Kultur
12.01.2019

Adele Neuhauser und die Suche nach der Wahrheit

Die Schauspielerin Adele Neuhauser wird 60 und ermittelt zum 20. Mal im "Tatort" (Sonntag, 20.15 Uhr, ORF2). "Wahre Lügen" ist der politischste Fall seit Langem.

Adele Neuhauser feiert am 17. Jänner ihren 60. Geburtstag. Ein großes Geburtstagsfest ist nicht geplant, „obwohl ich diesmal wirklich eines schmeißen wollte“, wie sie dem KURIER sagte. „Aber es geht sich nicht aus, weil ich da mit meinem Sohn und seiner Band in Baden (Cinema Paradiso, Anm. d. Red.) für eine Lesung auf der Bühne stehe.“

Die Schauspielerin feiert aber nicht nur einen runden Geburtstag, sondern ermittelt heute, Sonntag, um 20.15 in ORF 2 bereits zum 20. Mal als Bibi Fellner im „Tatort“.

KURIER: Warum ist Ihr 20. Fall mit dem Titel „Wahre Lügen“ ein gelungener Krimi?
Adele Neuhauser:
Das Drehbuch ist hervorragend geschrieben. Thomas Roth hat toll recherchiert und inszeniert. Für mich ist es ein klassischer Krimi mit beeindruckenden Bildern und düsteren Momenten. Wir haben dafür auch im Österreichischen Staatsarchiv gedreht. Das war unglaublich aufregend. Dort liegen nämlich aktenweise spannende Geschichten herum.

Auch der Fall Karl Lütgendorf aus den 70er-Jahren, der bis heute nicht zur Gänze geklärt wurde und mit dem Thomas Roth dem „Tatort“ einen realistischen Unterbau verpasst ...
Ja, der liegt auch dort. Im Vergleich zu anderen, ausführlich dokumentierten Fällen ist die Mappe über Lütgendorf äußerst dünn. Man wird das Gefühl nicht los, dass da etwas unter Verschluss gehalten wird.

In „Wahre Lügen“ geht es um ...
... Macht, persönliche Bereicherung und Freunderlwirtschaft. Eine Hand wäscht die andere. Alles sehr österreichisch. Daran hat sich auch in den vergangenen Jahren nicht viel geändert, wenn man aktuelle Fälle betrachtet. Nehmen wir zum Beispiel die BVT-Affäre rund um die Razzia im Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung. In diesem Fall weiß die Bevölkerung auch nicht genau, was da jetzt wirklich passiert ist. Daher gilt es, bei der Wahrheitsfindung hartnäckig zu bleiben.

Die Wahrheit rauszufinden, kann auch sehr gefährlich sein.
Stimmt. Thomas Roth war bei seinen Recherchen auch sehr vorsichtig. Zu viel Wissen kann ja gefährlich sein, wie die kürzlich begangenen Morde an Journalisten zeigen. In Österreich ist die Pressefreiheit zwar noch unantastbar, aber es gab zuletzt auch immer wieder kleinere Irritationen.

Sie trotzen als Bibi Fellner in „Wahre Lügen“ dem Widerstand von oberster Stelle. Sind Sie privat auch so hartnäckig?
Ja, das bin ich schon, vor allem dann, wenn ich Sachen für mich erledigt haben möchte, Probleme lösen muss. Aber ich bin keine Kriminalbeamtin, und ich würde diesen Beruf auch nicht machen wollen. Aber ich mag es, dass ich im „Tatort“ die Möglichkeit habe, gegen Macht anzukämpfen. Das gefällt mir auch am besten an der Bibi. Sie hat viel Zivilcourage, ein großes Herz und setzt sich für die Wahrheit, für Gerechtigkeit und die Schwächeren ein. Sie ist nicht perfekt, nicht geschleckt, hat Empathie und Humor.

Würden Sie im Alltag gerne mehr Bibi Fellner sein?
Ich habe mir manchmal gewünscht, mehr Julie Zirbner zu sein, die ich in „Vier Frauen und ein Todesfall“ verkörpere. Denn die Zirbner ist noch respektloser als die Bibi und hat wirklich die Chuzpe weg. Aber das bin nicht ich. Mir geht es darum, dass ich ein guter Mensch und mit mir im Einklang bin. Wenn man mit sich im Reinen ist, ist man auch kein leichtes Fressen für irgendeine Propaganda.

