WWTF-Chef Stampfer: „Wir müssen mehr Gas geben“

Michael Stampfer, Geschäftsführer des Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds über den Wissenshunger von Forschenden, fehlendes Risikokapital und die Bedeutung von Wissenstransfer.
Interview mit Michael Häupl, Markus Hengstschläger und Michael Stampfer

Die Wechselwirkung von wissenschaftlicher Innovation und wirtschaftlichem Wachstum ist unbestritten. Österreich zeigt sich forschungsstark, doch wenn es darum geht, wissenschaftliche Erkenntnisse in unternehmerische Gründungen umzusetzen, bleibt deutlich Luft nach oben. Michael Stampfer, Geschäftsführer des Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds (WWTF), zeigt auf, was in seinen Augen zu tun ist.

KURIER: 2025 wurden in Österreich 90 Spin-offs gegründet, in Deutschland waren es dagegen viermal so viele. Kann die Förderung das Ergebnis verbessern?

Michael Stampfer: Weder der Laser, noch die Magnetresonanz wurden von Wissenschafterinnen und Wissenschafter als industrielle Anwendung entwickelt und die Quantenphysik war einmal ein rein neugiergetriebenes Forschungsgebiet. Deswegen sagt das eine Lager: „Forscherinnen und Forscher sind kreativ, niemand soll sich in ihr Tun einmischen.“ Die anderen verweisen auf Länder wie China, Korea oder die USA. Diese betreiben seit Jahrzehnten stärker zielgerichtete Forschungsförderung – dass das die Wirtschaft stärkt, sieht man. Im Moment schlägt das Pendel auch bei uns eher in die zweite Richtung aus, was auch daran liegt, dass die Herausforderungen für Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt so groß sind, dass man sich nicht nur darauf verlassen kann, dass die richtigen Forschungsergebnisse schon irgendwann kommen werden. Dafür braucht es aber einen strategischen Ansatz.

Sollten also nur mehr wissenschaftliche Projekte gefördert werden, die dem strategischen Ansatz eines Landes entsprechen?

Nein, weil niemand weiß, was morgen ist. Ich plädiere für eine gewisse Schwerpunktbildung, wie es der WWTF oder die Stadt Wien handhaben, die etwa auf Themen wie AI, Life Sciences, digitaler Humanismus und Quantenforschung setzt. Die staatliche Finanzierung der Universitäten muss aber breit bleiben – man darf jetzt nicht sagen: „Wir drehen einfach die Hälfte ab.“

Ist es Forschenden wichtig, ihre Erkenntnisse umzusetzen?

Der Hunger nach Wissenserwerb ist in Österreich seit Langem groß. Der Hunger nach Umsetzung ist stark gestiegen. Allerdings ist der Hunger, durch Firmengründung Milliardär zu werden, im Vergleich zu anderen Weltgegenden nicht so ausgeprägt. Leider sind in Österreich die Möglichkeiten, durch eine rasch wachsende Hightech-Firma Milliardär zu werden, auch gering.

Interview mit Michael Häupl, Markus Hengstschläger und Michael Stampfer

Der Hunger nach Wissenserwerb ist in Österreich seit Jahren groß. Der Hunger nach Umsetzung ist stark gestiegen.“

von Michael Stampfer, Geschäftsführer des Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds

Woran krankt es in Österreich?

Ich möchte ein paar Fragen formulieren, anhand deren Antworten die Probleme ersichtlich werden: Glauben Sie, dass eine österreichische Universität jemandem mit 25 Jahren Entrepreneurship- und Start-up-Erfahrung 300.000 Euro im Jahr zahlt? Nein, weil das Geld nicht da ist und es die Gehaltspyramiden durcheinanderwerfen würde.

Stellen Sie sich vor, Sie gründen eine Hightech-Firma, weil Sie ein super Produkt haben. Vom Wirtschaftsservice haben Sie eine Gründerförderung bekommen, nun aber müssen Sie 100 Millionen Euro raisen, um in den Markt zu kommen. Glauben Sie, dass das leicht ist? Nein, auch weil es keinen großen europäischen Kapitalmarkt gibt.

