Kultur
17.10.2016

"Armide" in der Staatsoper: Entzauberte Zauberin

Glucks "Armide" an der Wiener Staatsoper – szenisch schwach, musikalisch besser.

Um allfälligen Missverständnissen vorzubeugen: Es gibt gute Gründe dafür, dass die Wiener Staatsoper Barockopern in ihren Spielplan aufnimmt und auch immer wieder Originalklang-Ensembles zum Zug kommen lässt.

Und es ist auch kein Fehler, eine Oper wie Christoph Willibald Glucks 1777 in Paris uraufgeführte "Armide" szenisch zur Diskussion zu stellen. Nur bräuchte es dafür so etwas wie den Ansatz einer Interpretation. Der jedoch ist bei der ersten Saisonpremiere am Ring kaum auszumachen. Denn Regisseur Ivan Alexandre setzt bei diesem Werk bloß auf eine mehr oder weniger hübsche Bebilderung, statt in die Tiefe zu gehen.

Das ist schade, denn die Handlung ließe durchaus Raum für spannende, sogar aktuelle Deutungen. Immerhin geht es um die Zauberin Armide, die zur Zeit des Ersten Kreuzzuges als eine Art Sexfalle auf die Vernichtung der christlichen Ritter spezialisiert ist, ehe sie sich in einen von ihnen, einen gewissen Renaud, verliebt. Schauplatz des Geschehens ist Damaskus; das bereits zuvor von Jean-Baptiste Lully vertonte Libretto von Philippe Quinault böte auch genügend Gestaltungsansätze.

Geschlechtertausch

Ivan Alexandre aber hatte genau eine Idee. Bei ihm ist Armide in Wahrheit ein als Frau verkleideter Mann. So weit, so gut. Nur bringt das leider überhaupt nichts, außer einige halbherzige homoerotische Szenen. Dass sich nach der Pause selbst dieser "Kunstgriff" in Nichts auflöst und Armide dann optisch defintiv eine Frau ist, irritiert zusätzlich. Was man sonst noch sieht? Menschen mit Schildern und Schwertern, die vor einer rostbraunen Drehbühne oft in der Gegend herumstehen. Dieses von Pierre-André Weitz entworfene, extrem an die Ausstattung der Wiener "Chowanschtschina" erinnernde Bühnenkonstrukt dreht sich dank Computertechnologie hübsch vor sich hin, lässt sich brav auf- und einklappen und stört die vielen Tänzer (platt die Choreografie von Jean Renshaw) bei ihren Bewegungen nicht. Nur der solide Gustav Mahler-Chor ist aus Platzgründen in den Orchestergraben verbannt.

Grabenkämpfe

Dort aber spielt die Musik. Denn Dirigent Marc Minkowski und sein Ensemble Les Musiciens du Louvre sorgen – es gibt dankenswerterweise Striche – für einen meist vitalen, kämpferischen, oft melodisch zugespitzten, recht dynamischen Gluck-Klang. Alles was man nicht sieht, kann man so zumindest hören. Denn Minkowski zeigt, welche Dramatik dem Stück innewohnt, ist auch den Sängern ein wissender Partner.

Eine Unterstützung, die viele Protagonisten brauchen, denn vokal ist bei einigen noch Luft nach oben. Etwa bei Paolo Rumetz , Gabriel Bermúdez, Mihail Dogotari oder Bror Magnus Tødenes. Auch Hausdebütant Stanislas de Barbeyac verfügt als Renaud zwar über einen schönen, doch nicht allzu großen Tenor. Dennoch meistert er die Partie tapfer, wie auch Olga Bezsmertna, Hila Fahima oder Stephanie Houtzeel ihre Rollen ausfüllen.

Echte Glanzlichter setzt aber nur Gaëlle Arquez als vokal überragende Armide. Ihr sehr gut geführter Mezzo hat Kraft und lyrischen Schmelz. Arquez zeigt, wie aufregend diese Oper sein könnte.