Hat Ihnen das Schreiben Ihrer Autobiografie bei der Selbstfindung geholfen?
Dieses Buch zu schreiben, sich zu öffnen, war kein einfacher, aber ein sehr wichtiger Schritt. Durch die Autobiografie habe ich noch einmal sehr viel über mich gelernt. Es war für mich wie eine Psychotherapie, die mir bei der Bewältigung, Verarbeitung der vergangenen Jahre, die nicht einfach waren, geholfen hat.

In ihrer Autobiografie steht, dass Sie immer wieder Pro und Kontra-Listen anfertigen. In welcher Situation machen Sie das?
Bei wirklich schwierigen Fragen, Entscheidungen und in Situationen, in denen ich nicht bloß meinem Bauchgefühl vertrauen, sondern wirklich abwäge möchte, mache ich das. Zum Beispiel bei der endgültigen Trennung von meinem Mann. Da wollte ich auch mit mir hart ins Gericht gehen. Das war nicht einfach, aber hat mir am Ende sehr geholfen.

Führen Sie Tagebuch?
Nein, aber ich habe das in jungen Jahren eine Zeit lang gemacht. Leider habe ich zu schnell damit aufgehört. Das bedauere ich ein bisschen. Denn man erfährt beim Schreiben viel über sich, kann seine Gedanken und Gefühle ordnen und durch das Hinschreiben wirklich etwas zu Ende denken.

Schreiben Sie gerade an anderen Sachen, vielleicht an ihrem ersten Drehbuch?
Es ist zwar noch nichts spruchreif, aber ich schreibe tatsächlich an einer Geschichte. Den Wunsch, einen eigenen Film zu machen, habe ich schon länger.

Wandern ist ein Hobby von Ihnen. Hat das Gehen eine therapeutische Wirkung?
Auf jeden Fall. Durch das Gehen relativieren sich manche Probleme – einfach Teil der Natur zu sein, abzuschalten und sich zu spüren. Dazu kommt die körperliche Anstrengung. Ich mag es, schnell zu gehen. Deshalb macht es auch keinen Spaß, mit mir spazieren zu gehen. Ich wandere nicht, ich rase durch die Landschaft.

Sind Sie eine Getriebene, oder können Sie auch einmal richtig faulenzen?
Ein Tag, an dem ich so wirklich gar nichts mache, finde ich vergeudet. Nur im Pyjama zu Hause herumliegen ist nichts für mich. Man muss ich einmal im Tag schon ordentlich anziehen und das Haus verlassen. Ein bisschen rausgehen, sich mit anderen Menschen unterhalten, das tut meiner Seele gut. Das ist wichtig für mich.

Zuletzt wurden Sie viel mit dem Tod konfrontiert. Wie sehr hat das ihr Leben verändert?
Durch den Tod meines Vaters, meiner Mutter und meines Bruders habe ich zuletzt die Endlichkeit extrem erfahren. So etwas verändert den Blick aufs Leben - und das ist auch das Großartige am Leben: Man kann auch aus negativen und traurigen Momenten viel Positives herausziehen.

Sie sind in Griechenland aufgewachsen und mit vier Jahren nach Österreich gekommen. Fehlt Ihnen Griechenland. Singen Sie gar öfters den STS-Song „Irgendwann bleib i dann dort“?
(lacht) Nein, ich singe höchstens ein altes griechisches Fischerlied. Und ja, mir geht Griechenland ab.  Ich habe mir auch fix vorgenommen, in Zukunft wieder mehr Griechenland zu leben. Ich schäme mich dafür, dass ich die Sprache nicht mehr wirklich kann. Aber ich muss mich dem jetzt einfach stellen und mir das wieder aneignen.