Sie haben ein innovatives, unerprobtes Produkt. Glauben Sie, dass Sie es einem Ministerium oder einer Magistratsabteilung als Erstkunde verkaufen können? Nein, weil so etwas in Österreich an sehr konservative Ausschreibungsbedingungen gebunden ist. Das Vergaberecht ist nicht sehr risikofreudig.

Das sind nur drei Beispiele, die zeigen, wo wir hinter anderen Ländern hinterherhinken. Nehmen wir als Beispiel Schweden: Das ist kein viel größerer Markt als Österreich, aber dort gibt es Vorteile im Steuerrecht, einen größeren Kapitalmarkt und risikofreudige institutionelle Investoren. Das ermöglicht, dass viel mehr Firmen über die Gründungsphase hinaus in ein richtiges Wachstum gebracht werden können – die besten Beispiele sind Klarna oder Spotify.

Das Herholen und Halten von Talenten ist für mich ein  zentraler Punk für mehr Wissenstransfer und Gründungen.“

von Michael Stampfer, Geschäftsführer des Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds

Das klingt alles pessimistisch. Was müsste sich ändern, damit der Wissenstransfer von der Forschung in die Wirtschaft optimiert wird?

Es gibt ja auch durchaus positive Signale. Risikokapitalgeber wie etwa Speedinvest sind ganz fantastische Investoren. Auch die Wissenschaft selbst wird immer besser und es gibt große Bemühungen auf den Unis und in den Forschungseinrichtungen, die Transferstrukturen zu verbessern. Es ist nicht zu spät. Aber wir müssen noch stärker Gas geben. Und es gibt auch eine Reihe von guten Ideen. Ich halte etwa viel davon, es für Versicherungen und Pensionskassen attraktiver zu machen, Risikokapital zur Verfügung zu stellen, und wir müssen einen europäischen Kapitalmarkt aufbauen. Ich würde mir Finanzierungsinstrumente für die Universitäten wünschen, damit sie Forschungszweige, die stärker performen, entsprechend belohnen können, ohne dass die anderen Wissenschaftsfelder über alle Gebühr leiden. Wichtig ist auch, talentierte Wissenschafter aus der ganzen Welt möglichst schnell und unbürokratisch holen zu können. Man muss ihnen attraktive Karrieren an den Unis und Forschungseinrichtungen anbieten und sie dann nicht gleich wieder aus dem Land werfen, wenn sie eine Firma gründen wollen. Das Herholen und Halten von Talenten ist für mich ein zentraler Punkt.

Ein heikles Thema ist die Kleinteiligkeit des Systems. Wir haben in Österreich etwa zwei- bis dreimal so viele Institutionen im höheren Bildungs- und Forschungsbereich pro Million Einwohner als Vergleichsländer – nämlich 70 unabhängige Unis, Fachhochschulen und Privatuniversitäten, von letzteren sind die Hälfte Privat-Universitäten der Bundesländer. Zugleich haben wir ein Finanzierungsproblem. Da muss man die Frage stellen dürfen, ob man nicht Anreize setzen sollte, damit es zu Fusionen kommt. Dann gibt es an einem Standort weniger Einzelinstitutionen, die aber für Schwerpunkte, zentrale Services oder Transfer mehr Geld ausgeben könnten. Sie wären auch in den Rankings sichtbarer, was sie attraktiver für Talente und Kooperationen machen würde. Es gäbe also gute Gründe, warum dieses Klein-Klein nicht immer der einzige Weg ist.

Was würden Sie sich persönlich für die Zukunft wünschen?

Ich möchte irgendwann einmal in Wien-Schwechat ankommen und nicht nur Werbungen für Schnitzel, Sehenswürdigkeiten oder Klimt-Bilder sehen, sondern für innovative, österreichische Hightech-Firmen. Denn dann haben wir es geschafft! (lacht)

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