Während die Bundestheater große Finanzprobleme haben, ordnet Wien seinen Theaterkonzern neu: Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) und Klaus Werner-Lobo (Grüne)

© KURIER/Rainer Eckharter

Beschluss der Stadtregierung
10/28/2014

Alles neu bei den Vereinigten Bühnen

Drei-Jahres-Vertrag zur finanziellen Absicherung – "Wunderwuzzi" gesucht.

von Gert Korentschnig

Was Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) und Wiens Grüner Kultursprecher Klaus Werner-Lobo im KURIER-Interview präsentieren, ist zukunftsweisend für die Vereinigten Bühnen Wien (VBW) und gleicht einer künstlerischen Revolution: Es bleibt "kein Stein auf dem anderen" (Werner-Lobo).

Die Beschlüsse der rot-grünen Stadtregierung für die VBW, zu denen vier Bühnen (Theater an der Wien, Ronacher, Raimundtheater und Kammeroper) gehören, im einzelnen:

– Es gibt mit den VBW einen Drei-Jahres-Vertrag, der die Höhe der Subventionen regelt. Im Jahr 2015 werden es 42 Millionen Euro sein, im Jahr 2016 dann 41 Millionen, für 2017 sind 40 Millionen budgetiert. Mailath-Pokorny: "Damit ist der große Wiener Theaterkonzern finanziell abgesichert. Und das in Zeiten, in denen das nicht selbstverständlich ist."

Mehr für die freie Szene

– Gleichzeitig wird ein Fonds für innovative Kulturprojekte in Wien eingerichtet, der mit einer siebenstelligen Summe dotiert sein soll. Werner-Lobo: "Somit gibt es auch mehr Geld für die freie Szene, die zu Recht immer wieder über zu geringe Mittel klagt." Diese hatte zuletzt die Erhöhung der Subvention für die VBW von 37 auf 42 Millionen (zur Rettung des VBW-Orchesters) massiv kritisiert.

– Die Chefpositionen werden neu ausgeschrieben: Gesucht wird ein künstlerischer sowie ein kaufmännischer Leiter oder jeweils eine Leiterin für den Gesamtkonzern. Im Laufe des Jahres 2015 sollen dazu die Entscheidungen getroffen werden.

Zur Zeit gibt es einen Generaldirektor (Thomas Drozda), einen Opernintendanten (Roland Geyer) und einen Musical-Chef (Christian Struppeck). Die Verträge von Drozda und Geyer laufen bis 2018, jener von Struppeck bis 2017. In Zukunft soll es idealerweise nur noch einen künstlerisch Verantwortlichen für alle vier Theater sowie einen kaufmännischen Leiter geben. Mailath-Pokorny: "Wir suchen einen Wunderwuzzi oder eine Wunderwuzzin. Wir schließen aber nicht aus, dass es, wenn wir niemanden finden, weiterhin zwei Intendanten geben wird."

Falls ab 2018 nur noch eine Person die künstlerische Verantwortung für die VBW trägt, bedeutet das, dass im Theater an der Wien auch wieder einmal Musical gespielt werden könnte. Seit 2006 ist dieses Haus exklusiv der Oper gewidmet.

Mailath-Pokorny versteht die Ausschreibung keinesfalls als Misstrauensvotum gegenüber den bisherigen Verantwortungsträgern: "Alle sind herzlich eingeladen, sich zu bewerben." Die Vereinigten Bühnen stünden sehr gut da, die Auslastung von "Mary Poppins" betrage aktuell 95 Prozent, die Opernerfolge des Theaters an der Wien sorgen international regelmäßig für Aufsehen.

Zu den Subventionen sagt Mailath-Pokorny: "Aufgrund der Geldentwertung wird das ja eigentlich jedes Jahr weniger." Durch diese Reduktion des Zuschusses sei man zu effizientem Arbeiten und zu Einsparungen gezwungen – "ohne die künstlerische Qualität zu opfern".

Offenlegung der Gagen

In Zukunft werden die Gehälter der VBW-Chefs auch offen gelegt. Über deren Höhe hatte es stets Spekulationen gegeben. Mailath-Pokorny und Werner-Lobo freuen sich über den gemeinsamen Beschluss und beruhigen mögliche Kritiker: "Das Geld für die VBW und für den neuen Fonds kommen nicht aus dem Kulturbudget. Es gibt also insgesamt eine Erhöhung."

Künstlerische Vorgaben an die neuen (oder alten?) VBW-Chefs werde es von politischer Seite nicht geben. Der Grüne Kultursprecher nennt jedoch ein Beispiel: "Dass eine Produktion wie ,Natürlich Blond’ eingekauft und dann in Wien abgespielt wird, verstehen wir nicht unter innovativer Programmgestaltung. Das könnte ein Privatunternehmen auch. Uns geht es um die Künstler in Wien, um gesellschaftspolitischen Diskurs in der Stadt."

Mailath-Pokorny wiederum ist davon überzeugt, dass die neue Lösung für mehr Flexibilität sorgen wird und kann sich im Ronacher auch einen "Semi-Stagione-Betrieb und nicht nur Long-Run-Musicals" vorstellen. Er wünscht sich "zeitgemäßes Musiktheater ohne starre Genregrenzen".

Zuletzt hatte die Gefahr einer Schließung eines Theaters oder von Kündigungen bestanden. Mailath-Pokorny: "Dazu wird es nun nicht kommen." Werner-Lobo: "Ein denkmalgeschütztes Haus kann man nicht aufgeben. Man darf doch nicht, auch wenn wir Grünen die VBW oft kritisiert haben, zerstörerisch tätig werden, wenn es eine gute Lösung gibt." Mailath-Pokorny: "Die Alternative wäre eine Auflösung oder Zerschlagung gewesen. Das wäre nicht nur künstlerisch sinnlos, sondern auch wahnsinnig teuer."

Unterhaltungskonzern von Barockoper bis "Mamma Mia"

Theater an der Wien, Raimund Theater und Ronacher wurden 1987 unter dem gemeinsamen Dach der Vereinigten Bühnen Wien, einem Unternehmen der Wien-Holding, zusammengeführt. Neuerdings gehört auch die Kammeroper zum Theater an der Wien.

Heute setzen 750 Mitarbeiter, ein Drittel davon im künstlerischen Bereich, jährlich rund 65 Mio. Euro um. Die Sparte Musical hat rund 500.000 Besucher pro Jahr im Inland und etwa doppelt so viele im Ausland. Denn seit 1996, als „Elisabeth“ als erste VBW-Produktion nach Japan ging, ist das Wiener Musical ein wichtiger Exportartikel.

Die Opernproduktionen und -gastspiele haben 100.000 Besucher jährlich. Das Theater an der Wien – seit 2006 unter der Intendanz von Roland Geyer – war bis 2005 dem Musical gewidmet und wurde mit dem Mozartjahr 2006 wieder seiner Bestimmung als Opernhaus zugeführt. Seither spielt es als Stagione-Theater des 21. Jahrhunderts Opern vom Barock bis zur Moderne.

An der Spitze der Musicalsparte steht seit 2012 der Berliner Christian Struppeck als Nachfolger von Kathrin Zechner. Aber die Besucherzahlen beim Musical sind rückläufig. Zuletzt gab dennoch die Idee einer Musicalbühne beim Hauptbahnhof. Falls eine solche kommt – sicher nur als Privatinitiative und ohne Steuergeld.

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