Sie sind Teil des Dramas „Brecht“, das bei der Berlinale Weltpremiere feiert. Welche Rolle spielen sie in diesem TV-Zweiteiler?
Es geht um Brecht und seine Frauen, in Szene gesetzt von Heinrich Breloer, den man "Die Manns" „Speer und er“ kennt. Ein hartnäckiger Recherchierer, der über sechs Jahre ausführlich mit Brechts Leben auseinandergesetzt hat. Tom Schilling spielt den jungen, Burkhard Klausner den alten Brecht, an dessen Seite ich die ältere Helene Weigel mime. Sie ist eine Schauspielerin, ein Mensch, die auf ihre Art und Weise das Erbe Brechts bis zu ihrem Tod fortgeführt und gelebt hat. Ich war sofort Feuer und Flamme für dieses Projekt und bin schon sehr über das Endergebnis gespannt. Gesehen habe leider selbst noch kaum etwas.

Welche persönlichen Berührungspunkte haben Sie mit Brecht?
Berthold Brecht ist eine sehr spannende Persönlichkeit. Ich mag besonders gerne seine Lyrik und seine Gedichte. Daher kann ich Helene Weigel gut verstehen, warum sie sich in ihn verliebt hat.

Haben Sie Wünsche für das noch junge Jahr 2019?
Wünsche gibt es genug. Aber ich lasse die Dinge eher auf mich zukommen, damit bin ich in letzter Zeit einfach besser gefahren. Denn immer dann, wenn ich selbst meiner Karriere einen Schubs nach vorne geben wollte, ist das nach hinten losgegangen. Das Schöne ist zu wissen, dass ich 2019 wieder zweimal für den „Tatort“ im Einsatz sein werd. Das gibt mir ein Gefühl der Sicherheit.

Vorausgesehen: "Wahre Lügen"

Im neuen „Tatort“ von Regisseur und Drehbuchautor Thomas Roth geht es um einen aktuellen rätselhaften Todesfall: Eine Aufdeckerjournalistin wird  mit ihrem Auto aus einem Salzkammergut-See gefischt. Bibi Feller (Neuhauser) und Moritz Eisner (Krassnitzer) reisen zur Aufklärung an, werden aber bald auch mit einem historischen rätselhaften Todesfall konfrontiert: Dem Mord an oder Selbstmord von (so genau weiß man das bis heute nicht) Karl Lütgendorf, dem ehemaligen Verteidigungsminister, einer schillernden Persönlichkeit Ende der 1970er-Jahre, der in Waffengeschäfte verstrickt war.

Roth verknüpft die beiden Fälle äußerst raffiniert, das Ergebnis ist ein hochpolitischer „Tatort“ mit großer Sprengkraft – es wäre nicht verwunderlich, wenn es danach sogar politische Proteste gäbe. Was wurde damals, bei Lütgendorf, unter Verschluss gehalten, weil zu viele Menschen involviert waren? Was wird heute noch  unter Verschluss gehalten, bei einstigen und heutigen Fällen? Ohne je zu explizit zu werden, schwingt in vielen Sequenzen das Thema BVT mit. Man sieht während der Ermittlungen Pferde durch den Prater reiten. Und kann sogar bei manchen Rollen Ähnlichkeiten mit aktuellen Politikern erkennen. Exzellent: Robert Hunger-Bühler und Emily Cox. (Text: Gert Korentschnig)

Zum 60er

Adele Neuhauser im Fernsehen: Die fünfmal als „Beliebteste Schauspielerin“ mit der  ROMY ausgezeichnete Adele Neuhauser ist  heute um 20.15 in ORF2 im neuen „Tatort“ zu sehen.
ORFIII zeigt am 18. Jänner (20.15) die Gaunerkomödie „Der Heiratsschwindler und seine Frau“, um 21.50 ist sie bei   Menschenkinder“, um 22.55 in „Arme Millionäre“ zu sehen.  Am 22. Jänner   ist  sie in erLesen zu Gast.

Adele Nauhauser liest: Die Schauspielerin wird an folgenden Terminen mit dem Edi Nulz Trio auftreten und aus ihrer Autobiografie „Ich war mein größter Feind“ lesen:
16. 1. in St. Pölten (Cinema Paradiso)
17. 1. in Baden (Cinema Paradiso)
18. 1. in Deutsch-Wagram  
 31. 1 im Wiener Musikverein

Mehr Termine:
www.edi-nulz.com