Ralph Fiennes im Drogenrausch: "28 Years Later: The Bone Temple"

Ralph Fiennes
Nach dem fulminanten Auftakt folgt mit "28 Years Later: The Bone Temple" die blutrünstige, aber emotional weniger packende Filmfortsetzung.

Willkommen im Albtraum. Der Zombie-Horror-Trip „28 Years Later“ geht Richtung „The Bone Temple“ weiter.  Mit „28 Years Later“ hatten  Regisseur  Danny Boyle und  Drehbuchautor Alex Garland an ihren Zombie-Hit „28 Days Later“ von 2002 angeknüpft und fulminant einen  blutigen Meilenstein zu einer neuen Virus-Trilogie gelegt. 

Für die Fortsetzung zog sich Danny Boyle nun auf die Produzentenrolle zurück und übergag die Regie an Nia DaCosta, eine Spezialistin für Schwarzen Horror à la "Candyman“. Und dass DaCosta nicht zimperlich, beweist sie gleich zimlich am Anfang. Ein besonders gefährlicher Alpha-Zombie namens Samson reißt einem unvorsichtigen Menschen  den Kopf ab, drückt ihm die Augen heraus und beißt in seinen Schädel hinein wie in einen Apfel. 

Wer gerade seine Hand in die Popcorn-Box stecken wollte, wird sie wohl  wieder herausziehen müssen – so grauslich ist der Anblick.

Über weite Strecken steht in  „28 Years Later: The Bone Temple“ das Verhältnis zwischen Menschen und Zombies aber nur indirekt auf dem Spiel. Drehbuchautor Alex Garland stellt stattdessen eine Schlägertruppe von Jugendlichen ins Zentrum, die – als  Update zu Stanley Kubricks „Uhrwerk Orange“ – ihre Umgebung brutal tyrannisiert. Ihr Anführer, genannt Sir Lord Jimmy Crystal,  überlebte vor 28 Jahren einen Zombie-Angriff, als er gerade den Teletubbies im Fernsehen zusah. Seitdem hält er sich für den Sohn  Satans. 

Jack OConnell mit seiner Bande.

Jack O'Connell (Mitte) als satanischer Anführer einer gewalttätigen Bande.

Jack O’Connell verkörpert den sadistischen Anführer im Trainingsanzug mit Goldkette und schlechten Zähnen. Und wer das britische Gesundheitssystem und seinen Zahnärztemangel kennt, kann über diesen kleinen Seitenhieb kichern. Nichts zu lachen hingegen hat der 12-jährige verwaiste Spike, den Jimmy in einer zähen Gewaltszene zu einem brutalen Zweikampf zwingt. Ohnehin bleibt der Gräuelfaktor sehr hoch, dafür sorgen  nicht nur ein paar genre-übliche Bilder von zuckenden Zombies und zerstückelten Leichen, sondern vor allem die blutigen Folterrituale von Jimmy Crystal und seiner abgefahrenen Gaga-Gang. 

Die Truppe killt nämlich nicht nur Zombies, sondern auch Menschen –  langsam und qualvoll. Genüsslich und manchmal etwas langatmig treibt DaCosta  das  Klischee von einer (britischen) empathielosen (TikTok)-Jugend auf eine grausam-ironische Spitze, die zwischen Satanskult und Verblödung gipfelt.

Ralph Fiennes und Jack O'Connell.

Atheist und Satanist: Ralph Fiennes und Jack O'Connell in "28 Years Later: The Bone Temple“.

Was „28 Years Later“, Teil eins, allerdings so großartig machte, war die extrem effektvolle Mischung aus Zombie-Horror und Coming-of-Age-Melodram. Die nicht-infizierten Menschen entwickelten in ihrer postapokalyptischen Welt unterschiedliche Kampfrituale, um zu überleben. Einzig der Arzt Dr. Ian Kelson hielt den Gewaltkulturen entgegen, indem er nach  Erinnerungen an das suchte, was Menschen vor Ausbruch des Virus zu Menschen machte. Anders als die anderen Nichtinfizierten, geht er nicht auf Zombie-Jagd, sondern schlichtet die Knochen aller Verstorbenen zu einer Art Mahnmal – dem titelgebenden „Bone Temple“.  

Ralph Fiennes spielte den Hohepriester der Totenschädel mit der Wucht des gelernten Shakespeare-Darstellers. Innerhalb des größten Zombie-Gemetzels gelang es ihm, das tief empfundene Drama zwischen einer sterbenden Mutter und ihrem  kleinen Sohn Spike  zu entfesseln. Die große Bandbreite an Gefühlen, die zwischen Horror, Ekel und Trauer über das Publikum hereinbrach, erwies sich als überwältigend im besten Sinne.

Chi Lewis-Parry und Ralph Fiennes.
Zombie Samson (Chi Lewis-Parry) und Dr. Kelson (Ralph Fiennes). 
 

 

Die Fortsetzung kann – trotz Ralph Fiennes und der unbezwingbaren Spielstärke von Jack O'Connell –  die emotionale Steilvorlage nicht erreichen. Sie liefert eher eine  gewaltmonotone Plateauwanderung zwischen Teil eins und dem angekündigten dritten Teil  – mit herausragenden Show-Stoppern. Zu denen zählt unter anderem wiederum Ralph Fiennes: Als rotgefärbter Glatzkopf Kelson kippt er mit seinem nackten Lieblingszombie Samson in einen Morphiumrausch oder vollführt im Feuerkreis des Knochentempels einen Veitstanz zur dröhnenden Metal-Musik von Iron Maiden. Kein Wunder, dass ihn die Satanisten für den Teufel höchst persönlich halten.

INFO: GB/USA 2026. 109 Min. Von Nia DaCosta. Mit Ralph Fiennes, Jack O'Connell.

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