Al Cook in Berlin: „Ich kann keine einzige Note lesen“

Al Cook spielt sich selbst in dem Porträtfilm „The Loneliest Man in Town“ von Tizza Covi und Rainer Frimmel im Wettbewerb der Berlinale.
Al Cook spielt Gitarre.

"Wenn man in Wien lebt und Blues mag, kommt man an Al Cook nicht vorbei“, sagte Tizza Covi auf der Pressekonferenz in Berlin über die Begegnung mit dem Star ihres neuen Films, den sie gemeinsam mit Partner Rainer Frimmel drehte: „The Loneliest Man in Town“ feierte auf der Berlinale Premiere und ist nach Markus Schleinzers „Rose“ der zweite, hochkarätige österreichische Beitrag im diesjährigen Wettbewerb.

Al Cook, geboren 1945 als Alois Koch, spielt sich selbst in einem hinreißenden Porträtfilm, der – wie oftmals die Arbeiten von Covi und Frimmel – sich an der Grenze zwischen Spielfilm und Fiktion seinen Weg bahnt. Beobachtet wird der Musiker in seiner mit Memorabilia vollgeräumten Wohnung in der Ungargasse 4, wo sich auf einem alten Plattenspieler eine Blues-Scheibe dreht. Von Robert Johnson bis Elvis Presley findet sich alles in der Sammlung. Cook selbst hat sich in seinem Rockabilly-Erscheinungsbild eindeutig Elvis zum Vorbild genommen. Sorgfältig kämmt er sich seine Stirnlocke nach hinten und fixiert sie mit Haarspray.

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Rainer Frimmel und Tizza Covi im Berlinale-Wettbewerb in "The Loneliest Man in Town“. 

Wiener Blues-Legende

Tizza Covi und Rainer Frimmel haben um die Wiener Blueslegende eine melancholische Erzählung gesponnen, die zu Weihnachten beginnt. Einsam zündet sich „The Loneliest Man in Town“ die Kerzen am Christbaum an, als plötzlich das Licht ausgeht. Ja, mit solchen Schikanen müsse er rechnen, erklärt ihm die Dame vom Mieterschutz. Al Cook ist der letzte Mieter in einem Wohnhaus, das abgerissen wird. Prompt stehen zwei ältere Wiener Strizzis vor seiner Tür, die ihm freundlich, aber bestimmt drohen: Sollte er nicht ausziehen, dann würde er bald nicht nur im Dunkeln, sondern auch im Kalten sitzen. Seufzend beschließt Al Cook, seine Wohnung aufzulösen, Wien zu verlassen und nach Amerika zu übersiedeln – ins Mississippi-Delta, der Wiege des Blues. „Ich war noch niemals in Amerika“, erzählt Cook auf der Pressekonferenz und erntet Gelächter mit dem Zusatz: „Manche sagen zu mir: Ich bin der Karl May des Blues.“

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Muss seine Wohnung räumen: Al Cook in "The Loneliest Man in Town“.

Eigentlich wollte er als junger Mann Wissenschaftler werden, doch seine Eltern konnten ihm kein Studium finanzieren. Stattdessen wurde er Feinmechaniker. An seinem unglücklichen ersten Arbeitstag ging er ins Kino, sah sich einen Film mit Elvis Presley und verschrieb sich daraufhin mit Haut und Haar dem Rock ’n’ Roll und später dem Blues. Als Al Cook trat in Lokalen wie dem Jazzland auf und konzertierte mit Persönlichkeiten, die Robert Johnson noch persönlich gekannt hatten. „Ich habe mir alles selbst beigebracht“, sagt der Gitarrist, der seit über sechzig Jahren auf der Bühne steht: „Ich kann keine einzige Note lesen.“

All diese Fakten erfährt man im Film nur am Rande. Verlust und Einsamkeit ließe sich nicht mit vielen Dialogen erzählen, meint Regisseurin Tizza Covi: „Wir wollten in sein Inneres schauen.“

Samstag Abend wird die Berlinale-Jury unter Wim Wenders die Bären vergeben. Sowohl Schleinzers „Rose“ als auch „The Loneliest Man in Town“ haben gute Preis-Chancen.

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