Sasha Filipenko: „14 Tage Gefängnis für ein Like“
Er schreibt Bestseller über die Diktatur. Der Preis dafür ist ein Leben im Exil. Der belarussische Schriftsteller, Journalist und Moderator Sasha Filipenko ist ein prominenter Kritiker des autoritären Machthabers Alexander Lukaschenko. Filipenko lebt heute im Exil in der Schweiz. Er erreicht die Menschen in seiner Heimat Belarus trotzdem. Im Interview mit dem KURIER spricht der Autor über die Wichtigkeit von Widerstand, die Rolle des Einzelnen in der Gesellschaft, die Angst um seine Eltern und über seinen neuen Roman „Elefanten“.
KURIER: In Ihrem neuen Roman tauchen plötzlich überall Elefanten auf und keiner will sie sehen. Was wollen Sie damit sagen?
Sasha Filipenko: Die Elefanten sind ein Symbol. Ich will damit zum Ausdruck bringen, wie sich Menschen an Angst und Gewalt gewöhnen, wie die Gesellschaft offensichtliche Probleme ignoriert und wie die Menschen zu allem schweigen. Damit meine ich übrigens nicht nur Russland und Belarus, das ist eine universelle Geschichte. Sie in Österreich haben auch Ihre Elefanten. Und natürlich auch die USA. Wir haben andere Elefanten, andere Probleme, aber sie sind überall. Das will ich meinen Lesern näherbringen.
Diese Elefanten werden in Ihrem Roman von allen ignoriert. Nur Stand-up-Comedian Pawel will nicht schweigen und fordert die Menschen auf, sich der Realität zu stellen. Ist er auch eine Metapher?
Ich versuche in all meinen Büchern zu zeigen, wie wichtig die Rolle jedes Einzelnen in der Gesellschaft ist. Die meisten Menschen finden es natürlich bequemer, zu schweigen. Es geht aber darum, aufzustehen und Dinge auszusprechen. Ich habe in all meinen Büchern darüber geschrieben, wie der Einzelne in der Gesellschaft sehr viel verändern kann. Mir würden da auch viele konkrete Namen solcher Menschen einfallen, ob in Russland, der Ukraine oder in Belarus, aber darum geht es in meinem Roman gar nicht.
Es geht mehr um das Symbolhafte?
Ja. Es geht um Tapferkeit und um Angst. Um Angst vor der Angst. Und nein, es geht in dieser Geschichte nicht um mich. Aber natürlich bin ich Teil der belarussischen Widerstandsbewegung.
Als Bestsellerautor erreichen Sie mit Ihren Botschaften ein Millionenpublikum.
Ich will mit meinen Büchern die Gegenwart festhalten. Ich will ein Foto unserer Zeit machen und es meinen Lesern vermitteln. Manchmal stelle ich mir vor, wie jemand in zwanzig, dreißig Jahren eines meiner Bücher liest und darin erkennt, was mit uns damals passiert ist. In Russland und in meiner Heimat Belarus machen wir gerade sehr finstere Zeiten durch. Das ist schwer zu erklären und schwer zu verstehen, denn für uns, die wir diese Zeiten erleben, ist das ja auch alles neu. Viele von uns gehen mit Scheuklappen durchs Leben und versuchen, irgendwie den Alltag zu bewältigen, denn es gibt ja nicht nur die Politik, wir haben ja auch unser persönliches Leben. Trotzdem muss uns klar sein, was da gerade passiert. Es ist wichtig, zu zeigen: Es gibt sie, die tapferen, mutigen Menschen, die sich gegen das Regime auflehnen. Die nicht alles hinnehmen und die sich für eine bessere Welt einsetzen.
Ihr neues Buch ist, wie schon frühere, in Russland und Belarus verboten, es gibt deswegen ein neues Strafverfahren gegen Sie.
