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Literatur
08/28/2021

Prix Goncourt: Wenn man ankommt, obwohl man schon da ist

Der Franzose Hervé Le Tellier schrieb einen irritierenden Bestseller über Doppelleben

von Peter Pisa

Im März 2021 landet ein Flugzeug, Air France 006, in New York. Ein turbulenter Flug durch einen Tornado, aber alles ist gut gegangen.

Im September 2021 – Blick in die Zukunft – kommt dasselbe Flugzeug noch einmal von Paris nach New York; mit denselben Passagieren, die vor 110 Tagen bereits gelandet sind.

Der September-Pilot wundert sich, wieso sich der US-Präsident einschaltet und er auf einem geheimen Flugplatz landen muss.

Alle sind jetzt doppelt in New York.

Das ist „Die Anomalie“.

Prix Goncourt

Das heißt: Alle leben nicht mit Doppelgänger. Die März-Ausgabe von Flugkapitän Markle liegt nämlich inzwischen im Spital und stirbt.

Und ein Schriftsteller, der Selbstmord begangen hat, hat im zweiten „Anlauf“ als Autor endlich Erfolg.

Der Franzose Hervé Le Tellier (Foto oben) ist ein experimentierfreudiger Autor. Er hat Mathematik studiert (wie der Grazer Clemens J. Setz). Einmal schieb er ein Buch aus 1000 Sätzen, die alle mit „Ich denke, dass“ beginnen.

Rund 30 Bücher gibt es vom 63-Jährigen, normalerweise werden an die 30.000 Stück verkauft. Ist viel.

Bei „Die Anomalie“ aber waren es allein in Frankreich 770.000. Und Le Tellier hat dafür den bedeutendsten Literaturpreis des Landes bekommen, den Prix Goncourt. Es war erst das zweite Mal seit 1903, dass ein Bestseller ausgezeichnet wurde. (Das erste Mal: Marguerite Duras 1984 für „Der Liebhaber“).

„Die Anomalie“ hat etwas, das über Thriller und Science Fiction und Stoff für eine TV-Serie hinausgeht. Die Vergangenheit neu leben lassen: Das besorgt Le Tellier clever und originell und manchmal komödiantisch.

Dolchstoß

Zwar wird über die Möglichkeit einer Zeitreise durch ein „Wurmloch“ diskutiert. Aber das Interessantere ist: Die zwölf Personen aus dem Flugzeug, die näher vorgestellt werden, haben schon vorher Doppelleben geführt.

Etwa der Profikiller, der auch braver Familienvater ist. Der afrikanische Rapper, der verschweigen muss, dass er schwul ist. Denn in seiner Heimat Nigeria kommen Homosexuelle ins Gefängnis, und sein erster Freund, den er als 16-Jähriger umarmte, war deshalb von einer tollwütigen Meute verbrannt worden, während er unerkannt flüchten konnte.

Eine Lebens- und Lügengeschichte nach der anderen.

Wenn sich – von Regierungsbeamten darauf vorbereitet – zwei Ich begegnen: Wie reagieren sie? Der Rapper freut sich, er wird seinen Fans sagen, dass er einen Zwilling hat und mit ihm gemeinsam auftreten.

Aber der Killer? Und die Welt? Es werden ja irgendwann alle erfahren, dass Unnatürliches geschehen ist.

Le Tellier lässt sich bei seinem Gedankenspiel nicht dazu verleiten, es den Lesern zu einfach zu machen.

Ohne Eile beginnt er zu erzählen, und immer ist das Motto: Wer alles „sicher“ weiß, ist ein Idiot. Gewissheit ist ein Dolchstoß gegen die Intelligenz.

 

Hervé Le Tellier:

"Die Anomalie"

Übersetzt von Romy Ritte und Jürgen Ritte.

Rowohlt Verlag. 352 Seiten. 22,95 Euro

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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