Austro-Kino auf der Berlinale: Witwe, Walzerklänge und Vampire

Starker Auftritt österreichischer Filme mit Isabelle Huppert als Vampirin, Sandra Hüller als Mann und Valerie Pachner als Witwe.
Brigit Minichmayr und Isabelle Huppert.

Einmal mehr zeigt sich die Vielfalt des österreichischen Filmschaffens auf der diesjährigen Berlinale, wo insgesamt zwölf heimische Produktionen im Programm laufen. Praktisch in jedem Genre findet sich ein Eintrag – vom experimentellen Kurzfilm bis hin zum abendfüllenden Historiendrama. Auch was das Staraufgebot betrifft, hat das Austro-Kino einiges zu bieten: Große Namen wie Isabelle Huppert finden sich ebenso auf den Besetzungslisten wie Birgit Minichmayr, Valerie Pachner und Sandra Hüller.

Letztere spielt eine sprichwörtliche Hosenrolle in Markus Schleinzers eindrucksstarkem Zeitporträt „Rose“ (Kinostart: 17. April). Nach „Michael“ und Angelo“, ist „Rose“ Schleinzers dritter Spielfilm als Regisseur und läuft im Hauptwettbewerb der Berlinale. In strengen Schwarz-Weiß-Bildern entwirft er eine protestantische Dorfgemeinschaft im 17. Jahrhundert während des Dreißigjährigen Kriegs.

Ein unbekannter Soldat kehrt von der Front zurück und gibt sich als Erbe eines verlassenen Hofes aus. Es handelt sich um Rose, eine Frau in Männerkleidung, wie eine weibliche Erzählstimme aus dem Off verrät. Für die Dorfbewohner aber bleibt sie der neue Nachbar, der ein Haus renoviert und das Feld bestellt. Sandra Hüller spielt ihre Rolle als Transvestitin mit beinahe schon genialer Unscheinbarkeit.

Sandra Hüller

Sandra Hüller als geheimnisvoller neuer Nachbar in Markus Schleinzers "Rose".

Anfängliches Misstrauen gegen den Neuankömmling kann Rose mit „männlichen“ Taten wie der Tötung eines Bären zerstreuen. Eine Kugel hat während des Krieges ihre Wange durchbohrt und hängt als Beweis ihrer Tapferkeit an einer Halskette. Doch dann, verrät uns die Stimme der Erzählerin, setzt das Streben nach Profit und Expansion eine fatale Handlungskette in Gang. Rose möchte das Nebengrundstück erwerben. Der Kauf wird ihr nur zugebilligt, wenn sie im Gegenzug Suzanna, die älteste Tochter des Besitzers heiratet. Die Hochzeit findet statt. Und ab dann wird es delikat.

Die Hose der Freiheit

Schleinzer, der auch das Drehbuch schrieb, entwirft ein ausgeklügeltes Handlungsgefüge, in dem die beiden Eheleute genug voneinander erfahren, um sich mit ihren Geheimnissen wechselseitig in Schach zu halten.

An dieser Stelle lockert sich sein festes Erzählkorsett und erlaubt gewitzte, heitere Momente weiblicher Selbstbestimmung. „In der Hose war mehr Freiheit“, wird Rose gegen Ende ihres Lebens sagen, aber diese Lektion hat ihre Suzanna schon früher gelernt: Ein Dasein als Gattin an der Seite einer Frau in Hosenrolle verschafft auch ihr ungeahnte Möglichkeiten – so lange, bis die traditionelle Geschlechterhierarchie mit brutaler Gewalt ihre Ordnung wieder herstellt. Mit Haneke’scher Wucht ballt Schleinzer seine erzählerische Faust und zertrümmert die Hoffnungen seiner Figuren.

„Unmöglichkeit ist nur ein Wort. Und Worte kann man ändern“, sagt Rose im Angesicht ihrer eigenen Vergeblichkeit: „Ich habe getan, was ich konnte.“

Historische Frauenfiguren haben Markus Schleinzer inspiriert, und mit „Rose“ hat er ihnen ein Denkmal gesetzt. Die gnadenlose Rache des Patriarchats an all jenen, die an den Grundfesten seiner Machtstruktur rütteln, lässt er als Mahnung bis in unsere Gegenwart hinein hallen.

Dreivierteltakt

In die Tiefen der Vergangenheit, wenngleich in einem komplett anderen Erzählmodus, taucht auch die deutsche avantgardistische Autorenfilmerin Ulrike Ottinger mit „Die Blutgräfin“ (Kinostart: 30. Oktober) ein. Ihre Titelfigur hat ebenfalls eine historische Frauenfigur zum Vorbild: Es ist Erzsébet Báthory, die als die Urmutter der Vampire gilt und in Form von Isabelle Huppert durch die Jahrhunderte geistert. Genannt „die Blutgräfin“, hat sie in Wien Station gemacht, um ein mysteriöses Buch zu vernichten.

