Kultur
30.09.2018

Burgtheater: Hoffnung erleidet Blechschaden

Michael Thalheimer inszeniert Ödön von Horváths "Glaube Liebe Hoffnung" gnadenlos gut, Andrea Wenzl spielt fulminant

Bei Michael Thalheimer sind die Figuren nicht mehr Herr über sich selbst. Sie entgleisen. Zucken mit den Gliedern, wie beschädigte Puppen, die Mimik gerät außer Kontrolle, die Sprache fällt ihnen aus dem Mund wie verdorbenes Essen. Sie sind verzerrt, weil etwas an ihnen zerrt.

(Das passt ganz wunderbar zu Ödön von Horváth. Seine Figuren sprechen in beschädigten Sätzen, in seltsamen, missglückten Kalenderblattsprüchen, die sie selber nicht verstehen. Sprache als Blechschaden.)

Dass Thalheimer am Burgtheater „Glaube Liebe Hoffnung“ inszeniert, ist eine grundsätzlich hervorragende Idee. Denn bei diesem Stück liegt stets die Verführung nahe, die Geschichte der an Brechts „Umständen“ zugrunde gehenden Elisabeth als weinerliches, „poetisches“ Passionsspiel zu erzählen (im schlimmsten Fall mit „Aktualisierungen“).

Dagegen ist Thalheimers expressionistische, verfremdete, fast sachlich-kalte Inszenierung immun.

Muskeln

Bei Thalheimer ist die Elisabeth kein hilfloses Hascherl, sondern eine starke, mutige Frau, die (tatsächlich) Muskeln zeigt und bis zum letzten Atemzug um ihre Existenz kämpft – und trotzdem gegen kalte Gesetze und menschliches Desinteresse keine Chance hat.

Andrea Wenzl spielt diese Figur so mitreißend, so fulminant, dass einem der Atem wegbleibt. (Wenn es für diese Darstellung keinen Nestroy gibt, dann kann man den Preis gleich abschaffen.) Völlig zu Recht wird Wenzl am Ende vom Premierenpublikum bejubelt.

Skizzen

Die Männerfiguren sind in dieser Inszenierung schnell hingeworfene, aber präzise Skizzen (etwa Hermann Scheidleder als „Invalider“ oder Peter Matić als „Amtsgerichtsrat“).

Nur zwei Schlüsselpersonen werden genauer ausgeführt: Der „Schupo“ Alfons Klostermeyer, der zu feige ist, zu Elisabeth zu halten, und der tierliebende, aber menschenfeindliche „Präparator“, der in dieser Geschichte den Tod verkörpert. Marlin Sandmeyer und Falk Rockstroh spielen diese Figuren großartig, bis ins kleinste Detail sorgfältig ausgeführt.

Dass die Frauenfiguren ausnahmslos an die Karikatur verschenkt (eigentlich: verraten) werden, bleibt eine der wenigen Unstimmigkeiten dieser Aufführung.

Zur Trennung zwischen den einzelnen Bildern setzt Thalheimer Rockmusik ein ( Led Zeppelin, Deep Purple, Janis Joplin...). Das funktioniert hervorragend und gibt der Aufführung zusätzliche Spannung. Und es ergibt sich daraus eine der berührendsten, zartesten Szenen des Abends: Zu „Child In Time“ ziehen sich Elisabeth und ihr Alfons erstmals voreinander aus, ungeschickt und ängstlich.

Höhle

Einfach toll ist auch das Bühnenbild von Thalheimers künstlerischem Fixpartner Olaf Altmann: Die Welt ist hier eine große, kahle, düstere Höhle, nur durch ein trichterförmiges Loch fällt ein wenig Licht herein. Wie sind wir hier hereingekommen? Klar ist nur: Lebend kommt hier niemand raus.

Am Ende gibt es, wie erwähnt, großen Jubel für Andrea Wenzl, aber nur kühlen Applaus für das Ensemble und das Regieteam. Möglicherweise finden in Wien viele diese expressionistisch-harte Inszenierung unpassend. Sie bricht jedenfalls mit den Sehgewohnheiten.

Dennoch sei klar gesagt: Das gehört zum Besten, was seit langem in Wien zu sehen war. Theaterfreunde sollten sich diese etwa 100-minütige, gnadenlose, bösartige Aufführung nicht entgehen lassen. Sie ist in Wahrheit atemberaubend gut.