Interview
07/10/2013

Bernhard Kerres kritisiert Kulturpolitik

Der ehemalige Chef des Wiener Konzerthauses kritisiert die Kulturpolitik.

von Georg Leyrer

Die Ankündigung seines Abgangs im KURIER hat vor einigen Monaten Aufsehen erregt: Inmitten der 100-Jahr-Feiern des Wiener Konzerthauses hat dessen Chef Bernhard Kerres nun mit 30. Juni seinen Posten verlassen. Nun, nach dem Ende seiner sechsjährigen Amtszeit, hält Kerres im Interview Rückschau. Und spricht über die Gefahren für den Wiener Ruf als Musikstadt, das politische Desinteresse an Musik und die Gerüchteküche.

KURIER: Was haben Sie denn falsch gemacht?
Bernhard Kerres:
Ich hätte vieles radikaler machen sollen. Wir hatten eine große Diskussion, ob wir so viele Karten verkaufen werden, wie wir heuer aufgelegt haben. Mittlerweile haben wir mehr Karten verkauft, als wir geplant und budgetiert haben. Man hätte also noch mehr machen können – das Publikum ist da, es ist interessiert. Das Budget 2012/’13 war eine sehr schwierige Diskussion mit dem Aufsichtsgremium. Es ist ein kritischer Punkt, wenn der Leiter eines Hauses und der Aufsichtsrat nicht mehr das gegenseitige Vertrauen haben zu sagen, ja, das wird so gut gehen. Deswegen ist die Trennung gut und richtig. Und nach sechs Jahren passt das auch für mich und für das Haus.

Ein Chef-Wechsel im Wiener Musikbusiness ist ja immer noch fast wie ein Staatsakt in Bezug auf öffentliches Interesse und interne Gerüchteküche.
Ich war davon anfangs komplett überrascht, das hat mich auch zu Beginn am falschen Fuß erwischt. Ich habe große Unternehmen geleitet – mit signifikant weniger Medienaufmerksamkeit, als ich im Konzerthaus hatte. Es ist ein zweischneidiges Schwert. Das Schöne ist, dass es Interesse gibt, wer diese Häuser leitet. Natürlich gibt es dann Gerüchte und Leute, die das für sich ausnützen. Das ist die Kehrseite. Das hängt ein bisschen mit Wien zusammen – man tratscht gerne. Entweder man bedient das, oder man hat eine dicke Haut und ignoriert das.

Apropos ignorieren: An der Schuldensituation des Konzerthauses hat sich nichts gebessert. Hätten Sie öfter beim Kulturstadtrat anklopfen sollen?
Sicher. Für mich stand immer das Konzert an erster Stelle, nicht das politische Lobbying. Das hätte ich sicher besser machen können.

Jahrelang Zinsen für Bauschulden des Konzerthauses zu zahlen kann ja nicht billig sein.
Wir zahlen zwischen 150.000 und 250.000 Euro pro Jahr. Von der Stadt Wien haben wir eine Subvention von einer Million Euro. Rund 20 Prozent davon geht also schlicht und einfach nur in die Zinsen, nicht einmal in die Schuldentilgung. Nachdem das seit 2001 läuft, kann man sich zusammenzählen, was wir an die Bank überwiesen haben. Das macht aus Sicht des Steuerzahlers überhaupt keinen Sinn. Es gab zwar immer wieder Gespräche, fertige Modelle zur Schuldentilgung. Aber jedes Mal, wenn wir zur Stadt gesagt haben, „können wir uns jetzt darauf einigen?“, war Schweigen da.

Auch die städtischen Subventionen für das Konzerthaus sind seit 14 Jahren am selben Stand eingefroren. Warum?
Es ist schwierig, wirkliche Ansprechpartner zu finden. Es wird dort vieles nach dem Schema F abgehandelt: So haben wir es immer gemacht, so machen wir es weiter. Man merkt, dass es hier niemanden gibt, der für sein Budget kämpft und sagt, das ist ein wirklicher Wert, den wir hier in Wien haben.

Ein Wert, der aber durch finanzkräftige Konkurrenz in Asien unter Druck gerät.Ich bin sehr froh, dass Wien so einen Ruf hat, dass hier Künstler oftmals für den Bruchteil einer Gage auftreten, die sie anderswo bekommen hätten. Das macht der Ruf Wiens aus. Das ändert sich nicht so schnell – aber schleichend. Schon jetzt haben wir gewisse Künstler nicht mehr in Wien – ein Yo-Yo Ma, zum Beispiel, ist seit Ewigkeiten hier nicht mehr aufgetreten. Seine Gagenforderungen sind vielleicht überzogen – aber so nicht zu bezahlen. Das sind Einzelfälle. Wenn das mehr wird, wird es für Wien kritisch. Wien hat mit drei Opernhäusern und zwei Konzerthäusern eine Macht, die gewaltig ist. In vielen anderen Städten tut sich aber sehr Spannendes. Die sind oft offener, experimentierfreudiger.

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