nicht um eine Aneinanderreihung unterschiedlichster Kuriosa und Ärgernisse. Auf dem Spiel stehen vielmehr „Demokratie, Freiheit und Toleranz“. Gegen den Hang zu „Anpassung und Selbstaufgabe“ plädiert der Historiker für ein „selbstbewusstes Verteidigen unserer christlich-jüdisch-europäischen Werte“, auf deren Basis Toleranz überhaupt erst möglich sei.
Eine interessante Gegenüberstellung bietet Anton Höslinger, Propst des Stiftes Klosterneuburg: Im ersten Teil seines Textes setzt er sich kritisch mit einer „fast ängstlich zu bezeichnenden ‚Cancel-Culture‘ und ‚Message Control‘“ der Kirche in früheren Jahrhunderten auseinander, etwa was Bibelübersetzung und -auslegung oder „verbotene Bücher“ betrifft.
Dieser einstigen Zensur „von oben“ stellt er das zeitgenössische Canceln des „Blackfacing“ bei den Sternsingern gegenüber. Höslinger zufolge ein fundamentales Missverständnis, stehen doch die Heiligen Drei Könige für den Universalismus des Christentums („der Messias kommt zu allen Menschen, egal welcher Herkunft und Hautfarbe“).
Daran anknüpfend formuliert Höslinger eine durchaus provokante Frage: „Muss alles, was […] vermittelt wird und werden will, ‚zeitgemäß‘ sein? Wer legt fest, was ‚zeitgemäß‘ ist und was nicht?“
Franz Schausberger, Hannes Schönner (Hg.): „Cancel-Culture“, Buchschmiede, 170 Seiten, 15 Euro
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