Kultur
11.02.2018

Zensurdebatten: Kunst, du Opfer

John William Waterhouse, "Hylas and the Nymphs (1896)" © Bild: imago/United Archives International/imago stock&people

Analyse: Kunst wird abgehängt, ein Gedicht übermalt. Bedenklich ist aber etwas ganz anderes.

Wie aufregend! Gleich zwei Mal durfte man sich in den letzten Wochen an die Kunstfreiheitsverteidigerbrust schlagen und Zensur rufen.

Ein Museum in Manchester hängte ein Bild ab, das nackte Nymphenbrüste zeigt. Und eine Berliner Hochschule will ein seit sechs Jahren auf einer Hausfassade zu lesendes Gedicht übermalen, weil es als diskriminierend gegenüber Frauen verstanden werden kann.

Das lässt, vor allem für den ständig aufregungsbereiten Social-Media-User, nur einen Schluss zu: Die politisch Korrekten wollen uns die Kunst verderben!

Wie bestellt, so geliefert: Heimische Autoren von der Nobelpreisträgerin abwärts wandten sich gegen die "Kulturbarbarei", wie die deutsche Kulturstaatsministerin Monika Grütters auch gleich pflichtbewusst festhielt. Der Dichter selbst, Eugen Gomringer (93), äußerte sich ebenfalls entsprechend.

Und wütende Kommentatoren kritisierten das Verschwinden des Nymphenbildes als Zensur. Nach viel Aufregung hängte die Manchester Art Gallery das Bild "Hylas and the Nymphs" von John William Waterhouse wieder auf. Die Brüste sind zurück, die Alten Meister auch im Kunsthistorischen Museum sicher vor wildgelaufenen Gutmenschenzensoren.

Lesen bildet

Abendland gerettet? Leider nein. Ziemlich im Gegenteil.

Vor allem die Diskussion um das Gemälde aus dem Jahr 1896 dokumentiert etwas überaus Beunruhigendes: Die sozialmedial unterfütterte Weigerung nämlich, gesellschaftspolitische Fragen in ihrer Komplexität zu erfassen. Die Aufregung um die Nymphen war ein purer Überschrifteneklat, weil es keiner der Diskutierenden über den Titel der Nachrichtenmeldungen hinaus geschafft hat. Im weiteren Text wäre erklärt gewesen, worum es eigentlich ging, nämlich um das Gegenteil dessen, worüber man sich aufregte. Die Abhängung sollte nämlich genau das thematisieren, was ihr dann entgegengehalten wurde: Dass andauernd fremdbestimmt wird, welche Kunst wir sehen, und dass die dazugehörigen Mechanismen im Dunklen bleiben. Auch, dass Kunst niemals frei von zeitlichem Kontext entsteht und auch nicht angeschaut wird.

Die Abhängung sollte eine Diskussion über Kuratorenmacht und Kunst und Geschichte anregen.

Das Resultat: Man rief nach einer Rückkehr der Brüste. Das ist in seiner brutalen Nuancenfreiheit erschreckend. Auch, weil man sich gar nicht vor Augen führen mag, dass wir gefährliche Debatten – über Flüchtlinge, Klimawandel – ebenfalls auf diesem Niveau führen. Der schnelle Klick, die schnelle Aufregung, die schnelle Erleichterung: Wir reagieren auf noch so komplexe Fragen wie auf Pornografie. Der schnelle Reiz zählt, und der liegt hier in der Empörung.

Und zum Gedicht: "Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer", heißt es darin, was kritisiert wird als pur männlicher Blick und Degradierung der Frau. Nein, man muss den hypersensiblen Studenten der Alice-Salomon-Schule in Berlin nicht zustimmen, die sich von den paar Zeilen bedroht fühlen. Im Gegenteil: Die Absolutsetzung persönlicher Befindlichkeiten im studentischen Umfeld ist ein grassierender Schaden für die Wissenschaft. Und die Unfähigkeit zur Kontextualisierung des Gedichts "avenidas" ist, wie Die Zeit aufschlüsselte, schlicht ein Zeichen der Beschränktheit: Gomringers Verse entstanden auf den Trümmern der Nachkriegszeit, als die Frage, wie man je wieder Schönheit und Glück finden sollte, eine andere Dringlichkeit hatte als heute. Damals war Diskriminierung nicht die wichtigste Frage. Was für ein hilfloses Aufbegehren gegen den allgegenwärtigen Sexismus, ausgerechnet auf dieses Gedicht abzuzielen.

Epa06211894 Detail of the words 'mujeres' (women) in the poem by Swiss-Bolivian poet Eugen Gomringer entitled 'Avenidas' in the… © Bild: EPA/FELIPE TRUEBA

Und trotzdem: Wer das Unwohlsein an dem Gedicht mit dem Rückgriff auf die Kunstfreiheit abschmettern will, drängt die Kunst in die Opferrolle. Man kann das ruhig als Triumph für die Poesie deuten, dass das Gedicht nach fast 70 Jahren manche Menschen so berührt, dass sie sich nur durch Übermalung zu wehren wissen.

Neue Fragen

Das ist das Gegenteil eines Opferzustandes: Dieses Gedicht wirkt im neuen zeitlichen Kontext vielleicht stärker denn je. Und es bietet Fragen an, die man sich ruhig stellen kann: Was, wenn das Antidiskriminierungsempfinden nach Jahrzehnten feministischer Arbeit wirklich noch so fragil ist, dass ein Gedicht es beschädigen kann?

An Stelle des Gedichts sollen andere, per Wettbewerb gekürte, garantiert diskriminierungsfreie an die Hausfassade kommen. Sicher ist: Die werden genauso wenig am gelebten Sexismus ändern wie Gomringers Verse.