Ja, das ist eine absurde Situation. Gerade weil dieses Buch verboten ist, habe ich besonders viel Gelegenheit, darüber zu sprechen. Das Buch gilt in Russland und Belarus als extremistische Propaganda. Es zu kaufen oder daheim im Regal zu haben, ist verboten, selbst darüber zu sprechen ist verboten. In diesem Moment, in dem ich darüber rede, begehe ich schon wieder ein Verbrechen. Ich müsste allein deshalb schon mehrere Jahre ins Gefängnis.
In Belarus sind mehrere Strafverfahren gegen Sie anhängig.
Derzeit laufen in Belarus zwei Strafverfahren gegen mich. Eines mit einer Strafe von zwölf Jahren, das andere mit einer Strafe von sieben Jahren. Unter anderem, weil die Behörden in Belarus behaupten, ich hätte in meinen Werken die Menschen dazu aufgerufen, auf die Straße zu gehen. Das ist natürlich völliger Unsinn, es entspricht nicht der Wahrheit. Das gilt übrigens nicht nur für meine Bücher, sondern auch für meinen Instagram-Account. Der ist auch verboten, er gilt als Extremismus-Seite. Wenn Sie mir in Belarus ein Like geben, müssen Sie dafür 14 Tage ins Gefängnis.
Ihre Bücher sind zwar verboten, wurden aber trotzdem übersetzt und gedruckt. Wie darf man sich das vorstellen?
Die Bücher wurden in Polen oder Litauen gedruckt. Und viele Menschen lesen meine Bücher im Internet.
Was wissen Sie über Ihre Leser in Belarus?
In Polen wurden innerhalb von vier Tagen 3.000 Exemplare meines jüngsten Romans verkauft. Auf Belarussisch. Das ist schon beachtlich. Ich höre, dass das Buch bei den Belarussen gut ankommt. Sie sagen: Das ist wirklich unsere Geschichte.
In welcher Sprache schreiben Sie?
Ich schreibe auf Russisch und arbeite an der Übersetzung ins Belarussische auch selbst mit. Es ist mir sehr wichtig, die belarussische Sprache zu unterstützen. Russisch und Belarussisch sind beides meine Muttersprachen.
Sie leben heute in der Schweiz.
Ja. Ich bin aber mit meinen Büchern viel auf Reisen.
Wie erinnern Sie sich an die Zeit, als Sie 2020 Ihre Heimat verlassen mussten?
Wir dachten damals, es wäre nur für ein paar Monate. Nachdem wir an den Demonstrationen gegen Lukaschenko (Machthaber; Anm.) teilgenommen hatten, brauchten wir einen sicheren Ort. Aus drei Monaten wurden fünf Jahre. Es gefällt mir in der Schweiz, es ist mittlerweile mein Zuhause. Komisch, wie sich die Dinge manchmal entwickeln.
Ihre Eltern leben nach wie vor in Belarus?
Ja. Vor etwas über zwei Jahren wurden meine Eltern in ihrer Wohnung überfallen, alles wurde durchsucht. Mein Vater kam für 14 Tage ins Gefängnis. Sie sagten ihm, das habe alles nur mit mir zu tun. Das Regime will Druck auf mich ausüben und benützt meine Eltern. Es gibt jetzt viele Fälle wie den meiner Eltern. Das Regime schreckt vor nichts zurück. Sie nehmen Menschen sogar auf Begräbnissen und in der Kirche fest. Viele meiner Freunde haben sich von ihren Eltern aus der Ferne verabschiedet. Wir können nicht zurück. Es ist schwer für mich, darüber zu reden.
Ihr Buch „Elefanten“ beginnt als leichtfüßige Satire. Am Ende wird es wirklich hart.
Ich möchte eigentlich keine dunklen Geschichten schreiben. Doch mir bleibt keine andere Wahl. Wir müssen darüber sprechen, was in Russland und Belarus los ist. Das ist jetzt Teil unseres Lebens.
Der Roman „Die Elefanten“ beginnt als Satire und wird bald zur bitteren politischen Parabel: Die Diktatur als Elefant im Raum. Diogenes, 256 S, 27,95 €