Kultur
30.08.2018

Umstrittenes Gomringer-Gedicht verschwindet doch nicht von Fassade

„avenidas“ wird auf einer Edelstahl-Tafel im Sockelbereich der Fassade neu angebracht. Um Gedicht war Streit um Kunstfreiheit entbrannt.

Das lang debattierte Gedicht des Poeten Eugen Gomringer an der Fassade der Berliner Alice Salomon Hochschule soll nun doch nicht vollständig verschwinden. Gomringers Gedicht „avenidas“ werde auf einer Edelstahl-Tafel im Sockelbereich der Fassade neu angebracht, kündigte die Hochschule auf ihrer Internet-Seite an. Auf der Fassade selbst werde ein Gedicht der Lyrikerin Barbara Köhler zu lesen sein.

Dieses greife die Debatte um die angeblich sexistischen Zeilen Gomringers inhaltlich auf. Im Sockelbereich finde sich neben der rund einen mal einen Meter großen Tafel ein von Gomringer geschriebener Kommentar sowie ein Hinweis auf die Dokumentation zentraler Beiträge der Fassadendebatte, teilte die Hochschule weiter mit. Der Beschluss des Hochschulparlaments imJänner, Gomringers Gedicht zu übermalen, hatte zu einer bundesweiten Debatte um Sexismus und Kunstfreiheit geführt.

Das auf Spanisch verfasste Gedicht Gomringers stand seit 2011 an der Fassade. Es war umstritten, seit Studenten vor rund zwei Jahren die Verse in einem offenen Brief als frauenfeindlich kritisierten. Bei dem nur wenige Zeilen langen Gedicht ging es um den letzten Satz: „Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer“. Nach einer langen und teils erbittert geführten öffentlichen Diskussion beschloss das Hochschulparlament, das Gedicht bei einer Fassadenrenovierung in diesem Herbst übermalen zu lassen. Der Deutsche Kulturrat und die Schriftstellervereinigung PEN warnten in diesem Zusammenhang vor Zensur.

Die Fassade wird ab Mitte September saniert. Künftig soll darauf alle fünf Jahre das Werk eines neuen Poetik-Preisträgers der Hochschule zu lesen sein. In Barbara Köhlers Gedicht sind nach Angaben der Hochschule einzelne Buchstaben von „avenidas“ verwoben. Sie selbst nennt ihr Werk „ein Gedicht mit Vorgeschichte“. Es endet mit der Zeile „Bon dia und Good Luck“ (Guten Tag und viel Glück). In der Wochenzeitung „Die Zeit“ schreibt die Künstlerin dazu: „Ich habe den Vorschlag gemacht, der Hochschule ein Gedicht zu schenken, um eine Debatte, die nach meinem Dafürhalten gründlich schieflief, womöglich in eine andere Richtung zu bewegen, sie vielleicht ein bisschen ad absurdum zu führen.“