Berlinale: „Wer hier nichts zum Lieben findet ...“

„... liebt das Kino nicht“: Festival-Chefin Tricia Tuttle eröffnet die Berlinale erstmals mit dem Film einer afghanischen Regisseurin und Jurypräsident Wim Wenders lernt im Kino die Menschen kennen.
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Der Himmel über Berlin ist grau, als Wim Wenders anlässlich der Berlinale-Eröffnung erstmals vor die Presse tritt. Er ist der Präsident der Preisjury, die am Ende des größten deutschen Filmfestivals am 21. Februar den Goldenen Bären vergeben wird: „Wir müssen uns aus der Politik heraushalten“, sagte der 80-jährige deutsche Starregisseur Wenders („Perfect Days“, „Paris, Texas“). Denn wenn das Kino Filme mache, die dezidiert politisch seien, „begeben wir uns auf das Feld der Politik – doch wir sind das Gegengewicht zur Politik“.

Wenders reagierte damit auf Nachfragen zur Positionierung der Berlinale, die als das „politischste“ unter den großen Festivals gilt: „Wir müssen die Arbeit der Menschen machen und nicht die Arbeit der Politiker“. Wenn man sich die Nachrichten ansehe, verstehe man nichts, so Wenders: „Aber man weiß so viel mehr, wenn man aus dem Kino kommt und eine Person in ihrer Situation sieht, ihr Leiden erlebt und sieht, wie sie lieber leben möchte.“

Ähnlich sieht das Festivaldirektorin Tricia Tuttle. Die Amerikanerin verantwortet heuer zum zweiten Mal das Programm der Berlinale und ist darum bemüht, bei politischen Streitfragen – etwa dem Nahostkonflikt – zu deeskalieren und die Aufmerksamkeit auf die Filme zu lenken, denn: „Sie bieten uns die Möglichkeit, die Welt durch die Augen anderer zu zeigen.“ Zum Beispiel durch die Augen einer afghanischen Frau.

Erstmals wird die Berlinale mit dem Film einer afghanischen Regisseurin eröffnet – und mit der Wahl von „No Good Men“ von Shahrbanoo Sadat setzt Tuttle ein starkes, politisches Zeichen.

„No Good Men“ ist der dritte Film von Shahrbanoo Sadat, die als Tochter von afghanischen Flüchtlingen in Teheran geboren wurde und heute in Hamburg lebt. Ihre ersten beiden Arbeiten „Wolf And Sheep“ und „Kabul Kinderheim“ wurden in Cannes gefeiert. In „No Good Men“ übernimmt die Regisseurin auch gleich die Hauptrolle, ihr Drehbuchpartner Anwar Hashimi ihren Love Interest.

Valentinstag

Kabul steht im Februar 2021 kurz vor der Machtübernahme der Taliban. Naru, gespielt von Sadat, lebt mit ihrem kleinen Sohn getrennt von ihrem gewalttätigen Mann und arbeitet als Kamerafrau bei dem Fernsehsender Kabul News. Bei einer Straßenumfrage zum Valentinstag interviewt sie Frauen zu ihrem Verhältnis zu Männern. Auf die Frage „Gibt es in Afghanistan noch gute Männer?“ kommen vernichtende Antworten: „Ich kenne keinen Mann, der seine Frau wertschätzt.“

Gekonnt verbindet die Regisseurin ihre Kritik am Patriarchat mit fast dokumentarisch wirkenden Alltagsbeobachtungen zu einem leichtfüßigen Drama ohne Kitschalarm. Im Gegensatz etwa zum kürzlich erschienen Kabul-Thriller „13 Tage, 13 Nächte“ erzählt sie nicht nur strikt durch die Augen einer Frau, sondern bietet auch intime, gesellschaftliche Innenansichten.

Damit hat Tuttle mit der Wahl von „No Good Men“ als Eröffnungsfilm ein gutes Händchen für eine geglückte Mischung aus Publikumsunterhaltung und Tiefgang bewiesen. Nachdem die Berlinale in ihrer Wichtigkeit ohnehin hinter den Festival-Platzhirschen Cannes und Venedig an dritter Stelle kommt und beim Schaulauf der großen Stars oft das Nachsehen hat, setzt die Berlin-Chefin auf profiliertes Weltkino – mit dem Vorteil, dass sie im besten Fall für Entdeckungen sorgt. In jedem Fall zeigt sie großes Selbstbewusstsein, was die Auswahl ihres Wettbewerbsprogramms betrifft: „Wer hier nichts zum Lieben findet, liebt das Kino nicht!“

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