Isabelle Huppert.

Isabelle Huppert als "Die Blutgräfin“ in Wien.

Seit Ende der 1990er-Jahre trägt Ulrike Ottinger die Idee zu ihrer opulenten Vampirsatire am Herzen und hat mithilfe der österreichischen Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek am Drehbuch gefeilt.

Dementsprechend witzig sind sowohl die Namen des Personenpersonals als auch die Dialoge. Als perfekten Schauplatz für Ottingers barocke, rauschhafte Kostümgroteske bietet sich Wien an, wo Gegenwart und Vergangenheit ineinanderfließen. Die unterirdischen Gänge der U2 lassen sich mühelos mit der Habsburger Herzerlgruft, dem Café Hawelka, der Pestsäule oder dem Riesenrad verbinden.

In roten Lackstiefeln und bombastischen Kostümen stapft die „Blutgräfin“ Isabelle Huppert durch die Stadt, spricht sogar ein paar Jelinek-Sätze auf Deutsch und führt Birgit Minichmayr als Gruftie-Zofe mit sich. Um sich zu stärken, beißt sie junge Frauen lüstern in den Hals und trinkt deren Lebenssaft (oder isst ersatzweise Blunze). Dazu erklingen Walzerklänge wie „Wiener Blut“. Ohnehin ist Wien befüllt mit untoten Aristokraten, kriegsgeilen Generälen und Kaiserkutschen. Ein Who is Who namhafter Schauspieler sorgt für hohen Unterhaltungswert: Karl Markovics gibt einen Dodel-Polizisten, der die Ursachen der vielen Todesfälle untersucht, und Inge Maux serviert Buchteln im Hawelka. Thomas Schubert nennt sich Rudi-Bubi von Strudel zu Buchtelau und ist mit der Blutgräfin verwandt. Auch er ist ein Vampir, will aber keiner sein und ernährt sich vegetarisch. Sein Therapeut Lars Eidinger glaubt ihm seine Vampirgeschichte solange nicht, bis im Birgit Minichmayr ins Wadel beißt und er selbst erbleicht. Und gegen Ende singt Conchita Wurst „Rise like a Phoenix“ in einem unterirdischen Keller. Überhaupt ist Ulrike Ottingers geistreiche, vampiristische Zeitreise in den Habsburg-Mythos eine morbide Variante des Wien-Films. Nicht umsonst trägt „Die Blutgräfin“ den Untertitel „Schnitzeljagd im Dreivierteltakt.“

Wahrer Kern

Seit seinem Debütfilm „Die beste aller Welten“ gilt Adrian Goiginger als wichtige Stimme im österreichischen  Unterhaltungskino. Der Salzburger Regisseur hat ein Händchen dafür, schwere Themen wie Drogensucht, Depression oder traumatische Verluste in eine  Mainstream-kompatible,  anspruchsvolle  Form zu bringen. Auch in seinem neuen Film „Vier minus drei“ (Kinostart: 6. März), der auf der Berlinale Premiere feierte, ist ihm dies wieder gekonnt gelungen. Goiginger verfilmte den Bestseller „Vier minus drei“ von Barbara Pachl-Eberhart, in dem die Autorin berichtet, wie sie den Unfalltod ihres Mannes und ihrer zwei kleinen Kinder bewältigte.

Valerie Pachner.

Valerie Pachner verliert ihre Familie in „Vier minus drei“.

In „Vier minus drei“ erzählt Adrian Goiginger nun ihre schmerzliche Geschichte mit Valerie Pachner und Robert Stadlober in den Hauptrollen. Auf zwei Erzählebenen wechselt er zwischen der traumatischen Gegenwart und Rückblenden in die familiäre Vergangenheit. Valerie Pachner liefert eine nuancierte Glanzleistung als trauernde Mutter, die nach dem Verlust ihrer gesamten Familie schrittweise ins Leben zurückfinden muss. Dabei vermeidet Goiginger spektakuläre Schockmomente   (so wird  etwa  der tödliche Unfall nie gezeigt), sondern baut die Wucht der Emotionen schrittweise auf, um sie dann ebenso schrittweise zu verarbeiten. Insofern endet  „Vier minus drei“, trotz seiner großen Tiefschläge, optimistisch  mit einem Lächeln –  getreu  Goigingers eigenem Credo, wonach seine Filme  „immer einen wahren Kern und ein Happy End“ haben.

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