Kultur
31.05.2018

Netrebko beim "Sommernachtskonzert": Ein Geschenk an die Welt

Kritik: Es war eines der besten Sommernachtskonzerte bisher, Netrebko und Gergiev glänzten.

Kaiserwetter in kaiserlichem Ambiente und ein imperialer Hörgenuss – auf diesen Nenner lässt sich das diesjährige Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker in Schönbrunn bringen.

Zum bereits 15. Mal bat das Wiener Weltklasse-Orchester zum Gratis-Open-Air-Konzert in den Schlosspark Schönbrunn; wie jedes Jahr nützen rund 100.000 Menschen die Gelegenheit, die Wiener live zu erleben. Wobei heuer der Andrang der Massen besonders groß war: Man stand bis zur Gloriette.

Vokale Virtuosität

Nicht nur, weil mit Valery Gergiev wieder ein absoluter Top-Dirigent am Pult der Wiener Philharmoniker stand. Sondern auch, weil mit Anna Netrebko die wohl großartigste Sängerin der Gegenwart zu erleben war.

So brillierte sie als aus Giacomo Puccinis Tosca beim berühmten „Vissi d’arte, vissi d’amore“ und gab „O mio babbino caro“ aus „Gianni Schicchi“, ebenfalls von Puccini, als erste Zugabe.

Stand doch das Konzert unter dem Motto „Eine italienische Nacht“: Dafür steuerte die Ausnahmekünstlerin weitere populäre Arien bei, „deren Inhalt leicht zu erfassen“ war. Nämlich: „Io son l’umile ancella“ aus der Oper „Adriana Lecouvreur“ von Francesco Cilea (besonders der Schluss war phänomenal) oder auch „Stridono lassù“ aus Ruggero Leoncavallos „Bajazzo“. Die hoch dramatischen Stücke sind wie geschaffen für Netrebkos großen, prächtigen, herrlich mit Klangfarben jonglierenden Sopran.

Technisch ist Netrebko ohnehin konkurrenzlos; als Interpretin ist sie aber ebenfalls einzigartig. Man müsse „mit dem ganzen Herzen dabei sein“, betonte Netrebko im Vorfeld. Und ja, diese Künstlerin – sie trug drei verschiedene Kleider für drei Arien – ist mit dem ganzen Herzen dabei, zaubert vollendete Töne aus ihrer Kehle, wird im jeweiligen Augenblick zu jener Figur, deren Schicksal sie gerade besingt.

Effektvolle Emotionen

Dass die Wiener Philharmoniker und Dirigent Valery Gergiev ideale Partner bei dieser vokalen wie emotionalem Leistungsschau waren, versteht sich. Und Gergiev ist auch ein Dirigent, der Effekte zu setzen versteht, der jede Dramatik auskostet. Etwa beim „Triumphmarsch“ aus Giuseppe Verdis „Aida“, bei dem so süffigen Intermezzo aus Pietro Mascagnis „Cavalleria rusticana“ oder der Ouvertüre zu Verdis „La forza del destino“.

Für russische Italianità und besonderen Glanz sorgten Gergiev und die Philharmoniker bei dem „Neapolitanischen Tanz“ aus Tschaikowskys Ballett „Schwanensee“ oder auch bei einem Auszug aus Sergej Prokofjews zweiter „Romeo und Julia“-Suite. Rossinis Ouvertüre zu „Guillaume Tell“ , die Ballettmusik aus „Aida“ sowie das Intermezzo aus Puccinis „Manon Lescaut“ rundeten das offizielle Programm ab.

Weltweiter Widerhall

104.000 Besucher waren offiziell vor Ort, ORF 2 übertrug live-zeitversetzt in an die 90 Länder. Zumindest als TV-Zuseher musste man sich keine Gedanken über akustische Fragen (in Schönbrunn trotz größter Bemühungen immer sehr abhängig vom jeweiligen Standort) machen. Insgesamt war es eines der besten Sommernachtskonzerte bisher, zündend, ohne plakativ zu sein. Viel Jubel.