Bloomsday - Feiertag für einen Roman

Die James Joyce-Verehrung in Irland erreicht jedes Jahr am 16. Juni ihren Höhepunkt - mit Ritualen, die an seinen Jahrhundertroman "Ulysses" erinnern.

Der "Bloomsday" am 16. Juni verdankt seinen Ursprung einem der schwierigsten Werke der Weltliteratur: "Ulysses" von James Joyce (1882 - 1944). Jährlich feiern weltweit zahlreiche Anhänger die Protagonisten Molly und Leopold Bloom so wie Stephen Daedalus, auch wenn sie möglicherweise den 18 Kapitel und 1100 Seiten langen Roman gar nicht gelesen haben. Im Jahr 2004 jährte sich der berühmte Tag zum hundertsten Mal, was besonders in Dublin mit dem "ReJoyce Festival 2004" ausgiebig gefeiert wurde. Aber nicht nur in Irland  wird Joyce gehuldigt: Von Berlin über Zürich bis Melbourne feiert man Jahr für Jahr Bloomsday-Feste in Form von Lesungen, Performances und Filmvorführungen. 

Bild: James Joyce-Double (rechts) am 100. "Bloomsday" 2004 in Dublin Im Mittelpunkt des "Ulysses" steht Leopold Bloom, Annoncenmakler aus Dublin, am 16. Juni 1904. Oberflächlich betrachtet, beschreibt Joyce einen beliebigen Arbeitstag Blooms, seine Gänge durch die Stadt, seine Begegnungen, Gespräche, Eindrücke, Assoziationen. 

James Joyce-Fan Graham Boland spielte 2004 Leopold Bloom. Dabei folgt Joyce einer ausgetüftelten Architektur, deren Grundriss Homers Odyssee ist: Jede Station Blooms auf seinem Weg durch Dublin korrespondiert mit einer Episode der Irrfahrten des Odysseus durch die archaische Mittelmeerwelt. Joyce kontrastiert das antike Helden-Epos mit den banalen Erlebnissen eines Dubliner Bürgers Anfang des 20. Jahrhunderts - die er dadurch zum "Weltalltag der Epoche" überhöht, wie Schriftsteller-Kollege Hermann Broch urteilte. Aber die Odyssee ist nur eine der vielen Bezugsebenen: Jedes Kapitel bedient sich seiner eigenen literarischen Technik und Symbolik; jedes ist einer anderen Kunst und einem anderen Organ des menschlichen Körpers gewidmet.
Joyce rühmte sich, den Philologen Arbeit für Jahrhunderte hinterlassen zu haben. Am "Ulysses" schrieb er sieben Jahre lang.

Bild: James Joyces Grab in Zürich Am "Bloomsday" suchen Fans, Leser und Nicht-Leser des Romans die "realen" Schauplätze des Romans auf. Da werden auch Handlungen der Hauptpersonen nachvollzogen, Zitronenseife in Sweny’s Shop erworben oder ein Gorgonzolabrot bei Davy Byrne verspeist. Das Datum verwendete Joyce aus einem autobiographischen Grund: Es gelang ihm an diesem Tag, seine spätere Frau Nora Barnacle das erste Mal auszuführen – zum Abendessen und zu einem Spaziergang am Strand von Sandymount. 

Bild: Am Bloomsday wird in Dublin stets "Ulysses" am Joyce Tower bei Sandycove gelesen Wenngleich der Bloomsday kein gesetzlicher Feiertag in Irland ist, ist er doch in englischsprachigen Kalendern inzwischen gleichwertig neben dem St. Patrick's Day verzeichnet. Er ist weltweit der einzige Feiertag, der einem Roman gewidmet ist Der Feiertag gehört zu den größten Touristenattraktionen von Dublin. Die "ReJoyce"-Feierlichkeiten in Dublin dauerten 2004 fünf Monate lang. Auch James Joyces Großnichten feierten den 100. "Bloomsday" mit. Und auch Twitter hat James Joyce längst erreicht: Zwei Fans des irischen Schriftstellers haben das zehnte Kapitel aus "Ulysses" Stück für Stück getwittert. Das "Wandering Rocks" ueberschriebene Kapitel sei besonders für das Kurznachrichten-Portal geeignet, weil es 19 Dublinern in ihrem Alltag folge. Die Zeitlosigkeit des großen Dubliners beweist sich also immer wieder.
(KURIER.at,apa / tem) Erstellt am
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