Berlinale: Charli xcx spielt sich selbst in der Mockumentary "The Moment"
Tansu Biçer und Özgü Namal in dem deutschen Wettbewerbsbeitrag „Gelbe Briefe“ von Ilker Çatak (Kinostart: 10. April).
Wofür steht die Berlinale? In der Eigendefinition des Filmfestival versteht es sich als dezidiert politische Veranstaltung. Dieses Selbstverständnis rührt aus der Zeit des Kalten Krieges, als Berlin noch eine geteilte Stadt war und sich als Ort des interkulturellen Austauschs verstand. So unterstützte die Berlinale aktiv immer wieder Filmschaffende wie die iranischen Regisseure Jafar Panahi und Mohammad Rasoulof oder den regimekritischen chinesischen Künstler Ai Weiwei.
Als Jury-Präsident Wim Wenders auf die Frage zur Positionierung der Berlinale zum Gazakrieg konstatierte, Filmemacher sollten sich aus der Politik heraushalten, sorgte seine Aussage in ihrer Verkürzung für Irritation. Die indische Autorin Arundhati Roy („Der Gott der kleinen Dinge“) sagte ihren geplanten Besuch bei der Berlinale ab, weil sie Wenders Aussage als „unerhört“ empfand.
Tatsächlich aber bietet das Festival gerade auch marginalisierten Stimmen viel Raum. Berlinale-Chefin Tricia Tuttle bewies ihr Engagement für Diversität schon allein mit der Wahl ihres Eröffnungsfilms „No Good Men“, der erstmals von einer afghanischen Frau stammte. Umgekehrt aber muss sich Tuttle immer wieder das Fehlen der „großen Namen“ im Programm vorwerfen lassen. Ein Hintergedanke für die Bestellung der Amerikanerin zur Festivalleiterin waren auch ihre guten Connections Richtung Hollywood. Aber im Februar sind die Stars mit Oscar-Kampagnen beschäftigt. Und Berlin zeigt zwischen Schnee, Regen und Rollsplit nicht gerade von seiner attraktivsten Seite. Nicht umsonst wird Tuttle von Journalisten gefragt, ob sie sich eine Verlegung des Festivals in den Sommer vorstellen könnte.
Ein großer Name, der trotz Schlechtwetter zur Berlinale anreiste, war Charli XCX. Der britische Popstar stellte die unterhaltsame Mockumentary „The Moment“ vor: Die Produktion des Hipster-Studios A24 feierte auf der Berlinale ihre internationale Premiere.
Charlotte Aitchison, wie Charli XCX mit bürgerlichem Namen heißt, entfachte mit ihrem sechsten Album „Brat“ (2024) einen unglaublichen Hype, der als „Brat Summer“ in die Popgeschichte einging.
Spielt sich selbst: Charli XCX in „The Moment“.
Wohin mit dem Kokain?
In „The Moment“ findet sich Charli XCX nun von einem Team umgeben, das diesen globalen „Brat“-Moment verlängern möchte – am besten mit einem Konzertfilm. Alexander Skarsgård spielt einen schleimigen Kommerz-Regisseur, der für Amazon einen familienfreundlichen Musikfilm drehen soll. Sofort kommt es zu Streitereien: Wenn in einem Song das Wort „Kokain“ verkommt, wie lässt sich das kinderfreundlich verpacken?
Charlie XCX schrieb am Drehbuch mit, Regie führte Aidan Zamiri, der bereits für sie und Billie Eilish Musikvideos gedreht hat. Begleitet von seiner coolen Handkamera, spielt sich Charli XCX selbst. Völlig uneitel, aber höchst temperamentvoll lässt sie sich zwischen ihrer künstlerischen Vision und dem Druck der Musikindustrie hin- und her reißen. Am Ende bleibt nur die äußere Hülle des Erfolgs über, aber: In „The Moment“ steckt mit Charlie XCX nicht nur eine tolle Sängerin, sondern auch eine Schauspielerin, von der man in Zukunft wohl noch mehr im Kino sehen wird.
Nicht nur Menschen können schauspielen, auch Städte. Berlin ist eine Hauptdarstellerin in dem packenden Wettbewerbsbeitrag des deutschen Regisseurs Ilker Çatak, dessen Erfolgsfilm „Das Lehrerzimmer“ für einen Oscar nominiert worden war. In seinem spannungsvollen Polit- und Ehedrama „Gelbe Briefe“ kann man zwar prominent den Berliner Fernsehturm erkennen, trotzdem befinden wir uns in Ankara.
Türkisches Theater
Der als Sohn türkischer Einwanderer in Berlin geborene Filmemacher erzählt die Geschichte eines türkischen Ehepaars im bürgerlichen Theatermilieu, ohne jedoch den Schauplatz zu verändern. „Berlin als Ankara“, heißt es mit großen Zwischentiteln, und die Handlung, die ausschließlich auf Türkisch erzählt wird und in Ankara ihren Ausgangspunkt nimmt, wurde unübersehbar in Berlin gedreht. Dort arbeitet das Ehepaar Derya und Aziz erfolgreich am Theater: Sie ist umjubelte Schauspielerin, er arrivierter Regisseur. Doch dann bekommen sie als oppositionelle Künstler Ärger mit einem namenlosen Regime, hinter dem man unschwer die Regierung Erdoğan erkennen kann; aber genauso unschwer lässt sich auch Berlin und später Hamburg, das für Istanbul einspringt, erkennen.
Ehe- und Politdrama "Gelbe Briefe" im Wettbewerb.
Dadurch, dass Çatak die deutschen und türkischen Städte ineinander blendet, verleiht er dem Vorwurf der „Parallelgesellschaft“, der oft gegen migrantische Communitys ins Feld geführt wird, einen Spin. Die Atmosphäre von Repression bekommt eine Allgemeingültigkeit, die über eine Kritik am türkischen Staat hinausgeht. Tatsächlich zeigt sich Çatak auch hinsichtlich der deutschen Verhältnisse beunruhigt und spricht in Interviews von einer „Engführung des Meinungskorridors“. Womit wir wieder bei der Politik – und der Berlinale wären.
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