Kultur
12.10.2018

Banksy: Geschreddertes Bild ist offiziell neues Kunstwerk

Die Käuferin will das Bild, das jetzt "Love is in the Bin" heißt, weiterhin haben

Das Bild eines Mädchens mit Ballon, das am 5. Oktober bei Sotheby's in London versteigert wurde und nach dem Zuschlag durch einen im Rahmen eingebauten Schredder gezogen wurde, wird zweifellos als großartige Darstellung des Wertsteigerungspotenzials des Kunstmarkts in die Geschichte eingehen. Dass Sotheby's am Donnerstagabend verkündete, dass die anonyme Käuferin, die bei der Auktion 1,04 Millionen Pfund (1,19 Mio. Euro) für das Werk des subversiven Künstlers Banksy bezahlt hatte, das Bild weiterhin haben wollte, konnte nicht überraschen: Das Werk hat seinen Wert durch die weltweit publizierte "Selbstzerstörung" vermutlich vervielfacht.

Ein Stück Kunstgeschichte

Sotheby's betonte auch, dass die Einrichtung "Pest Control" (wörtlich "Schädlingsbekämpfung"), die Werke des mysteriösen Künstlers authentifiziert, ein Zertifikat ausgestellt habe. Das Schredder-Bild heiße jetzt "Love is in the Bin" ("Die Liebe ist im Mistkübel") und sei "das erste Kunstwerk, das live während einer Auktion geschaffen wurde". Die Käuferin wurde mit dem Satz zitiert: „Als das Werk geschreddert wurde, war ich zunächst geschockt, doch allmählich fing ich an zu realisieren, dass ich an mein eigenes Stück Kunstgeschichte gelangt war.“

Das Auktionshaus, das das Bild am Samstag und Sonntag der Öffentlichkeit zugänglich machen will, erklärte in einer Aussendung auch, dass es sich glücklich schätze, auf die "lange und erlesene Liste" der Institutionen aufgenommen worden zu sein, die vom Künstler veräppelt wurden. Bisher hatte Banksy unter anderem im Louvre oder der Tate Aktionen gesetzt, bei denen er etwa seine eigenen Werke zwischen Museumsstücke hängte.  Das British Museum hat kürzlich jene falsche Steinzeit-Malerei, die Banksy einst im Museum platzierte, offiziell in seine Sammlung aufgenommen.

Wer vereinnahmt wen?

Die Schredder-Aktion vor diesem Hintergrund als eine Anklage des bösen, bösen kapitalistischen Kunstmarkts zu sehen, wäre naiv. Wie viele Kommentatoren anmerkten, ist die Aktion eher als Ode an den Kunstmarkt - oder genereller an die transformative Kraft der Kunst und ihrer Institutionen  - zu sehen. Ungeachtet ihrer zahlreichen Unterschiede sind Museen wie auch Auktionshäuser Orte, an denen Werte generiert werden - im Museum durch seine Beurteilung von Kuratoren, im Auktionshaus zunächst durch Schätzgutachten und dann durch das Bieterinteresse. Beide Institutionen "adeln" ihre Waren auf gewisse Weise -  durch kulturelle oder durch monetäre Wertschätzung.

Sich in diese Mechanismen einzuklinken und ihre Limits und Grenzen auszutesten, ist seit jeher ein durchgehendes Motiv in Banksys Werk. Dass der Künstler mit der unautorisierten Verwertung seiner für den Straßenraum geschaffenen Werke nicht einverstanden war, mag zutreffen, es bedeutet aber nicht, dass Banksy grundsätzlich ein marktfremder Künstler wäre.Von der Schredder-Auktion profitiert der Markt, die Käuferin und das Auktionshaus, das sich über unvergleichliche Publicity freuen kann.

Es bleibt die Frage, ob Banksy abseits der Aufmerksamkeit auch finanziell etwas vom Verkauf hat. Laut dem Katalogeintrag von Sotheby's sei das "Girl with A Balloon" 2006 geschaffen und von der Person, die das Werk zur Auktion einbrachte, "direkt beim Künstler" erworben worden. In diesem Fall stünde bei einem Künstler beim Wiederverkauf nur die so genannte Folgerechtsabgabe zu, die mit 12.500 € gedeckelt ist (diese EU-Regelung würde nach dem Brexit am britischen Kunstmarkt übrigens nicht mehr gelten).

Es ist freilich nicht ausgeschlossen, dass Banksy mit dem Einbringer ident ist oder mit diesem unter einer Decke steckt. In diesem Fall dürfte er sich über einen großen Teil des Preises abzüglich der vom Auktionshaus eingehobenen Abgaben freuen. Dieser "Hammerpreis" lag bei der Auktion bei 860.000 britischen Pfund.