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Literatur
11/14/2020

Eine Insel für John Lennon, um dort drei Tage zu schreien

„Beatlebone“ von Kevin Barry experimentiert mit einer irischen Reise nach Dorinish

von Peter Pisa

John Lennon wäre 80, und man kann sich vorstellen, wie er mit Yoko Ono auf der vorher unbewohnten irischen Atlantikinsel Dorinish lebt und kein Boot mit Journalisten anlegen darf.

Zumindest war es einmal geplant gewesen, hier „von allem wegzukommen“.

Lennon hatte Dorinish 1967 um 1.550 Pfund gekauft – Felsen und zwei große Wiesen, durch einen Steinwall miteinander verbunden. Die Baugenehmigung besaß er. Aber nur zwei Mal war er dort. Nach seinem Tod 1980 verkaufte Yoko Ono um 30.000 Pfund und spendete das Geld an ein irisches Waisenhaus. Schafe weiden jetzt auf Dorinish.

Therapie

Kevin Barrys „Beatlebone“ fantasiert einen dritten Besuch Lennons herbei:

Der damals 37-Jährige - das Foto oben zeigt ihn kurz vor dem Kauf - hat den Wunsch, auf der Insel drei Tage zu schreien.

Tatsächlich war Lennon in Kalifornien beim Psychotherapeuten Arthur Janov, um zu lernen, wie man Traumatisches wegschreit, etwa den Unfalltod der Mutter. Schreien, um ein anderer Mensch zu werden.

Nun ist Kevin Barry (aus Limerick in Irland) nicht von der Art eines T.C. Boyle (aus den USA) – jessas, im Jänner kommt schon wieder ein Roman Boyles, „Sprich mit mir“ mit einem Schimpansen in der Hauptrolle.

Soll heißen: „Beatlebone“ legt sich nicht fest, man kann dieses Buch schwer verankern, auch sprachlich ist es experimentierfreudig. Der Autor mischt sich sogar in den Text ein, erzählt, dass er selbst eine Nacht auf Dorinish war (und danach einen Tag gebraucht hat, um sich zu ordnen, denn er hatte einen Geist gesehen).

Lyrisch ist sein Buch sowieso – nur hier gibt es „vitaminreiche Trauer“, und die Nacht schleppt sich „wie ein müder Nachbar über die Hügel.“

In einem Roman von T.C. Boyle würde John Lennon auf der Insel Abenteuer erleben, vielleicht mit Hippies, die ihre Zelte bei ihm aufschlagen.

Bei Kevin Barry hingegen spielt es sich fantastisch im Kopf ab. Und zwar BEVOR er ans Ziel kommt.

John Lennon hat zwar einen ortskundigen Führer (und Philosophen, der in diser Welt deshalb nicht verrückt wird, weil „ich auf das höre, was um mich ist“).

Aber dieser Cornelius O’Grady, der auch fürs Entwurmen der Schafe und fürs Eingraben der Toten zuständig ist, hat’s nicht eilig.

Zunächst wird mit Einheimischen getrunken und gesungen. Dann wird Lennon – auch als Therapie gedacht, um sich zu erleichtern – beschimpft, bis er endlich zurück schimpft ... was kommen muss, weil ern „Hohlraum!“ genannt wird.

Zum cremeweißen Möwendreck auf Dorinish kommt Lennon früh genug. Oder gar nicht. Denn, so kunstvoll hat man diesen Satz noch nie vernommen:

Der Traum ist wichtiger als die Sache selbst.

 

Kevin Barry:
„Beatlebone“
Übersetzt von
Bernhard Robben.
Rowohlt Verlag.
 320 Seiten.
20,60 Euro

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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